Frischekur für die Volksseele

Mindestens zwei Seelen wohnen in Helvetias Brust. Stolz auf ihre Institutionen auf der einen und gekränkt durch ihre Kleinheit auf der anderen Seite, hat die Schweiz heute die Wahl: entweder sie zieht sich ins Freilichtmuseum zurück oder sie zeigt Mut zur Erneuerung. Reformvorschläge eines nüchternen Optimisten.

Frischekur für die Volksseele
Georg Kohler, photographiert von Philipp Baer.

Jede tragfähige politische Einheit – ein Land, ein Nationalstaat, in unserem Fall die Schweiz – stützt sich auf Zusammengehörigkeitsgefühle, auf ein Wir-Verständnis, das von normativen Überzeugungen und Werten bestimmt ist. Zu den Vorstellungen des gemeinsamen Konsenses gehört auch die Bereitschaft, um der Zusammengehörigkeit willen Leistungen zu erbringen, die blosses Privatinteresse übersteigen. Inhaltliche Überzeugungen und praktisch wirksame Motive machen das aus, was auch heute noch – im postheroischen Zeitalter – «Patriotismus», «Heimat» oder «Vaterlandsliebe» heissen kann.

Begriffe wie diese klingen zwar antiquiert, gleichwohl ist es richtig, über ihre Bedeutung nachzudenken. Ihre Altertümlichkeit zeigt an, dass einiges an ihnen nicht mehr stimmt. Doch die Unentbehrlichkeit der durch sie bezeichneten Sachen erinnert daran, dass es töricht wäre, sie für überflüssig oder sinnlos zu halten.

Im folgenden gehe ich zuerst dem schweizerischen Basiskonsens, seinen Elementen und deren Zeitgemässheit bzw. Unzeitgemässheit nach, um dann zu überlegen, was zu reformieren wäre.

 

I

Der erste Baustein unserer Zusammengehörigkeit ist das, was gemeinhin als «die politische Kultur der Schweiz» bezeichnet wird. Ich beziehe mich damit sowohl auf ein Ideengeflecht wie auf ein Ensemble von Haltungen und Handlungsbereitschaften. Als ihr Zentrum darf das Konzept der «Willensnation» gelten. Seine Charakteristika prägen seit dem 19. Jahrhundert die politische Identität des Landes. Ernest Renans diesbezügliche Sätze sind deshalb noch heute gültig:

«La Suisse, si bien faite, puisqu’elle a été faite par l’assentiment de ses différentes parties, compte trois ou quatre langues. Il y a dans l’homme quelque chose de supérieur à la langue: c’est la volonté. La volonté de la Suisse d’être unie, malgré la variété de ses idiomes, est un fait bien plus important qu’une similitude souvent obtenue par des vexations.»1

Nicht irgendeiner quasinaturalen ethnischen oder sprachlich-kulturellen Homogenität verdanke die Schweiz ihre staatliche Form, meinte Renan, sondern dem ausdrücklichen, freien und bewussten Wollen ihrer Bürger. Natürlich konnte diese Behauptung schon zu Renans Zeiten als Übertreibung kritisiert werden; allzu stark verdrängt sie die historisch-strukturellen Kräfte und unpersönlichen Traditionsmächte, die auch im Fall der Schweiz die explizite Bundesstaatsgründung getragen und mitverursacht haben. Dennoch trifft sie den entscheidenden Punkt: die Schweiz von 1848 war das Produkt einer intentionalen Konstruktion, zunächst von Eliten und dann der gesamten Bevölkerung. Als solche konnte sie aber erfolgreich nur werden und bleiben, weil ihr Bau der Einsicht in die Logik der Sache folgte – und mit dem Lösungsprimat des politischen Problems die gemeinsame Verpflichtung aller auf einen fairen Gesellschaftsvertrag postulierte.

Von herausragender Bedeutung war dabei die Ausgestaltung des demokratischen Grundbegriffs: der Volkssouveränität. Sie ist im schweizerischen Fall sehr viel mehr als eine theoretische Verfassungsidee. Für die meisten Bürgerinnen und Bürger ist das identitätsbildende Nationalgefühl nämlich selbstverständlich und unmittelbar mit den entscheidenden Elementen der (halb)direkten Demokratie verknüpft. Die Strukturen zur rechtlichen Verwirklichung der Volkssouveränität (wozu nicht bloss die Volksinitiative und das Instrument des Gesetzesreferendums gehören) sind affektiv hochbesetzte Werte. Die Identifikation mit ihnen gehört zum emotionalen Fundament des Wir-Gefühls, das die Integration des mehrsprachigen und kulturell stark diversifizierten Volkes ermöglicht.

Der psychosoziale Sinn des Begriffs der schweizerischen Willensnation, die nie eine Kulturnation oder eine Ethnie war, ist die explizit politische, in der Verfassung Gesetz gewordene Verständigung. Sie – und nicht irgendeine vorpolitische Zusammengehörigkeit – bildet den Grund der nationalen Einheit. Deshalb erscheint sofort alles, was die Gehalte dieser Verständigung in Frage stellt, als potentielle Bedrohung des kollektiven Selbst – und dadurch ebenso der individuellen Identität (zumindest bei denen, die das Schweizersein als einen wesentlichen Aspekt ihrer Persönlichkeit betrachten). – Ob diese Tatsache und die meines Erachtens notwendige Selbsterneuerung der Schweiz einander im Wege stehen, ist die leitende Frage meines Beitrags.

II

Was bisher skizziert worden ist, ist nur die eine, die im eigentlichen Sinn politische Seite des…

Wer ist «wir»?

Einmal im Jahr bitten wir vier ganz unterschiedliche Autoren um ebenso persönliche wie prononcierte Texte zu einem brisanten Thema, das eine vertiefte Auseinandersetzung verdient. Wir legen den ausgewählten Autoren die gleiche Frage vor, versehen mit denselben Anregungen aus unserer Redaktion. Ziel ist eine Debatte im Magazin – und eine weitere coram publico: Sie findet diesmal […]

Frischekur für die Volksseele
Georg Kohler, photographiert von Philipp Baer.
Frischekur für die Volksseele

Mindestens zwei Seelen wohnen in Helvetias Brust. Stolz auf ihre Institutionen auf der einen und gekränkt durch ihre Kleinheit auf der anderen Seite, hat die Schweiz heute die Wahl: entweder sie zieht sich ins Freilichtmuseum zurück oder sie zeigt Mut zur Erneuerung. Reformvorschläge eines nüchternen Optimisten.

Seid sportlich!
Philipp Gut
Seid sportlich!

Mit dem «nationalen Zusammenhalt», permanent beschworen, wird Missbrauch getrieben. Der Bundesrat und staatsnahe Kreise kaschieren damit bloss ihre eigenen Interessen. Nicht Differenz und Dissens sind das Problem der Eidgenossenschaft, sondern voreilige Versöhnung und Pseudoharmonie.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»