Christine Brand, zvg.

Frau macht sich frei

Über Oben-ohne-Verbote in Freibädern.

 

Im Freibad von Göttingen läuft bis Ende August ein Versuch. Frauen dürfen dort neuerdings samstags und sonntags oben ohne baden. Mit anderen Worten: Sie dürfen sich frei machen. Die neue Freiheit für Göttinger Frauen hat in der Schweiz Diskussionen und politische Forderungen ausgelöst. Auch hierzulande sollen die Frauen in den Freibädern mit nackten Brüsten baden und sich sonnen dürfen.

Ich rieb mir die Augen, als ich davon las. Nicht weil ich etwas dagegen einzuwenden habe. Vielmehr weil ich überzeugt war, dass hier etwas gefordert wird, das längst umgesetzt ist: Ich war mir sicher, dass es in der Schweiz spätestens seit den Achtzigerjahren keine Oben-ohne-Verbote in Freibädern mehr gibt. Ich wurde eines Besseren belehrt: In etlichen Kantonen ist es den Frauen (und zwar nur den Frauen!) verboten, mit nacktem Oberkörper zu baden.

Es ist paradox: In unserer freiheitlichen Gesellschaft geniesst der Busen kaum Freiheit. Bilder mit weiblichen Brustwarzen werden in den sozialen Netzwerken automatisiert gelöscht, während männliche Brustwarzen unbehelligt bleiben. Tatsächlich ist hierzulande sogar öffentliches Stillen noch immer ein Aufreger – während sich gleichzeitig bereits Teenager am Handy Pornos ansehen. Dass in vielen Freibädern das Oben-ohne-Baden verboten ist, ist nicht nur ein Ausdruck von Prüderie, sondern ebenso eine Diskriminierung der Frauen: Den Männern ist erlaubt, obenherum nackt zu sein – den Frauen ist es verboten, und zwar mit der Begründung, dass «das sittliche Empfinden» anderer Badegäste nicht verletzt werden soll.

Im Sinne der Gleichberechtigung müssten Frauen umgehend eine Bedeckung der männlichen Brustwarzen in Freibädern fordern. Und das Tragen von Boxershorts (weil enganliegende Badehosen) und das damit einhergehende Abzeichnen der primären männlichen Geschlechtsorgane das sittliche Empfinden anderer Badegäste verletzen könnte. Doch bevor es so weit kommt, plädiere ich dafür, dass sich in unseren Badeanstalten alle Personen unabhängig des Geschlechts gleichermassen mit freiem Oberkörper bewegen dürfen. Gleiche Freiheit für jede Brust!

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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