Fischermanns Garn

Gerold Späth: «Aufzeichnungen eines Fischers (das erste Jahr)». Basel: Lenos, 2006. Gerold Späth: «Mein Lac de Triomphe. Aufzeichnungen eines Fischers (das zweite Jahr)». Basel: Lenos, 2007. Vor fast vierzig Jahren erschien Gerold Späths Début «Unschlecht», eine furiose Attacke auf das Spiessbürgertum seiner Heimatstadt Rapperswil am Zürichsee, vom Autor als «Barbarswila» oder «Molchsgüllen» verunglimpft. Das Buch […]

Gerold Späth: «Aufzeichnungen eines Fischers (das erste Jahr)». Basel: Lenos, 2006.

Gerold Späth: «Mein Lac de Triomphe. Aufzeichnungen eines Fischers (das zweite Jahr)». Basel: Lenos, 2007.

Vor fast vierzig Jahren erschien Gerold Späths Début «Unschlecht», eine furiose Attacke auf das Spiessbürgertum seiner Heimatstadt Rapperswil am Zürichsee, vom Autor als «Barbarswila» oder «Molchsgüllen» verunglimpft. Das Buch sorgte für nachhaltige Verstimmung unter der Rapperswiler Bürgerschaft, zumal Späth immer wieder nachlegte und mit Büchern wie «Balzapf oder als ich auftauchte» (1977) oder «Barbarswila» (1988) weiter Öl ins Feuer goss. Der Autor selbst hat sich schon seit Jahren aus der Gefechtszone abgesetzt und lebt abwechselnd in Irland und den italienischen Maremmen. Dennoch ist Späth literarisch offenbar fest in Barbarswila verortet, wo auch seine beiden letzten Bücher «Aufzeichnungen eines Fischers» (2006) und «Mein Lac de Triomphe» (2007) spielen. Beide Bände versammeln die Aufzeichnungen des Fischers Jeanot, eines im doppelten Sinne Spätberufenen.

Fünfunddreissig Jahre lang hat Jeanot im Büro einer Feinspinnerei gearbeitet. Nach der Pleite der Firma zieht es ihn hinaus auf die Weite des Sees, und er wird einer der letzten Berufsfischer, eine Leidenschaft, der er auch nach seiner Pensionierung treu bleibt. Beinahe täglich sitzt er an seinem Stammplatz an der Giesse unter einer hohen Rosskastanie, hält die Angel ins Wasser und lässt Erinnerungen, die Menschen am See und deren Geschichten an sich vorbeiziehen. Abends notiert er seine Einfälle und Erlebnisse in schmale Cahiers, zuerst eher zögernd und verschämt, mit der Zeit dann immer selbstbewusster. Ausgestattet mit einem anarchischen Witz, verknüpft Späths Erzähler spielend Nahes und Fernes, Vergangenes und Gegenwärtiges, Schrulle und philosophisches Gedankenspiel, und lässt vor dem staunenden Leser einen abenteuerlichen, schier unerschöpflichen Erzählkosmos entstehen. Ob es um die höchst geheime Eierstuhlzeremonie bei der Wahl des Papstes, afrikanische Fruchtbarkeitsrituale oder zersägte Eisleichen geht, jede noch so schräge Unwahrscheinlichkeit wird von Jeanot gewissenhaft notiert. Seinen Erzählstoff bezieht der Tagebuchschreiber von einer Reihe unverwechselbarer Originale, die ihm die Zeit am Seeufer vertreiben. Der ehemalige Fremdenlegionär Hugentobler etwa, der mit neunzig noch quietschfidele Pirmin Hiestand und vornweg Jeanots alter Schulfreund Fritz. Dessen wortgewaltige Auftritte gehören zu den Glanzstücken Späthscher Erzählkunst und erinnern oft an die überbordende Phantasie des «Unschlecht». So, wenn Fritz über die Honoratioren der Stadt herzieht und sie als «Stadtpfeifen», «verleimte Stammtischler», «einfältige Festbrüder», «hochtrabende Brunzverzapfer», «sentimentale Seichmeister» und «aufgepumpte Windsäcke mit heimlich unheimlich Schiss bis hintenaus» bezeichnet, ein Urteil, das sich im übrigen auf die ganze Schweiz ausdehnen lasse, «seit je eine kleine heimlichfeiste Sau im Schafspelz.»

Solch polterndem Unmut stehen aber auch viele leise, versöhnliche Passagen gegenüber, besonders, nachdem Jeanot ganz unverhofft Grossvater wird und mit Jeanne la Princesse im Kinderwagen die Seeuferpromenade entlangschiebt. Zugleich kommt mit der Enkelin ein sanfter, beinahe zärtlicher Ton in das Tagebuch, der sich deutlich vom derben Humor früherer Episoden abhebt. Zuletzt sind Gerold Späths Aufzeichnungen eines Fischers vor allen Dingen eins – eine grosse Liebeserklärung an den Zürichsee und seine Anwohner. Bleibt zu hoffen, dass man das auch in Rapperswil so sieht.

vorgestellt von Georg Deggerich, Krefeld

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