Freisinnige Lebenskunst

Der Liberalismus ist ein Balanceakt – und die beste Antwort auf die Wut der Empörten.

Der Liberalismus ist keine Sekte. Weder eine heilige Schrift noch ein Philosoph gibt ihm eine abschliessend gültige Dok­­trin vor, auf deren Basis sich Dissidenten und Abweichler dogmatisch verurteilen liessen. Der Liberalismus hat keinen Guru. Er mag Referenzpersönlichkeiten haben, ist im allgemeinen aber skeptisch, ja kritisch gegenüber persönlicher Macht, und sei sie noch so «soft». Der Schweizer Liberalismus ist darüber hinaus vom Republikanismus geprägt. Seine republikanische Haltung gegenüber dem Staat erklärt sich unter anderem aus der Wichtigkeit, die der liberalen Strömung bei der Gründung und Führung jenes Staates zukam, der aus der bürgerkriegsähnlichen Erschütterung von 1848 hervorgegangen war.

Man könnte den Liberalismus vielleicht als eine Lebenskunst kennzeichnen, die sich im Zusammenspiel mit äusseren Umständen, historischen Gegebenheiten und ökonomischen Bedürfnissen entwickelt hat. Die Verweise auf die Vergangenheit sind nützlich, geben aber keine konkreten Antworten. Wie ein Liberaler den aktuellen Pro­blemen begegnen, welche praktischen Lösungen er vorschlagen soll, müssen jene, die sich auf diese liberale Tradition berufen, in jeder Generation aufs neue diskutieren.

Der Liberalismus ist zerbrechlicher als jede andere politische Familie, weil er, anders als linke oder rechte Konservatismen, keine illusorischen Sicherheiten beschwört. Der Liberalismus akzeptiert die Veränderung. Der Idee des – nicht nur materiellen – Fortschritts nahestehend, hat er den Anspruch, selbst ein Faktor des Fortschritts zu sein. Wobei dieser Begriff zu diskutieren wäre, denn auch für einen Liberalen sind nicht alle Veränderungen Fortschritte.

Der Liberalismus ist eine Regierungskunst, die in der Gesellschaft ein Gleichgewicht zwischen den verschiedenen menschlichen, politischen, ökonomischen, kulturellen und sozialen Bedürfnissen herzustellen versucht. Auch wenn er dabei den Kompromiss praktiziert, ist der Liberalismus keine Doktrin des Kompromisses. Die Lösungen, die er vorschlägt, sollen nicht Resultat eines Kräftemessens, sondern Ausdruck einer tiefen Überzeugung sein.

 

Notwendige Zurückhaltung

Angesichts der Vielfalt von Situationen und Individuen kann es in den Augen eines wahren Liberalen keine perfekten politischen Lösungen vom Staat geben; dieser hat sich folglich politisch und praktisch notwendig zurückzuhalten. Der Liberalismus ist darauf ausgerichtet, einen Raum zu schaffen, der es all den unterschiedlichen Individuen ermöglicht, ihr Bestes zu geben, sich zu entfalten und ihr Lebensprojekt zu realisieren. Dabei wissen die Liberalen, dass das Individuum kein isoliertes, asoziales Wesen ist, sondern in Gemeinschaft lebt – zunächst mit seinen Verwandten, dann, in einem weiteren Sinn, auch mit seinem Land und der gesamten Menschheit. Zwischen diesen verschiedenen Stufen gibt es keine Gegensätze, sondern bloss eine priorisierende Ordnung, welche die menschlichen Freundschaften vom Nächsten zum Entferntesten strukturiert. Die Liebe zur Menschheit ist abstrakt, solange sie sich nicht auf der Ebene des Nächsten konkretisiert.

Man merkt, dass der Liberalismus in einer Zivilisation entstanden ist, die von der griechischen und römischen Kultur durchdrungen, vom jüdisch-christlichen Erbe beeinflusst und vom Geist der Aufklärung geformt worden war. Die Ursprünge von vielen Kernelementen der liberalen Überzeugung liessen sich weit zurückverfolgen. Bei den Griechen findet sich das erste Nachdenken über die Stadt, die Demokratie, die Gründe für einen Staat; im Christentum die Idee, wonach die menschliche Person höchster Richtwert politischen Handelns sei, und ebenso die Vorstellung einer nicht mehr zyklisch, sondern linear verlaufenden Geschichte und damit das Konzept von Fortschritt; in der Aufklärung nicht nur die Idee einer vernünftigen Moral, die allen eignet und dadurch in einer Welt ohne theologische Referenz politische Macht legitimiert, sondern auch die ökonomische Vision, die auf den Effort eines jeden, auf individuelle Verantwortung, unternehmerische Freiheit und den Markt abstellt.

Eine solche Genealogie der liberalen Überzeugungen zu erstellen, ist natürlich gewagt. Jede Feststellung müsste mit Nuancen präzisiert werden, Einschränkungen wären zu akzeptieren, Vervollständigungen vorzunehmen. Und dennoch: Was, wenn nicht dieses Erbe, könnte letztlich erklären, weshalb der Liberalismus hier in Europa und in den europäischen Kulturen aufblühte und nicht anderswo? Diese Frage habe ich schon…

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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