Fremdschläfer

Nobody in Montreal

In jenem «alten Haus der Sprache», in dem sich laut Karl Kraus alle Schriftsteller (und Epigonen) tummeln, will Verena Stefan kein Wohnrecht mehr besitzen. Im Gegenteil: die 1947 in Bern geborene Autorin ist Ende der 1990er Jahre bewusst aus diesem morsch gewordenen Gebäude ausgezogen und in die Fremde gegangen, nach Kanada, ins frankophone Montreal, wo sich unterschiedlichste Sprachen und Kulturen kreuzen und überlagern. Dort begann «das Konzept Immigration die alte Person zu tilgen», wie es an einer Stelle von Verena Stefans neuem autobiographischen Roman «Fremdschläfer» heisst. Stefans Prosa, die sich in assoziativ-mäandernden Sätzen vorantastet, erzählt vom Verlust jeder Sprachgewissheit in der Fremde, in der die Dinge und die Wörter ihren angestammten Platz verlieren. Die «Muttersprache», in der «alles Heile» aufbewahrt ist, gerät ins Rutschen, die Reisende navigiert mühsam zwischen dem neuen englisch-französischen Sprachengemisch hindurch.

Eine solche Migrationserfahrung stand schon am Ausgangspunkt von Verena Stefans Biographie. Ihr Vater, aus Böhmen 1945 illegal in die Schweiz gekommen, blieb zeitlebens ein «Nobody» und «Fremdschläfer», ein Ausländer, der sich nie das Berndeutsch aneignen konnte. Aus früheren Publikationen der Autorin wissen wir, wie es weiterging: 1975 schrieb die ehemalige Krankengymnastin Verena Stefan mit ihrem feministischen Bekenntnisbuch «Häutungen» die Innerlichkeitsbibel der Frauenbewegung. Die «Häutungen» suchten nach Haltepunkten für eine «weibliche Sprache» und für ein weibliches Begehren, das sich emanzipieren wollte von der «patriarchalischen» männlichen Sexualität.

Von «Häutungen» handelt im Grunde auch ihr Roman «Fremdschläfer». Auch hier geht es um den weiblichen Körper und um zärtliche lesbische Liebe. Die Protagonistin gerät als «Fremdschläferin» in eine Neue Welt, die alle bisherige Erfahrung überschreitet. Und sie begegnet einem gefährlichen Gegner: es ist der Krebs, der sich in den Körper einnistet und die Protagonistin in das Kraftfeld des Todes zu ziehen droht. Aber der Lebenswille siegt vorläufig über die «chemisch induzierte Brache» des kranken Körpers. Gegen Ende des Buches verweilt die Erzählerin mit ihrer Freundin am Ufer der Aare und beobachtet, wie einige Schwimmer das Wasser «quer zur Strömung bis zur Mitte des Flusses durchpflügen». Diese Szene ist auch als ein Hinweis auf die fluktuierende Bewegung dieser Prosa zu verstehen. Es ist ein stilistisches «Feinstgeschiebe», von dem ein starker Sog ausgeht.

vorgestellt von Michael Braun, Heidelberg

Verena Stefan: «Fremdschläfer». Zürich: Ammann, 2007

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