Francesco reist nach Brig

Ich bin ein blinder Passagier. Nicht, weil ich keine Fahrkarte hätte. Ich bin ein blinder Passagier, weil ich mich in den Zug gesetzt habe, der meinen Sohn auf seine erste grosse Reise bringt. Ich kann noch nicht loslassen und verstecke mich in einem anderen Wagen. In meine Laptoptragtasche habe ich ein schönes, grosses Buch gesteckt; es ist auch eine Art blinder Passagier. Öffnet man das Buch, macht es einen sehend. Die Photographien von Giorgio von Arb lassen mich in eine Welt einsteigen, die schwarzweiss meinen Puls verlangsamt, die mich dazu bringt, nicht mit dem Schulwissen auf die Bilder zu schauen.

Ich suche diese Punkte, von denen Roland Barthes sprach, die Punkte, die uns ins Stocken bringen. Sind es die «Basler Läckerli» auf dem Tisch von Pater Theo Theiler auf Photo 21, das gähnende Mädchen auf Photo 104 oder der hinter einem T-Shirt mit Totenköpfen verschwindende Lateinlehrer auf Photo 76? Die Photographien eröffnen eine Welt in der Welt, sie sprechen vom Bleiben und Vergehen. Ähnlich verhalten sich die Texte des Autors Erwin Koch. Sie lassen den Befragten Raum, und dieser Raum lässt sie erzählen. Werde Wort!

«Benediktiner ist man nicht global», sagt der Abt Daniel Schönbächler, «wir sind autonom.» Da denke ich an die Autonomie meines Sohnes. In Brig steige ich aus und reiche das Buch dem Kondukteur mit der Bitte, er solle es dem Jungen mit den dunkelblonden Locken im nächsten Wagen weitergeben. Er sei mein Sohn.

Tage später erhalte ich einen Anruf von Fabio und Maria, den Freunden, die meinen Sohn in Italien beherbergen, sie bedanken sich für das wunderbare Buch. Es sei wie eine Meditation.

«Ein Buch über die Welt. Das Kloster Disentis». Mit Fotografien von Giorgio von Arb und Texten von Erwin Koch. Bern: Benteli, 2010

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»