Frölein Eschers Gotthardfahrt

Verzehrt von Sehnsucht nach Süden, verzaubert die Magd Elsie in Silvia Tschuis Roman «Jakobs Ross» die Damen der Zürcher Society mit geheimnisvoll bestickten Stoffen. Wie daraus der Gotthardtunnel entstand, erklärt eine unpublizierte Passage des Romanmanuskripts.

Wenn jetzt all die Geschichten von dem Elsie ihren Stickereien mit Eibenwäldern darauf verzellt werden sollten, so würde man mit dem Elsie seiner eigenen Geschichte viel zu langsam weiterkommen. Vom Hundertsten ins Tausendste will wohl auch niemert gelangen, aber item, es nimmt vielleicht doch noch wunder, was wohl mit dem anderen Frölein war, das, wo nämlich dem Frölein Pestalozzi die erste Stickerei mit Eibenwäldern darauf aus den Fingern gerissen hat. Nötig hätte sie eine solche Reisserei beim Eid nicht gehabt, die Mittel von dem Frölein Escher haben die vom Frölein Pestalozzi bei weitem überstiegen. Aber das Frölein Escher hat eben einen Blick auf die Stickerei geworfen und sofort gewusst, dass das Eibenwaldgrün genau zu dem grüenen sametigen Bezug von ihrer einten Reisekutsche passt, und kaum ist sie vom Markt wieder in der Villa Belvoir in der Enge gewesen, ist nach dem Zimmermeitli geläutet worden, das solle tuschüst nach der Schneiderin schicken.

Rechte Kommotionen hat das dann amigs nach der ersten Anprobe gegeben, alle drei Tage hätte die Schneiderin ihre Aufwartung mitsamt der Näherei machen sollen, so ungeduldig ist das Frölein Escher auf ihr neues Reisekleid gewesen. Das erste Mal ist die Näherin fast drei viertel Stunden zu spät gewesen und hat das Frölein Escher nur noch per Zuefall angetroffen und recht eisig.

Die Schneiderin hat sich aber dann vill tausendmal entschuldigt, sie wisse auch nicht, wie ihr das Malheur hätte passieren können, sie seig auch auf dem direkten Weg von der Schneiderwerkstatt in die Villa Belvoir gewesen und schon im Park. Der alte Wald mit den flechtenüberhangenen Bäumen, der seig ihr dort aber noch nie aufgefallen, in dem habe sie sich eben verlaufen und immer hinter jedem Baum habe sie gemeint, jetzt sei sie dann grad vor der Villa. Sie habe es schon mit der Angst bekommen und Gott sei Dank aber die Chilenglocken von der Enge her gehört und dann habe sie die Richtung gewusst.

Aber das Frölein Escher hat keine Zeit gehabt zum auf das tumme Geschwätz von einer kleinen Schneiderin zu losen und hat nur gemeint, das Frölein solle toutjustement aufhören, so einen Chabis zu verzellen und das nächste Mal eben eine Stunde früener aufbrechen, wenn sie sich derart versäume auf dem Weg, und jetzt soll sie aber weidli mit der Anprobe anfangen.

Das nächste Mal ist es dann aber nicht besser gewesen, und wie das Frölein Escher bei der dritten und letzten Anprobe ein Zimmermeitli geschickt hat zum die Trödelschneiderin abzuholen, nicht ohne ihr öppis derfür vom Lohn abzuziehen, da hat es das Schneiderfrölein sogar zustande gebracht, wieder eine Viertelstunde zu spät zu sein und sich in der Villa Escher vom Dienstboteneingang bis zum Ankleidezimmer gründlich zu verirren und dann dort dem Frölein Escher schon wieder mit tunklen Wäldern, wo scheints direkt hinter der escherschen Vorratskammer anfangen, in den Ohren zu liggen.

Sobald aber das Frölein Escher in ihrem neuen Reisekleid dann auch das erste Reisli unternommen hat, hätte sie sicher guet daran getan, sich an die Worte von der Schneiderin zu erinnern, aber für so ein Frölein Escher, mit all dem Geld von der Welt im Sack und dem Kopf voller Literatur und Kunst, ist das Geschwätz von Milchmeitli und Schneiderinnen natürlich so lästig wie öppen eine Fliege, wo sich am Morgen in den Salong verirrt hat. Und so hat das Frölein Escher als erstes nach dem ersten Reisli veranlasst, dass in der ganzen Villa die Vorhänge abgenommen worden sind, weil diese «staubigen Flechten» ihr wie versteineret vorkämen und ihr die Sicht draussen nähmen, und eine klare Sicht sei in jeder Lebenslage wichtig, sonst käme man ja nicht mit frischem, klarem Geist vorwärts.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»