Fjord von Killary

Kurzgeschichte von Kevin Barry. Aus dem Englischen übersetzt von Peter Torberg. Mit Illustrationen von Joshua Drewe

Fjord von Killary

Ich hatte mir tatsächlich ein altes Hotel am Fjord von Killary gekauft. Es stand direkt an der Hafenmauer. Auf der anderen Seite des Wassers erhob sich Mweelrea Mountain, darüber ein erbärmlich grauer Himmel. Es regnete an 287 Tagen im Jahr, und die Ortsansässigen neigten zu überwältigenden Stimmungsschwankungen. In der fraglichen Nacht regnete es besonders heftig – so als würde ein besonders verärgerter Himmelsgott mit aller Macht ganze Hände voller Nägel schleudern. Zu diesem Zeitpunkt lebte ich seit acht Monaten in dem Ort und ich war der felsenfesten Ansicht, das würde mein Tod sein.

«Das ist ja der reinste Weltuntergang», sagte ich.

Der Chor der Ortsansässigen in der Hotelbar beachtete mich nicht weiter, wie immer. Nach ihren Massstäben war ich nur ein quengeliger Hereingeschneiter, einfach nicht geschaffen für das harte, grobe Leben im Westen Irlands. Stattdessen hörten sie John Murphy zu, unserem zum Alkohol neigenden Bestattungsunternehmer.

«Ich bring alles unter die Erde, was sich bewegt, verflucht», sagte er. «Mistkerle, Selbstmörder, Tinker. Ist mir vollkommen scheissegal.»

Im übrigen ist Mweelrea der deprimierendste Berg, den Sie jemals gesehen haben, und seine öde, drohende Form verstellte fast vollständig die Aussicht vom Water’s Edge Hotel, auch die von der Bar. Die Ansässigen tranken meist Bushmills und Guinness und das in rauhen Mengen. Ich wischte das Vergossene mit einem Putzlappen, den ich langsam mit einer an Irrsinn grenzenden Leidenschaft hasste, vom Tresen. «Aber mal ehrlich», sagte ich, «das ist doch eine ziemlich üble Flut, nein?»

Sie würdigten mich kaum eines Blicks. Nun unterhielten sie sich über Strassen, Entfernungen, Wegbeschreibungen. Sie entwarfen eine Geographie der Gegend den Pubs entlang:

«Kennst du das ‹Madigan’s› in Maynooth?»

«Na klar, tu ich das.»

«Danach geht’s links.»

«Ach, jetzt weiss ich.»

Das Hotel hatte dreiundzwanzig Zimmer und neigte sich nach Westen. Legte man in einem beliebigen Zimmer eine Dose Erbsen auf den Boden, dann rollte sie langsam in Richtung des vor sich hinmurmelnden Atlantiks. Der Immobilienmakler hatte die Geschichte des Hauses in der Broschüre kräftig aufgehübscht – alte Postwechselstation, originale Balken, Thackeray blieb zu Besuch, das kulturelle Erbe drang aus allen Poren usw. – und ich hatte mich daraufgestürzt. Ich war der letzte noch lebende hoffnungslose Romantiker.

Das Gespräch hatte sich kurzzeitig von Strassen und Wegbeschreibungen abgewandt.

«Sollte er noch in der Gegend sein, wenn man ihr die Verbände abnimmt», sagte Bill Knott, der Landvermesser, «dann hat er mehr Mumm als ich.»

«Nette Frau», pflichtete ihm John Murphy bei. «Solange du nicht die Hand in den Käfig steckst.»

Hinter der Bar: die Zapfhähne für Guinness und Smithwicks, die Zapfhähne für Lager, die Spiegelwand, die ordentlich aufgereihten Gläser und ein Barhocker, der neben einem schmalen Fensterschlitz stand, von dem aus man übers Wasser zum Mweelrea schauen konnte. Ständig hing der jodhaltige Geruch von Seetang in der Luft, bei dem ich an Einbalsamierung denken musste. Bill Knott schaute flüchtig über seinen Bushmills hinweg zum Wasser hinaus.

«Ziemlich hoch, stimmt schon», sagte er. «Aber wovon reden wir bis Belmullet, was meint ihr? Über Land?»

Oft schien es, als bestünde das Hauptinteresse dieser Leute darin, wie weit es von einem Ort zum anderen war und wie lange man, je nach Strassenzustand, für die Fahrt brauchte. Bill war in jungen Jahren im Transportwesen gewesen und hielt sich für einen Experten.

«Keine Ahnung, Bill», sagte ich.

«Eine Stunde zwanzig, wenn man nicht hinter Newport im Stau steckt?»

«Ich weiss es wirklich nicht, Bill.»

«Es gibt ja einige, die meinen, man schaffe das in einer Stunde.» Er nahm einen kleinen Schluck. «Aber da müsste man schon höllisch schnell sein wie ein geölter Blitz, wenn man von Westport herkommt, findest du nicht?»

«Ich habe nicht die…