Freiheit, Reichtum und Familie

Sie gilt als privilegierte Leistungsträgerin, doch gibt sie nichts auf das Urteil anderer: Eigenverantwortung, sagt Carolina Müller-Möhl, stehe für sie an erster Stelle. Gleichzeitig will sie die staatliche Infrastruktur für Kinderbetreuung ausbauen, um die Wahlfreiheit der Frauen zu vergrössern. Ein Widerspruch? Ein Streitgespräch.

Freiheit, Reichtum und Familie
Carolina Müller-Möhl, photographiert von Suzanne Schwiertz.

Sehen Sie sich als Leistungsträgerin?

Gute Frage. Was ist das eigentlich, ein «Leistungsträger»?

Im Sport sind das jene, die mit gutem Beispiel vorangehen.

Wenn Leistungsträger Leute sind, die sich bewusst eigene Ziele setzen und den Ehrgeiz entwickeln, sie zu erreichen, nun, dann bin ich gerne eine Leistungsträgerin. Jeder Mensch definiert selber, ob er dazugehört oder nicht.

Die Rede von Leistungsträgern gehört zur politischen Rhetorik. Die Zugehörigkeit wird über die Höhe des Einkommens oder über die gesellschaftliche Anerkennung definiert.

Beides kann man verdient haben oder nicht. Darum bleibe ich dabei: Jeder entscheidet selbst, ob er ein Leistungsträger ist – oder nicht. Wobei ich sogleich hinzufügen möchte, dass es nichts Ehrenrühriges ist, kein Leistungsträger sein zu wollen. Das hängt von der Lebenseinstellung jedes einzelnen ab.

Sie haben den Begriff nun souverän dekonstruiert. Ich frage darum anders: Würden Sie von sich behaupten, Sie seien als Unternehmerin erfolgreich?

Auch hier möchte ich klar zwischen Selbst- und Fremdzuschreibung unterscheiden. Viele meiner Ziele habe ich erreicht, einige nicht. Insofern würde ich sagen: Ja, ich habe Erfolg.

Was andere sagen, interessiert Sie nicht?

Kommt darauf an, wer die anderen sind. Viele, die beurteilen, verfügen nicht über die Grundlagen für ein qualifiziertes Urteil. Ich meinerseits bemühe mich, eigene Massstäbe zu definieren und auf mein Leben anzuwenden.

Zählen Sie sich zu den Reichen?

Warum stellen Sie mir diese Frage?

Weil Reichtum heute fast schon ein Makel ist. Wer sich offen zu seinem Reichtum bekennt, macht sich verdächtig und muss damit rechnen, an den Pranger gestellt zu werden.

Ist das so? Ist das vor allem in der Schweiz so? Mein Problem mit der Frage ist, dass sie mir – im Gegensatz zu anderen wohlhabenden Menschen – auffallend oft gestellt wird, mich selbst aber nicht so sehr interessiert. Mich beschäftigt, was ich weiss, wer ich bin und was ich bewegen kann. Wollte man denn früher einfach nur reich werden?

Das habe ich nicht gesagt. Mein Punkt ist: Reichtum klingt fast schon nach Bereicherung, der Neidgesellschaft sei Dank. Dabei ist es ein ebenso legitimes wie erstrebenswertes Ziel – es bietet Unabhängigkeit, freies Denken. Calvinistisch gesprochen: Reichtum ist Zeichen des beruflichen Erfolgs – also eine Auszeichnung.

Das ist mir zu simpel. Man kann reich sein, ohne erfolgreich gewirtschaftet zu haben, und man kann seinen Beruf erfolgreich ausüben, ohne dabei reich zu werden.

Dennoch möchte ich von Ihnen wissen: Würden Sie sich selbst als reich bezeichnen?

Ich war immer eine Leistungsträgerin, aber ich war nicht immer reich. Ich bin die Tochter eines Akademikerehepaares und entsprechend aufgewachsen. Und wie gesagt, die Fixierung auf die Frage nach materiellem Reichtum fand ich damals so oberflächlich und unnütz wie heute. Natürlich gehört es zu meinen Aufgaben, das Vermögen der Familie gut zu investieren – dabei ist aber die pekuniäre Rendite bloss ein Teil erfolgreichen Wirtschaftens. Geld ist kein Selbstzweck. Materieller Reichtum gibt mir zwar viel mehr Dispositionsfreiheit und Unabhängigkeit. Ich sehe meine Aufgabe aber vor allem darin, diesen Freiraum zu nutzen, indem ich Werte schaffe und lebe, Projekte in Bewegung bringe und damit hoffentlich ansteckend wirke.

Braucht es Mut, sich in Zeiten, in denen Initiativen mit Namen wie «Nehmt den Reichen das Geld weg!» laufen, unverblümt als reich zu bezeichnen?

Wie bitte? Die Bezeichnung gebe ich mir ja nicht selbst! Im Gegenteil, ich finde, die Bezeichnung widerspiegelt höchstens einen Zustand, aber nicht, wer ich bin. So oder so, es ist keine Mutfrage, sondern ein Fact. Man kann mich googeln, es existieren Reichenrankings in der Schweiz. Dieses Etikett haftet mir nun mal an. Zudem bin ich heute eine öffentliche Person. Darum stellt sich die Frage für mich anders: Bin ich jemand, der dieses Profil sucht? Oder bin ich jemand, der seine…

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»