«Finsterworld»

Ausschnitt aus dem Drehbuch zum Spielfilm

«Finsterworld»
Szene aus «Finsterworld», photographiert von Markus Foerderer / Alamode Film

Wald

Es ist dunkel, der deutsche Urwald nur schattenhaft zu erkennen, wir hören Naturgeräusche, Vogelzwitschern, Wind in Baumwipfeln. Es ist neblig. Während die Morgendämmerung anbricht und es langsam immer heller wird, fährt die Kamera langsam durch die Baumkronen, gegenlichtige Morgensonne. Flechten hängen herab. Bemooste Felsbrocken. Unergründliche, dunkle Teiche. Alle Schattierungen von Grün; von grell bis dunkel. Durch die Krone eines riesigen Eichenbaumes scheinen wenige Lichtstrahlen, in denen Nebelschwaden wabern. Baumwurzeln in den Strahlen des morgendlichen Sonnenlichts. Insekten.

Titel: FINSTERWORLD

Ein Jungvogel fällt aus dem Nest auf den moosigen Waldboden und schreit vor Angst. Der EINSIEDLER bleibt bei dem Vogel stehen, bückt sich und untersucht ihn vorsichtig, mit vor Kälte roten, dünnen Fingern. Der Vogel schreit auf. Der EINSIEDLER überlegt kurz und birgt ihn dann zärtlich unter seine Jacke, nah an sein Herz. Dann verschwindet er mit dem Vogel im Dickicht.

Baumstamm am Fluss

Der EINSIEDLER tritt aus dem Wald und balanciert über einen mit Moos überzogenen Baumstamm, der über einen Fluss führt. Er trägt eine zerlumpte dunkelgraue mongolische Steppjacke mit Flicken und eine alte verwaschene, ehemals grüne Militärhose, es sieht aus, als habe er sich eine Samurai-Uniform aus Lumpen geschneidert. Er trägt den verletzten Vogel.


Vor der Waldhütte

Der EINSIEDLER nähert sich seiner liebevoll gezimmerten, im Unterholz verborgenen Hütte.

Waldhütte

Der EINSIEDLER öffnet die Tür. Alles ist aus grobem Holz, Sonne fällt durch Löcher und Ritzen. In der Mitte des Raumes ein Tisch, an der Seite ein Schrank und ein altes Spülbecken, in der Ecke ein Feldbett mit einer Filzdecke und einem alten, kaputten Teddybären, ein Kruzifix an der Wand darüber. Vor dem Fenster ein alter, zerfetzter Vorhang. Überall Bücher. Es ist staubig, aber aufgeräumt. Der EINSIEDLER setzt den Vogel sanft auf den Tisch. Lächelnd beobachtet er ihn. Schliesslich gibt ihm der EINSIEDLER etwas Wasser, die beiden fassen Vertrauen, beinahe spielen sie miteinander.

 


Hotelzimmer

Die Hotelsuite ist im internationalen Einheitsstil ausgestattet; viel Holzfurnier, Flatscreen-TV in die Wand eingelassen, weisse Lilien in einer überdimensional grossen Glasvase, cremefarbene Sofas. Auf dem Bett zwei schicke Koffer, halb gepackt. INGA und GEORG SANDBERG tragen flauschig-weisse Hotelbademäntel und sehen leicht verkatert aus. GEORG untersucht seine Nase im Handspiegel einer Puderdose und versucht ein herausstehendes Nasenhaar mit Daumen und Zeigefinger herauszuziehen. Es erscheint sehr schmerzhaft und ausweglos. INGA sitzt vor dem Schminkspiegel und cremt sich die Hände ein.

INGA Meinst du, wir könnten die Minibarflaschen wieder auffüllen? Vielleicht machst du Leitungswasser in die Wodka-Fläschchen und schraubst sie wieder zu, dann müssen wir die nicht bezahlen.

GEORG Weisse Lilien in grossen Vasen auf der ganzen Welt, überall gleich. Ich kann es nicht mehr ertragen.

INGA steckt sich eine Zigarette an. Ihr Blackberry klingelt.

INGA Hallo? Nein, nein, das ist das Ablaufdatum. Null fünf null vierzehn. Aha. Ja. Und wo ist der Sicherheitscode? Hinten oder vorne?

GEORG Vorne. Bei der Amex ist das immer vorne.

