Fredmund Malik im Gespräch

99 Prozent der Managementtheorien sind Irrlehren, sagt der Unternehmensberater Fredmund Malik. Ihre naive Anwendung hat zum Unheil beigetragen,
das nun alle beklagen. Malik, selbst Unternehmer, plädiert für eine neue Sicht auf das Unternehmertum. Und für mehr echten Liberalismus. René Scheu hat ihn in St. Gallen getroffen.

Schlechte Zeiten für die Unternehmen sind gute Zeiten für die Unternehmensberater. Einverstanden?

Nein. Viele Unternehmensberater werden die Krise nicht überleben. Nicht weil sich die Einsicht durchsetzt, dass sie teilweise obskure Lehren vertraten. Der Grund ist profaner: den Unternehmen fehlt das Geld, um sie zu bezahlen. Das ist nicht zuletzt eine Folge von Consultingfehlern.

 

Hand aufs Herz – als einer, der Exzesse und gefährliche Entwicklungen schon früh angemahnt hat, fühlen Sie sich nun bestätigt.

Bestätigt schon, befriedigt aber nicht. Der Anlass ist viel zu fatal. Ich habe ihn früh kommen sehen und das auch publiziert. Die Tragik setzt sich nun fort: dieselben Berater, die durch ihre falschen Managementtheorien massgeblich zum aktuellen Desaster beigetragen haben, predigen weiterhin ihre Irrlehren.

 

Konkreter, bitte.

Swissair, UBS, Daimler Chrysler – an den meisten Strategien und Strukturen grösserer Unternehmen haben die üblichen Consultingfirmen mitgewirkt. Die perversen Bonussysteme sind von vornehm klingenden Executive Compensation Consultants erfunden worden. Das Hauptproblem dabei war und ist stets dasselbe: die Kopplung der Einkommen von Führungskräften an den Gewinn und reduktionistische Finanzkennziffern, die die Wirklichkeit eines Unternehmens nicht abbilden. Einfach gesagt: kurzfristige Gewinne – auch um den Preis der Zukunftsfähigkeit des Unternehmens. So entstand als oberste Handlungsmaxime das, was ich den neuen «Pekuniarismus» nenne: möglichst viel Geld in möglichst kurzer Zeit für alle, Angestellte und Aktionäre, obwohl dadurch immer höhere Risiken eingegangen wurden und ein Abbau der realen Leistungskraft der Unternehmen programmiert war. Aus der akademischen Welt wurde das auch noch gelobt und als ultimative unternehmerische Weisheit legitimiert, vorwiegend von Leuten, die davon wenig verstehen.

 

Damit rennen Sie offene Türen ein: die Kritik der Bonussysteme ist mittlerweile allgemein anerkannt…

…schön wär’s. Das Umdenken hat noch nicht wirklich eingesetzt. Die eidgenössische Finanzmarktaufsicht Finma perpetuiert eben den entscheidenden Fehler – nämlich
Boni an die Gewinne zu knüpfen – und gibt das als Reform aus. Und gerade in jenen Unternehmen, deren Boni als besonders empörend empfunden werden, sind die alten Prinzipien noch immer in Kraft. Wir werden daran noch länger zu beissen haben. Viele Berater haben dafür gesorgt, dass amerikanische Managementirrlehren in Europa eins zu eins angewandt wurden. Stichwort «shareholder value», «corporate governance» – wir übernehmen den ganzen Unfug eines Landes, das schon seit einiger Zeit dabei ist, sich selbst zu zerstören.

 

Geben Sie den Amerikanern an allem die Schuld? Wir haben diese Lehren schliesslich freiwillig angewandt.

Ich betreibe kein Amerika-Bashing, sondern benenne die Probleme einer Managementkultur, die unternehmensfeindlich ist, was die aktuelle Krise beweist. Meine Kritik gilt vor allem der widerspruchslosen Übernahme von Irrlehren, obwohl hier bei uns die Bedingungen gänzlich andere sind als in den USA. Die amerikanische business administration wurde naiv nachgeahmt. Mit richtigem Management hat das aber nichts zu tun. Und immer noch gab und gibt es nur wenig kritische Auseinandersetzung.

 

Sie sind auch Berater. Dabei gehören Sie zur raren Spezies jener Unternehmensberater, die Unternehmungen davon abraten, auf Berater zu hören.

Ich rate davon ab, auf erkennbaren Unsinn zu hören. Auf Grundlage meiner Forschungen habe ich mein Unternehmen mit einem klaren Ziel aufgebaut: richtiges Management zu entwickeln und Managementsysteme zu schaffen, die unserer komplexen Welt gewachsen sind. Wenn ich sehe, mit welch primitiven Instrumenten Unternehmen heute noch immer geführt werden, sind dringend Verbesserungen nötig. Es liegt weniger an den Führungskräften selbst, sondern an den untauglichen Systemen, die ihnen vermittelt wurden. Auch der beste Formel-1-Rennfahrer kann kein Rennen gewinnen, wenn man ihm ein untaugliches Auto gibt.

 

Aus Ihrer Sicht gehören 99 Prozent der bestehenden Managementliteratur in den Papierkorb. Sie müssen sich vorkommen wie ein Geisterfahrer. Oder wie ein einsamer Rufer in der Wüste.

Mit dem ersten Satz haben Sie Recht. Bezüglich des zweiten bin bin…

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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