David Gugerli, zvg.

Fragen zur zukünftigen
Vergangenheit des Computers

Die Computergeschichte ist eine lange Kette falscher Annahmen und schlechter Vorhersagen zur künftigen Koexistenz von Mensch und Maschine. Gerade deshalb lässt sich aus ihr einiges lernen.

Herr Gugerli, führende Entwickler, Wissenschafter und Tech-Unternehmer zeichnen teilweise komplett unvereinbare utopische oder dystopische Zukunftsszenarien. Sie als Historiker müssen es wissen: Warum ist es so schwierig, aufgrund der bisherigen technologischen Entwicklungen eindeutigere Vorhersagen unserer Zukunft zu machen?
Das überrascht mich gar nicht. Es zeigt höchstens, dass in letzter Zeit etwas gar viel von Leadership und Great Leaders die Rede ist – und wenn die anfangen, zu zeichnen, wird es auch nicht besser. Klar ist: Wer zu den führenden Köpfen zählen will, muss Erfolge verzeichnet haben. Und die bisherigen Erfolge müssen bis in die Gegenwart hinein sichtbar sein. Aber niemand weiss, ob der bisherige Führerschein auch noch brauchbar ist, wenn sich die Verkehrsregeln und die Vehikel geändert haben werden. Die «führenden Köpfe» der Gegenwart haben also ein Legitimationsproblem, wenn es um die Zukunft geht, und bleiben deshalb klugerweise im Vagen oder halten sich als Simultansponsoren verschiedener Szenarien im Hintergrund auf.

Nun sind aber doch die Verlautbarungen zum vermeintlichen «Ende individueller Freiheiten» oder zum «nächsten grossen Effizienzsprung» alles andere als vage. Die Pfeile schlagen nur auf der entgegengesetzten Seite der Zielscheibe ein.
Das könnte man das doppelte Geheimnis der Prognose nennen: Erstens müssen ja nur ganz kurzfristige Prognosen damit rechnen, je überprüft zu werden. Wer behauptet, morgen werde es regnen oder der Euro gegenüber dem britischen Pfund einbrechen, Microsoft lanciere nächste Woche ein neues Betriebssystem und Donald Trump trete zurück, wird morgen oder nächste Woche vielleicht ein Glaubwürdigkeitsproblem haben. Ohne Zeitangabe geht es manchmal gerade noch gut, verbunden mit Optionen und Szenarien ist es für den Urheber aber völlig unproblematisch. Das zweite Geheimnis der Prognose besteht in ihrer selbsterfüllenden Wirkung. Weil eine bestimmte Zukunft erwartet wird, ist es vernünftig, sich auf sie einzustellen und an ihr zu arbeiten und sie damit herzustellen. Zugespitzt heisst das: Es spielt nicht nur keine Rolle, ob die angebotene Führung dys- oder utopisch unterwegs ist, ob sie, börsentechnisch gesprochen, auf Kursgewinne oder auf Kursverluste spekuliert. Es spielt auch keine Rolle, ob sie recht gehabt hätte oder nicht. Was hingegen eine Rolle spielt, ist das Agenda Setting, das mit der Prognose in der Gegenwart verbunden ist. Vorhersagen arbeiten an der gegenwärtigen Zukunft und sind eminent politische Akte.

Wurden denn digitale Strategien und Erwartungen in den letzten Jahrzehnten von den tatsächlichen Entwicklungen tatsächlich über den Haufen geworfen? Was kam ganz anders, als allgemein erwartet wurde?
Die Computergeschichte ist ein wahres Eldorado für grosse Vorhersagen, die nie eingetroffen sind! Das macht ja gerade ihren Charme aus. So viel Unbekümmertheit, vielleicht schon bald eines Besseren belehrt zu werden, so viel prognostische Phantasie und risikoreiche Kreativität findet man nicht überall in der Technikgeschichte. Einige wenige Vorhersagen zur Entwicklung von Digitalien werden sogar Jahre später noch zitiert.

Zum Beispiel?
Ken Olson, der Chef von Digital Equipment Corporation (DEC), glaubte Mitte der 1970er Jahre nicht daran, dass irgendjemand irgendwann einen Computer bei sich zu Hause aufstellen wolle. Dafür wird er heute gern belächelt. Die eklatante Fehleinschätzung wird insbesondere von jenen in Erinnerung gerufen, die den Motor der Entwicklung in den letzten Jahrzehnten auf die Pioniere im Homecomputing zurückführen wollen. Oder Ken Olson wird als ungläubiger Thomas von jenen zitiert, die gerade eine besonders phantastische Vorhersage argumentativ untermauern müssen und ihre Skeptiker als Ignoranten wie…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
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Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»