Forever young

Thomas Hürlimanns Roman «Vierzig Rosen»

Ohne Thomas Hürlimann, so viel steht fest, wäre die deutschsprachige Gegenwartsliteratur ärmer. Längst handelt es sich bei dem 1950 in Zug geborenen, heute in Berlin lebenden Autor um eine ihrer verlässlichsten Grössen. Seit dem frühen Erfolg als Erzähler («Die Tessinerin») und Dramatiker («Grossvater und Halbbruder») schöpft er, über ein Vierteljahrhundert hinweg, grossenteils aus einem mit der eigenen Herkunft verbundenen Stoffreservoir. Die Wirklichkeit, auf die es ihm ankommt, stellt sich indessen erst durch die unterschiedliche Fiktionalisierung des familiären Bezugs her. Wie sich beim Hin- und Herrollen einer Kugel auf der flachen Hand stets andere Perspektiven erschliessen, gewinnt er einander ähnlichen Konstellationen jeweils neue Reize ab. Dass viele seiner Texte nicht im grossen Loch der Saison verschwunden sind, sondern bis heute überdauert haben, hängt mit dem ästhetischen Anspruch ihres Verfassers zusammen, der die Kunst der Komposition beherrscht und sich auch sprachlich keine Nachlässigkeiten durchgehen lässt. Literarische Feinschmecker jedenfalls, denen Stil, Struktur und künstlerische Ökonomie wichtig sind, werden von Hürlimann verwöhnt, dessen Texte nie bloss inhaltlich von Belang sind.

Wer Früheres von ihm kennt, hat es auch bei der Lektüre des gerade bei Ammann erschienenen, seines zweiten und bislang umfangreichsten Romans «Vierzig Rosen» leichter, das Ineinander von Fortschreibung und Veränderung zu verstehen. Einmal mehr nämlich schliesst der Autor an manch Bekanntes an, das er jedoch vielfach anders zuordnet und mit neuer Bedeutung ausstattet. Zugleich ist die unerhörte Komplexität, in der etwa der Triumph seiner letzten Veröffentlichung – der Novelle «Fräulein Stark» – bestand, zugunsten eines einfacheren, epischeren Tonfalls zurückgenommen. Gleichwohl erweist sich auch dieser Text wieder als planvoll angelegtes, eng gewobenes Geflecht vielschichtiger Themenfelder, durchsetzt von Leitmotiven, deren Spiegelungen und Transformationen, dazu mit raffinierten Verschränkungen von Erzähler- und Figurenperspektive, atmosphärischer Dichte und einer zuweilen ins Irreale ausschlagenden Komik.

Im Mittelpunkt der Darstellung steht eine faszinierende Frau – attraktiv, intelligent und von fast herausfordernder Eleganz. Wir lernen sie in Erwartung jenes Strausses von vierzig Rosen kennen, den sie von ihrem Mann «jeweils zum Geburtstag» geschickt bekommt. Was zunächst wie ein liebenswürdiges Versehen anmutet, erweist sich als Akt säkularisierter Magie eines schönen Stillstands: «Vierzig soll sie werden, alle Jahre wieder.» Wie beiläufig hingetupfte Bemerkungen stimmen freilich darauf ein, dass an diesem «Verjüngungszauber» etwas faul sein könnte. Maries Zeit ist knapp. Sie befindet sich auf dem Sprung zur Geburtstagsfeier in der Hauptstadt, wo ihr Mann, Max Meier, als ambitionierter Parlamentarier wirkt, der nach quälenden Wartejahren nun endlich an der Schwelle zur Mitgliedschaft in der Regierung steht. Wie aus der Frühstücksplauderei erhellt, ist ihr Sohn bei diesem Anlass nicht vorgesehen. Während der Fahrt erschliesst sich in langen Rückblenden nach und nach die gesamte Lebensgeschichte.

Marie, Jahrgang 1926, ist Nachfahrin der aus Galizien in die Schweiz zugewanderten Konfektionisten-Sippe Katz, in der allein noch der Vater an seinem Judentum festhält. Das Mädchen wächst unter der Prägekraft einer ambivalenten Milieubindung auf. Ganz im Sinne seiner früh verstorbenen «Maman», verpflichtet es sich nach innen wie nach aussen zum «Stil», der jedoch weniger «etwas Schönes bedeutet, etwas Vornehmes», wie sie wähnt, sondern auf Wirklichkeits-, damit auch Selbstverleugnung hinausläuft. Vom Vater (der ihr Talent als Pianistin fördert und bei aller Zuneigung zugleich der erste Mann ist, der sich als «ihr Alleinbesitzer» versteht) geht neben dem Anspruch der Ästhetik auch der Glaube an «Sinn»-Strukturen auf sie über, die letztlich jedes noch so «chaotische» Leben glücken lassen. Auch diese Mystik universaler Harmonie birgt eine falsche Verheissung, wie denn in Hürlimanns Text ohnehin auf allen Ebenen Schein und Sein auseinanderklaffen.

Nach 1933 werden die Kunden des Familienunternehmens weniger, bis es schliesslich ganz aufgegeben werden muss. Die Tochter eines Juden hat nun Anlass, sich in der Kleinstadt «vor…

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»