INGA Psssst … Nee, nicht Sie. Wie, es gibt heute keinen Flug?

GEORG Düsseldorf. Düsseldorf. Frag mal ab Düsseldorf.

INGA (ins Telefon) Wir müssen aber morgen früh in Paris sein für den Überseeflug.Das sehen Sie doch im System.

INGA versucht, ihre Augenringe mit einem Abdeckstift zu überschminken.

GEORG Da ist man schon HON-Member und dann können die nicht mal…

INGA Pssst! Was kostet das, wenn wir ein Auto mieten und es in Paris abgeben? … 1900? Mit ADAC-Rabatt? (zu GEORG) 1900 Euro.

GEORG verdreht die Augen und bedeutet INGA mit einer Geste, dass es ihm egal ist. INGA bemalt ihre Lippen geübt mit einem orangefarbenen Lippenstift und korrigiert mit ihrem kleinen Finger.

INGA Okay. Aber bitte die höchste Wagenklasse und auf keinen Fall so ein Naziauto. Kein Mercedes, BMW oder Porsche. Wie, Sie haben nur deutsche Autos? Aber dann lassen Sie sich jetzt bitte mal was einfallen. Ja-ha, ich bin Kunde bei Ihnen, hab ich ja schon gesagt.

GEORG erwischt endlich das Nasenhaar.

GEORG Aua! Au!

INGA Georg… Es ist eklig.

INGA tuscht ihre Wimpern und betrachtet das Resultat mit übertriebenem Augenklimpern.

INGA Fünfzehnvieracht viervierfünfacht neunnullzwovier. Inga Sandberg.

GEORG zieht sich mit einer Hand erst eine Unterhose, dann die Hose umständlich unter dem Bademantel an, mit der anderen Hand wühlt er im Koffer nach seinem Gürtel.

INGA Schicken Sie es mir aufs Telefon. Ja, und den Wagen hierher ins Hotel in die Tiefgarage. Ich will auf keinen Fall zu Ihnen in die Filiale kommen müssen. Da krieg ich Depressionen.

Sie legt auf, schmeisst das Telefon aufs Bett, geht zu GEORG und gibt ihm einen Kuss. Sie fallen auf das Bett.

INGA Na? Hast du’s erwischt? Nasenhaarfreund.

GEORG streicht ihr über das Haar und sieht sie zärtlich an.

 

Hotelgarage

Ein riesiger schwarzer Cadillac-SUV steht in der leeren Parkgarage. GEORG und INGA mit ihrem Gepäck. Sie prusten los.

INGA Oh. Mein. Gott.

GEORG Hoffentlich sieht uns da drin keiner.

INGA Ist das toll.

GEORG Super.

Sie verstauen ihr Gepäck in dem sich mit einem Fiepen automatisch öffnenden Kofferraum. Durch die Kofferraumklappe sehen wir an der Parkgaragenwand die Nummer 15.


Cadillac

GEORG Man sitzt in der Blase und hört nichts ausser diesem angenehmen Schnurren.

INGA Wunderschön. Beruhigend. Alles Störende bleibt draussen. Gott, ist das hier hässlich.

Beide lauschen.

INGA Das nennt sich Psychoakustik. Damit sind Tausende von deutschen Ingenieuren beschäftigt, deswegen sind die Autos auch so teuer. Und wenn dann einer kommt und sich so ein teures Auto kauft, dann will er sein neues Exoskelett natürlich auch schön ausfahren … Deswegen gibt es auf der Autobahn keine Geschwindigkeitsbegrenzung. Todesrasen ist ja nur in Deutschland erlaubt, damit alle denken, sie seien – frei.

GEORG … ich hab Hunger.

INGA Gleich. Wir halten noch mal an irgend so einem Biomarkt.

GEORG Können wir nicht einfach zu McDonald’s gehen?

INGA Süss. Du klingst wie dein Sohn. Nein, können wir nicht.

GEORG Schön, wie du immer alles entscheidest. Kannst du mir eine Zigarette anzünden?

INGA küsst ihn aufs Ohr und zündet ihm eine Zigarette an.

