Freies, wahrhaftes Christentum

Die schweizerischen Landeskirchen pflegen eifrig den Dialog mit dem Islam. Wie aber halten sie es mit dem christlichen Bekenntnis?

Niemand soll behaupten, gegen das Minarettverbot hätte es keine guten Argumente gegeben. Eine Bauvorschrift in der Verfassung ist ordnungspolitisch ebenso fragwürdig wie eine Sondereinschränkung für eine einzige Religion. Gute Argumente gab es freilich auch dafür. Der Islam unterscheidet grundsätzlich nicht zwischen Religion und Staat. Er versteht sich als umfassendes System mit wenig Sympathie für die Freiheit des Individuums. Das hat soeben die Ernennung des ägyptischen Grossmuftis durch den Diktator Mubarak gezeigt.

Blickt man auf politische Kultur, Bildungswesen, Rechtssicherheit und Menschenrechtslage in islamischen Ländern von Westafrika bis Indonesien, so ist die Bilanz erschütternd. Herbert Lüthy und andere unverdächtige Zeugen haben dies längst beschrieben (vgl. den Islamexkurs in Lüthys Buch «Frankreichs Uhren gehen anders») – zu Zeiten, als die Debatte noch nicht durch Rücksichten beeinträchtigt war.

Das Minarettverbot trifft zwar den problematischen Punkt des Islams nicht. Es setzt jedoch einen Vorbehalt. Dieser ist eng begrenzt und respektiert die Religionsfreiheit. Insofern war die Volksinitiative klug angelegt.

Es war der österreichisch-britische Philosoph Karl Popper, der in seinem während des Zweiten Weltkriegs verfassten Hauptwerk «Die offene Gesellschaft und ihre Feinde» die Frage aufwarf, wieviel Freiheit den Feinden der Freiheit zuzubilligen sei. Seine Antwort war glasklar: «Wenn wir unbeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen.»

Wenn der liberale Staat mithin seinen Bürgern ein Maximum an persönlicher Freiheit zubilligt, so verpflichtet ihn das in keiner Weise, diese auch den eingeschworenen Feinden der Freiheit zu gewähren. Wie aber denken diese «Feinde der Freiheit»? Deren Standpunkt hat der französische Pamphletist Louis Veuillot im 19. Jahrhundert prägnant auf den Punkt gebracht: solange ich der Schwächere bin, fordere ich von dir die Freiheit, denn sie ist dein Prinzip; bin ich hingegen der Stärkere, so nehme ich dir die Freiheit weg, denn das ist mein Prinzip.

Der Freiheitsaspekt allein wäre ein Grund gewesen, das Minarettverbot in den Kirchen offen zu debattieren. Das wurde durch die kategorischen Stellungnahmen kirchlicher Amtsstellen erschwert. «Die evangelischen Kirchen lehnen die Volksinitiative gegen den Bau von Minaretten ab», überschrieb der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK) sein Faltblatt. Es wurde an offiziellen Synodalversammlungen verteilt – ohne Kontroverse. Allfällige Sympathien für das Minarettverbot wurden tabuisiert. Die Redaktion der Zeitschrift «reformiert» fand in ihrem grossen Einzugsgebiet keinen einzigen Pfarrer, der sich öffentlich zugunsten der Initiative hätte äussern wollen. Woher diese Intoleranz der Kirchenleitungen, als würde über einen Genozid abgestimmt?

Der Schlüssel zur Erklärung liegt im Staatskirchentum. Es wirkt vor allem im Kanton Zürich nach. Hier befindet sich der Vorort des Schweizer Protestantismus, und der SEK wird seit über 20 Jahren von Zürchern präsidiert. Die Zürcher Kirche war jahrhundertelang Teil des Staates. Dadurch wirkte viel christliches Gedankengut auf den Staat ein, doch auch das Umgekehrte geschah: der Staat wirkte auf die Kirche ein und benützte zum Beispiel Konfirmandenregister als Grundlage für die Rekrutierung. Gewiss sind Kirche und Staat inzwischen voneinander entflochten. Doch zieht der Staat nach wie vor in den meisten Kantonen die Kirchensteuer ein, auch von juristischen Personen. Kein Wunder, sind alte Reflexe lebendig geblieben.

Beispielsweise war der Religionsunterricht an den Zürcher Schulen bis ins 21. Jahrhundert Staatsangelegenheit. An der Oberstufe wurde er weitgehend von Pfarrern erteilt und vom Staat entschädigt. Auch das während sechs Primarschuljahren mit einer Wochenlektion dotierte Fach Biblische Geschichte (B-Unterricht) war ein staatliches Fach. Es oblag den Lehrkräften, war jedoch gemäss Kirchenordnung Voraussetzung für die Konfirmation.

Der Druck auf die staatlichen Religionsfächer war seit 1990 deutlich spürbar. Da ich als Zürcher Pfarrer (1991–2008) befürchtete, der Staat könnte die Lektionen eines Tages streichen oder zweckentfremden, reichte ich 1997 eine Einzelinitiative ein mit…

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»