Freiheit, die sie meinen

Mit Freiheit betrügt man sich unter Menschen allzu oft. Wie die Liebe und die Gerechtigkeit zählt die Freiheit zu den erhabensten Werten, entsprechend erhaben fallen die Täuschungen aus. Mit dem Sturz des alten Regimes beginne die hohe Zeit der Freiheit, verheissen die Fahnen des Aufstands. Aber niemals war es die Freiheit, die das Volk angeführt […]

Mit Freiheit betrügt man sich unter Menschen allzu oft. Wie die Liebe und die Gerechtigkeit zählt die Freiheit zu den erhabensten Werten, entsprechend erhaben fallen die Täuschungen aus. Mit dem Sturz des alten Regimes beginne die hohe Zeit der Freiheit, verheissen die Fahnen des Aufstands. Aber niemals war es die Freiheit, die das Volk angeführt hat. Mit der Vertreibung der fremden Herren fänden die Stämme zu nationaler Einheit und die Verdammten zu freier Selbstbestimmung. Doch folgen den ausländischen Herrschern die einheimischen Despoten meist auf dem Fusse. Freier Handel wahre den Frieden und bringe Wohlstand allüberall. Oft zementiert das Abkommen indes den einseitigen Vorteil, und den Händlern folgen die Krieger, denn die preiswerteste Form des Besitzwechsels sind Raub und Ausbeutung. Freie Wahlen garantierten, so die demokratische Propaganda, dass jedermanns Stimme gehört werde, aber die Wahl ist kaum mehr als eine Episode im Kreislauf der Parteieliten. Die Obrigkeit befreie die Untertanen von Elend und Armut, verkünden die Propheten des Wohlfahrtsstaates und führen die Gläubigen geradewegs ins Gehäuse betreuter Hörigkeit. Die Freiheit, so scheint es, ist zur Worthülse verkommen, zum ideologischen Blendwerk. Der Sinn des hehren Wortes wechselt mit den Interessen. Schlimmer noch, nicht selten ist die Bedeutung ins Gegenteil verkehrt. Das Wort dient zur Vertuschung von Unfreiheit, zur Rechtfertigung jener harten und weichen Zwangsverhältnisse, zu deren praktischer Kritik es einstmals gedacht war.

Man erinnere sich: Freiheit ist der Widerpart der Macht, und zwar jedweder Macht, sei es im Staat oder auf dem Markt, im Betrieb, in der Familie, im Verein oder Verband. Kein soziales Feld ist vor der Freiheit sicher. Wo ihr die Tore verschlossen sind, stellt sich sofort die Frage, wem die Willfährigkeit zunutze ist. Wo Freiheit herrscht, hat niemand die Chance, seinen Willen auch gegen Widerstand durchzusetzen. Freiheit paralysiert das Getriebe von Macht, Herrschaft und Gehorsam: ihr Metier ist der Konflikt, und zu ihren ersten Zielen zählt der Ausgleich jener Ungleichheiten, auf denen die Macht jeweils beruht. Mitnichten ist der Freiheit die Ungleichheit gleichgültig. Im Gegenteil: wo immer Macht auf Abhängigkeiten gründet, gehören diese ins Visier. Oftmals sind Tausch und Vertrag von Asymmetrien durchwirkt, die jeder Freiheit Hohn sprechen.

Macht speist sich aus vielerlei Quellen, aus überlegenem Wissen, durchschlagenden Gewaltmitteln oder unangreifbaren Besitztümern. Die Verfügungsgewalt über Geld, Güter und Gesetze, über Informationen und Weltdeutungen, über Waffen, Peitschen und Zuckerbrote füllen die Arsenale der Macht. Zudem betäubt die Botmässigkeit der Unterlegenen die Chancen zur Freiheit. Dumpfe Gewohnheit und wohlfeile Selbsttäuschung, die Sehnsucht nach Autorität, der Irrglaube an die blosse Legalität eines Verfahrens, die Amtsordnung einer Institution oder die vermeintliche Richtigkeit eines Konsenses, alle diese Einstellungen unterhöhlen die Freiheit. Sie lassen die Menschen auf Widerworte und Gegenwehr verzichten. So hält die Macht manchmal keinen anderen Trumpf in Händen als den Glauben an ihre Überlegenheit oder ihre Berechtigung.

Jede Macht ist darauf aus, den Menschen die Fähigkeit zu rauben, nein zu sagen. Sie will, dass sie ihr zu Willen sind. Daher meidet sie meist den Konflikt, die harte Probe aufs Exempel. Ihr Traum ist die spurlose Vernichtung der Freiheit, die lautlose Errichtung von Herrschaft. Die Freiheit indes, die sich weder beschwichtigen noch einschüchtern lässt, kündigt den Gehorsam auf und streift die Fesseln der freiwilligen Knechtschaft ab. Auch mit halbierten Freiheiten lässt sie sich nicht abspeisen. Die Freiheit der Gedanken allein ist ihr zu wenig, der Schutz des Privaten ebenso und die Freiheit zum Wirtschaften ohnehin. Wer derart die Freiheit halbiert, öffnet der Macht das Tor zur Herrschaft. Und wer sich aus Konformismus oder Bequemlichkeit blind stellt gegenüber den Tücken und Tatsachen der Macht, der hat den Sinn der Freiheit bereits verloren.

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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