 


Am Weiher

MONTAGE: Die Wasseroberfläche des Weihers. Der EINSIEDLER schwimmt. Das Sonnenlicht spiegelt sich in den Baumwipfeln. Der Vogel sitzt auf der Brust des EINSIEDLERs. Sie spielen miteinander. Der EINSIEDLER liegt bäuchlings am Ufer und schreibt in sein Tagebuch. Der Vogel sitzt auf seinem Rücken und beobachtet ihn.


Cadillac

GEORG Toiletten in der Dritten Welt sind, egal wie dreckig sie sind, lange nicht so eklig wie schmutzige Toiletten in Europa. Am schlimmsten ist es in Paris. Da ist es in den Lokalen immer alles so ganz auf hübsch und plüschig. Und wenn man auf die Toiletten geht, die meistens direkt neben der Küche liegen, dann ist da alles vollgeschissen, aber alle finden das okay, weil es ist ja in Paris, und man kann hinterher sagen, man war da und Sofia Coppola auch.

INGA lacht.

GEORG Es stinkt da oft ganz bestialisch, und dann bildet man sich was drauf ein, dass es in Europa ja viel sauberer ist als in Afrika.

INGA ruckelt unruhig auf ihrem Sitz hin und her.

INGA Ich muss übrigens mal ganz dringend.

GEORG Soll ich am nächsten Rastplatz anhalten?

INGA Rastplatz? Siehst du kein fern? Da denke ich immer, ich trete gleich auf die nackte Leiche einer vergewaltigten Anhalterin. Gruselig. Lass uns lieber da vorne aufs Feld fahren.

INGAS Blackberry klingelt. Sie schaut kurz auf das Display.

INGA Deine Mutter.

GEORG Davon krieg ich jetzt brutal schlechte Laune.

INGA Wovon kriegst du eigentlich keine schlechte Laune?

Das Telefon klingelt weiter.

GEORG Von frisch gestärkten Bettlaken.

INGA verstaut das klingelnde Telefon im Handschuhfach und macht die Klappe zu.

Am Baumstamm

Der EINSIEDLER ist auf dem Weg nach Hause. Plötzlich sieht er im Wald verstreute Gegenstände, er beugt sich hinunter. Eine dunkle Ahnung beschleicht ihn, er wirft seine Tasche von sich und läuft los.
 

Vor der Hütte

Auf dem Weg zur Hütte sieht er im Vorbeirennen weitere, ihm bekannte Gegenstände: die Filzdecke, das Feldbett, seltsam verbogen, den zerbrochenen Marmeladentopf, die Verbandsrolle, die sich nun entrollt durch einen Busch schlängelt. Als er an seiner Hütte ankommt, steht die Tür der Hütte auf; im Türrahmen hängt an einer Schlinge der kaputte Teddybär.


Waldhütte

Der EINSIEDLER stürmt in seine Hütte. Alles ist verwüstet und kurz und klein geschlagen. Jemand hat das Kruzifix falsch herum aufgehängt und in roter Sprühschrift «hahaha» darunter gesprüht. Der EINSIEDLER stolpert entsetzt durch sein zuhause, er ringt mit den Händen und kann es kaum fassen. Dann entdeckt er den toten Vogel, zertreten auf dem Boden. Er hält kurz inne und bückt sich und kniet nieder. Dann hebt er den toten, kaputten Vogelkörper auf, wie beim ersten Mal, und beginnt mit weit aufgerissenen Augen lautlos zu schreien, ein langer Spuckefaden hängt ihm aus dem Mund.

MONTAGE. Der EINSIEDLER rennt durch den Wald. Seine Hände graben nach etwas im Waldboden. Ein verschmutzter länglicher Stoffsack ist zu erkennen. Der EINSIEDLER steht auf, streift den Sack im Gehen ab – es ist sein Gewehr – und verschwindet im Wald. Er rennt über eine Brücke Richtung Autobahn.

 

 


 

Bei diesem Text handelt es sich um einen Vorabdruck aus dem Drehbuch zum Spielfilm «Finsterworld», der unter anderem am diesjährigen Zurich Film Festival läuft und am 17. Oktober in die deutschen Kinos kommt. Das Buch zum Film (Frauke Finsterwalder und Christian Kracht: Finsterworld. Frankfurt am Main: S. Fischer, 2013) erscheint am 8. Oktober. Wir danken den Autoren, der Filmproduktionsfirma und dem Verlag für die freundliche Abdruckgenehmigung. Photos: Markus Foerderer / Alamode Film.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
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