Flaneur in der Buchstabenwelt

Germanisten sind Arschlöcher – soll er gesagt haben. Nun, womöglich ist diese Behauptung in ihrer apodiktischen Kürze ein bisschen zu allgemein formuliert. Vielleicht hätte ihr eine kleine Einschränkung wie «manche» oder «die meisten» gut getan. Und ein bisschen gemein ist sie auch. Aber sei’s drum. Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht. Heisst es nicht so?

Die solcherart apostrophierte Berufsgruppe dürfte indes den grössten Teil des Publikums ausgemacht haben, vor dem Urs Widmer – denn um ihn geht es – seine Frankfurter Poetikvorlesungen gehalten hat. Offensichtlich hat er sich in ihrer Mitte nicht unwohl gefühlt. Zumindest deutet nichts in seinen fünf Vorträgen darauf hin, die jetzt als Buch vorliegen.

Widmer macht darin von Anfang an etwas richtig. Er versucht gar nicht erst, den gelehrten Zeigestock auszupacken, auch wenn die Frankfurter Veranstaltung dies möglicherweise nahegelegt hätte. Er wählt die Rolle eines bedächtigen, humorvollen, zugleich liebenden Flaneurs in litteris. Er führt Dialoge auf Augenhöhe mit den Grossen und Kleinen, an denen auch der Leser oder Zuhörer beteiligt wird. Die Literatur ist für ihn kein Steinbruch abstrakter akademischer Wahrheiten. Das Sprechen darüber gleicht keiner Abraumhalde intellektueller Weisheiten. Hier bietet ein Kenner seine Liebesdienste an. Er bleibt dabei stets konkret und spricht von persönlichen Erfahrungen mit Autoren und Büchern, ohne seine Ausführungen allzusehr mit Anekdotischem zu belasten.

Mitunter kommt er dabei natürlich auch zu Einsichten, die nicht gerade überraschend oder spektakulär und neu sind. Dass etwa die Sprache der grossen Autoren sich immer auch durch ein Abweichen von der Konvention, der Sprachnorm auszeichnet, dass ihr im Prinzip erst einmal ein Defizit zugrunde liegt, ist keine neue Entdeckung. Aber Widmer macht diese abstrakte Wahrheit anschaulich anhand seiner bezaubernden und von wirklicher Sympathie getragenen Überlegungen zu Robert Walser, die im Zentrum der ersten Vorlesung stehen. Und immer da, wo er am Werk geliebter Autoren entlang überlegt, ist er grossartig. So auch bei Beckett und Tschechow. Da geht es um das Schreiben vor und nach Freud, dessen Grabungsarbeiten im Unterbewussten die Literatur verändert haben wie kaum etwas zuvor. Die Seele war einst das Terrain der Dichter. Jetzt steht sie unter der Aufsicht der Wissenschaft. Eine ungeheure Kränkung, die verarbeitet werden muss. Hier erzählt Widmer ein zentrales Kapitel der Literaturgeschichte ein bisschen anders als andere. Oder er entwirft, wie in seiner dritten Vorlesung, ein leidenschaftliches und plastisches Porträt Gottfried Kellers, dessen Sehnsucht, «namenlos mit der Stimme des Volks zu singen», nicht in Erfüllung ging.

Da allerdings, wo Widmer sich das grosse Ganze vornimmt und sehr allgemein wird, wie in seinem vierten Vortrag «Von der Fantasie, von Grössenwahn, vom Gedächtnis, vom Tod und vom Leben», da geht ihm doch ein wenig die Puste aus. Nachdem er über dies und das gesprochen hat, muss er überrascht feststellen, dass keine Zeit mehr für den Tod bleibt. Aber auch dies Eingeständnis ist sympathisch. Der Sensenmann macht eben doch ein bisschen sprachlos, wenn man nicht Marcel Proust heisst.

An den Schluss seiner Vorlesungsreihe stellt Widmer einen Text über die beiden Ödipus-Dramen von Sophokles. Hier wechselt er von der intellektuellen Plauderei in die nacherzählende Betrachtung der Figuren und Geschehnisse. Die Jahrtausendgeschichte von der Selbstblendung des thebanischen Königssohns ist eine der Urgeschichten des Abendlandes. Keine Deutung, die ich kenne, hat ihr den Fatalismus so sehr ausgetrieben und ihr die Präsenz als blutige Familiengeschichte von Kränkung und Stolz, Verdrängung und Abwehr, Auflehnung und Selbstüberhebung so sehr zurückgegeben wie die von Widmer, gerade weil die Phantasie hier die Feder führt.

Unaufgeregt, unangestrengt, geradezu wie beiläufig lässt uns Widmer an seinen Erkundungen in der Buchstabenwelt teilhaben, die immer auch Erkundungen am Leben und Schreiben sind. Ohne jede intellektuelle Rechthaberei, die…

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
über den «Schweizer Monat»