Friederike Kretzen – Schweizer Literaturpreise 2018

Die Wirkung der Botenstoffe

Friederike Kretzen – Schweizer Literaturpreise 2018
Friederike Kreuzen, photographiert von Ladina Bischof.

«Lies meine Worte erst, sobald ich weg bin», schrieb ich einst vor einer langen Reise einem Geliebten auf eine Postkarte. Kaum hatte ich sie bei der Abreise in den Briefkasten geworfen, wusste ich nicht mehr, ob ich nicht geschrieben hatte: «Lies sie erst, wenn ich wieder da bin.»

Zwischen dem Weggehen und dem Wiederkommen war dann für die lange Zeit meiner Reise eine Postkarte unterwegs, deren Botschaft sich, kaum war sie abgeschickt, gewendet hatte. Vom Abschied her war da beschwörend der Wunsch in die Zeilen geraten: «Lies mich, so dass ich wiederkomme.»

Postkarten sind Botenstoffe. Kleine geballte Ladungen zwischen da und fort, ihre Worte schon auf dem Weg, noch sind sie gar nicht abgeschickt. Wen sie grüssen, ist dabei so anwesend wie die Grüsse schon fort. Ein zwielichtiges Format, diese Kartenpost, die sich unablässig von zwei Seiten her schreibt. So dass Postkarten nicht einfach nur Botschaften enthalten, sie unterhalten zugleich auch den Fährverkehr der Botschaften, und wie dieser zwischen Fort und Da, zwischen Abschied und Ankommen das verbindet, was getrennt ist.

Postkarten vervollständigen sich im Unterwegssein, das die Zeilen von der einen Seite zur anderen trägt, so dass, zumindest solange sie unterwegs sind, Absender und Adressat, Schreibender und Lesender sich berühren, wenn nicht gar ineinander übergehen. All das geschieht ohne unser Zutun, es spielt lediglich das Postkartenformat mit den zwei Seiten zwischen noch da und schon fort. Schon haben sich die Worte gewendet, haben ihre Plätze gewechselt, und was ich dir, die du fort bist, da schreibe, ist so nah wie ich, während ich dir Grüsse schreibe, die schon fort sind. Auf eine leichte, eben geschickte Weise lebt jede Postkarte von der in ihr beschworenen Anwesenheit des anderen, der, da abwesend, nicht gleich antworten kann. In diesem Aufschub der Antwort wendet sich unser freundlich grüssender Wunsch und wird zum Imperativ: Lies mich! Der auch bedeutet: Schreib mich, so dass ich da bin!

Das macht Postkarten so robust, ja in gewisser Weise unverlierbar. Denn unterwegs träumen sie von ihrem wahren Leben als Literatur, und wie sich deren Worte von Posten zu Posten, von Seite zu Seite durch Raum und Zeit bewegen. Dabei abkommen von den direkten Wegen, so dass sich ihre Bedeutungen aufschieben, aufheben, und dennoch bleiben, da und auch nicht, zirkulär, unzeitig, vorgängig. Wobei ihre Rückkehr von lange vor ihrem Abschied her zu erwarten steht.

 

Erste Botenstoffe

Postkarten zu empfangen bringt einen zum Unterwegssein. Schon ist es um einen geschehen. Meine ersten Postkarten habe ich mir bei den Kriegswitwen und Vertriebenen der Nachbarschaft erbeten. Der Weg zu ihnen über den Rasen, an den Rosenhecken vorbei zum Waldrand, zu ihren Türen, der Übergang in ihre Räume waren zugleich meine ersten Reisen, die mich zu fremden Küsten und Leben brachten. Bereitwillig gaben sie mir ihre Karten weiter, die ich lange studierte, indem ich sie hin, her, von vorne nach hinten wendete. Überall steckten Botschaften von Vertriebenen, Verschollenen, Tanten, Onkeln, Müttern, Kindern, und sie sprachen mich an. Zwar konnte ich noch nicht lesen, ich las aber zwischen den Zeilen und durch die Wörter hindurch. So fand ich alle möglichen Nachrichten, die mir aus einer Welt geschickt worden waren, die woanders war, immer woanders, und darum liess sie mich grüssen. Egal, ob die Karten nicht an mich adressiert waren, sie schickten mir aus einer grossen Ferne mit kleinen Bildchen ̶ Kerzen, Blumen, Engel, Rehe, Tannen ̶ versehene gute Wünsche.

Ich sammelte die Karten. Sie waren mein Schatz, Zeugen von Reisen auch in die Zeit, die ich weit weg als eine andere gemacht hatte. Ich besitze den Schatz noch heute, verwahre ihn in einer alten Zigarrenkiste meines Vaters. Sie haben sich nicht in Rauch aufgelöst, sondern erfüllen mich, wenn ich sie heute betrachte, mit dem Zauber meiner frühen Reisen, die ich mir aus ihnen zusammengelesen hatte.

