Fragwürdige Liste des Weltkulturerbes

Nach was sich Regierung und Heimatschutz besser verzehren sollten.

Die bedeutendsten Stätten der Weltkultur hat die Unesco auf einer Liste zusammengetragen, was allgemein willkommen geheissen wird.

Die Aufnahme in die Liste verleiht Prestige und nicht zuletzt profitiert davon auch die Tourismusindustrie. Die Schweiz ist auf dieser Liste der Weltkultur gut vertreten: das Kloster St. Johann in Müs­­tair, die drei Burgen von Bellinzona, die Altstadt von Bern und der Stiftsbezirk St. Gallen. Wir können zu Recht stolz auf dieses Erbe sein. Wesentlich mehr Weltkulturstätten haben Italien (49), Spanien und Deutschland (je 41) und Frankreich (39). Wird jedoch auf die Fläche abgestellt, steht die Schweiz wiederum gut da. Pro 10 000 Quadratkilometer hat die Schweiz knapp eine Kulturstätte, Deutschland etwas mehr (1,2) und Frankreich etwas weniger (0,7). Nur Italien ist mit 1,6 Kulturstätten flächenmässig noch besser vertreten.

Die Liste der Unesco ist jedoch aus verschiedenen Gründen höchst fragwürdig. Erstens scheint sie einigermassen arbiträr: Warum ist die Berner Altstadt drin, aber nicht die Basler Altstadt mit dem wunderschön gelegenen Münster? Das Vergabeverfahren ist umstritten. Zweitens besuchen teilweise so viele Touristen die auf der Liste befindlichen Objekte, dass diese buchstäblich abgenutzt und zerstört werden. Dies gilt etwa für Angkor Wat und den Machu Picchu. Drittens werden manche Kulturstätten wie Venedig, Riquewihr oder Dubrovnik derart von Touristen überrannt, dass keine authentische Atmosphäre mehr besteht. Sie sind weitgehend nur noch Freilichtmuseen. Schliesslich werden Stätten durch die Aufnahme in der Liste zu «beliebten» Zerstörungszielen in kriegerischen Auseinandersetzungen. Bekannt ist z.B. die Sprengung der Buddhastatuen in Bamiyan durch die Taliban.

Regierungen und der Heimatschutz sollten sich daher weniger nach einer möglichst hohen Präsenz auf der Unesco-Liste zum Weltkulturerbe verzehren und sich stattdessen stärker auf die Bewahrung und Pflege der vielen (vermeintlich) weniger spektakulären Kulturstätten konzentrieren.

Damit würde ein grösserer Beitrag zur Erhaltung unseres Weltkulturerbes geleistet.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»