Freiheit statt knechtende Sprachmeisterei

Eduard Engel, zitiert aus: «Deutsche Stilkunst», Dreißigste, umgearbeitete und vermehrte Auflage 1922, S. 97 f.

Vergebens werden ungebundene Geister

Nach der Vollendung reiner Höhe streben.

In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister,

Und das Gesetz nur kann uns Freiheit geben.

(Goethe)

Begonnen wurde dieses zweite Buch mit einer Betrachtung der knechtenden Sprachmeisterei; beschlossen sei’s mit der Freiheit. Sollte ich selber dem Leser, der bis hierher ausgehalten, als ein schulmeisternder Pedant erschienen sein, weil mir einiges in Sprache und Stil unsrer guten, gar vieles in den Werken unsrer mittelmäßigen und schlechten Schriftsteller mißfällt, so habe ich für ihn nicht geschrieben, denn er vermag nicht den Zorn der Liebe zu unsrer ruhmwürdigen Sprache von Pedanterei, nicht Freiheit von Willkür zu unterscheiden. Ich hoffe jedoch, daß die meisten Leser deutlich herausgefühlt haben, wie ich über Zwang und Freiheit in dieser unsrer gemeinsamen großen Sache denke. Mein Grundsatz ist in sechs Worten: Im Notwendigen Einheit, im Zweifelhaften Freiheit; und da es weit mehr Zweifelhaftes als unerschütterlich Notwendiges gibt, so darf ich mich rundweg einen Vertreter größtmöglicher Freiheit in allen Fragen deutscher Sprache und Stiles nennen.

‹O Muttersprache! reichste aller Zungen!› Wahrlich, deine Schatzkammern sind so unerschöpflich, so unübersehbar; deine Mannigfaltigkeit, deine Herrschgewalt gepaart mit bestrickender Zartheit so einzig in der Welt, daß dir mit kleinlicher Silbenstecherei und eigensinnigem Kleinmeisterwesen garnicht beizukommen ist. Freiheit hat dich durch die Jahrtausende begleitet; oft ist sie ausgeartet in zügellose Unordnung; fremdes Unkraut hat deine blühenden Saaten durchwuchert, manchen gesunden Keim auf ewig zerstörend. Doch immer wieder hat deine unvertilgbare Lebenskraft obgesiegt über Heimsuchungen, die den Sprachen andrer Völker den Untergang oder die Zersetzung ihres innern Wesens bereitet haben würden, vielen bereitet haben. (…)

Kein gewaltsamer Eingriff in das Grundgerüst

der Sprache ist je geglückt (…).

In den unendlichen Bereichen der deutschen Sprache ist Raum für die freieste Form, den kühnsten, den eigenwilligsten Stil, für jede noch so schrankenfeindliche große Persönlichkeit. Aber nur dieser, nicht jedem unkünstlerischen Stümper, der durch willkürliche Sprachmätzchen Aufsehen erregen will, räumen wir die Freiheit ein, die wir meinen. Goethe durfte ruhig schreiben: ‹Der geistreiche Mensch knetet sich seine Sprache selbst. (…). Die von ihm geforderte Freiheit ist eben die Goethische überhaupt: ‹die Möglichkeit, unter allen Bedingungen das Vernünftige zu tun.› Was in der Prosa die Freiheit des Vernünftigen sei, darüber entscheidet nicht der Schreiberhochmut des Einzelnen, sondern ein sehr vornehmer und strenger Richter: der gute Geschmack. (…) Herder erklärte: ‹Ein Meister entscheidet durch sein königlich Beispiel mehr als zehn Wortgrübler.›»

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»