 

Die andere Seite der Botenstoffe

Von anderer Art, wenn auch aus dem gleichen Fährverkehr kommend, waren die Grüsse, die mir meine Mutter vom Ungeschickten ausrichtete. «Ungeschickt lässt grüssen», sagte sie, wenn ich etwas in meinem kindlichen Ungeschick verdorben hatte. Ein deutscher Erziehungssatz, der noch aus der Zeit Walter Benjamins und seiner Berliner Kindheit kommt. Erstaunlicherweise mochte ich diesen Satz. Bezog ich die Postkartengrüsse der Kriegswitwen auf mich, las mich in sie hinein, so war es bei den Grüssen, die das Ungeschickte mir ausrichten liess, umgekehrt. Ich wurde von ihnen beansprucht, wurde als Teil einer Gemeinschaft, einer Bruderschaft von Schwierigen angesprochen. Auch sie mussten irgendwie geschickt sein, woher sonst sollte meine Mutter ihre Grüsse erhalten haben, die sie an mich weitergab. Nur war ihre Post eine ganz und gar vertrackte. Womit mir eine Gemeinschaft erwuchs, in der eine andere Verletztheit und Unvollständigkeit lebte, die, so hoffte ich ganz instinktiv, gnädiger wäre meinem Fehlen und meinen Fehlern gegenüber. Eine Gemeinschaft, die zu all dem gehörte, was zerbrochen, verschüttet und falsch geleimt übrigblieb. Die Grüsse vom Ungeschickten eröffneten mir eine noch abgelegenere Gegend, die mit der, in der ich lebte, durch ungewisse Ohnmacht verbunden war. In ihr würde ich, dessen war ich mir sicher, alles finden, was mir entging. Wie der andere Pol jeder Postkarte, die ihre Grüsse an das schickte, was nicht da war, oder wenn, dann nur in fehlender Form.

Solange das Ungeschickte grüsste, war nichts verloren, ging nichts verloren in der Welt, es gab ja immer noch das Ungeschickte, das, was machte, dass etwas nicht geschickt war, nicht geschickt wurde, und das war dann das Schicksal.

Womit wir bei der Schule des bucklicht Männleins sind. Jene Gestalt aus dem deutschen Kinderbuch von Georg Scherer, die uns Walter Benjamin aufs genaueste zu verstehen gegeben hat: «Will ich in mein Küchlein gehen, / Will mein Süpplein kochen; / Steht ein bucklicht Männlein da, / Hat mein Töpflein brochen.»

Dieses Männlein ist der Chef des Ungeschickten, es steht uns immer bevor, es ist zuvorkommend, wie Benjamin schreibt, sagt nichts, verdirbt nur alles, noch bevor wir es tun können. Insofern ist es freundlich und erinnert uns daran, wie unvollständig wir sind.

 

Bucklige Boten und ihre Stoffe

Können wir wissen, was wir schreiben? Schreiben wir allein, sind wir Herr oder Herrin im Schreibhaus? So vieles überlesen wir, entgeht uns, doch ist es da, spricht, zirkuliert.

Es gibt fürs Schreiben nur eins: uns von der Ungewissheit der Wörter und was wir mit ihnen zu tun haben, zu erzählen. Das ist das Abenteuer des Schreibens.

Es braucht keine anderen, spektakulären Unternehmen, um dem Abgrund der Ungewissheit unserer Worte zu begegnen, als Postkarten zu schreiben. Was wir schreibend verschicken, geht ein in alles Unangekommene, Verzögerte, Zuspätgekommene, dem es sich mitteilt, von dem es sich umschreiben lässt, das es mit sich nimmt. Da ist dann all das Unwichtige, das Übersehene, Überhörte. Kann sein, dass das es ist, was uns schreibt und dem wir schreiben, ohne dass wir sagen könnten, wer es ist, dem wir da schreiben.

Keiner schreibt, der nicht teilhätte an der Erwartung, dass die Wendung von hinter den Wörtern einträte, schweigend, subtil, unermessbar. Jörg Steiner schreibt es von der ersten bis zur letzten Karte ̶ sowohl das Weggehen wie auch das Zurückkommen ist eine Frage auf Leben und Tod. Er sagt es in seiner so leicht dahingeschriebenen Art mit den Worten des kleinen Prinzen: «Partir, c’est mourir un peu», dem er als «der alte Rückkehrer in Biel» beifügt: «Revenir aussi, c’est mourir un peu.» Seine Kartenpost ist der Raum für alle Formen des Abschieds zwischen Wiederkommen, Weggehen und Bleiben.

Ich bin mir nicht sicher, ob, oder anders gesagt, ich bin mir sicher, dass der kleine Prinz beim bucklicht Männlein in die Schule gegangen ist, dass Steiner, als alter Lehrer, alter Fuchs, das wusste, so dass ich nicht anders kann, als in den Zeilen vom bisschen Sterben beim Weggehen und der Rückkehr die Bitte des bucklicht Männleins in seinen angemessen kleinen Worten zu vernehmen: «Liebes Kindlein, ach ich bitt,/ Bet fürs bucklicht Männlein mit.»

Und was ist Beten anderes als Aufmerken, Achten. Es ist das Unwichtige, auch das Bucklige, aus dem uns Aufmerksamkeit entgegenkommt, das auf uns achtet, wenn wir es schon lange nicht mehr können.

 


Friederike Kretzen wurde 1956 in Leverkusen geboren. Seit 1983 lebt und arbeitet sie in Basel. Neben ihrer Tätigkeit als Autorin und Literaturkritikerin doziert sie am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel und an der ETH Zürich.

Ausgezeichnetes Werk: «Schule der Indienfahrer», Frankfurt a.M./Basel, Stroemfeld, 2017


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