Finanzmärkte ohne Banken

Ein Token ist eine Art digitales Protokoll, ein intelligenter Vertrag, in dem Anteile geführt und Transaktionen ermöglicht werden. Trotz Kryptogeldboom ist das Wissen darüber bescheiden. Zeit, das zu ändern.

Die Bitcoin-Community feiert jeweils am 22. Mai den Pizza Day, den Jahrestag der ersten dokumentierten Zahlung mit Bitcoin. Schon diese erste Transaktion zeigte eines der bis heute existierenden Probleme von Zahlungen mit Kryptowährungen auf: Die 10 000 Bitcoin, die der Softwareentwickler Laszlo Hanyecz im Mai 2010 für zwei Pizzen im Wert von etwa 40 US-Dollar zahlte, haben heute einen Marktwert von knapp 100 Millionen US-Dollar. Bitcoin und andere Kryptowährungen wie Ether, Litecoin und Hunderte weitere sind durchaus ein brauchbares Zahlungs- und Wertaufbewahrungsmittel, aber als Wertmassstab sind sie weiterhin nur begrenzt brauchbar, ist der Preis von Bitcoin in US-Dollar heute doch etwa zehnmal so volatil wie die Kurse zwischen US-Dollar und Euro. Was für Investoren ein interessantes Spiel sein mag, ist in ihrem Wirtschaftsalltag nicht praktikabel: niemand kann Geschäfte machen, wenn die Einnahmen schon am nächsten Tag 10 Prozent ihres Werts verloren haben.

Vom Volatilitätsproblem abgesehen haben auf der Blockchain basierende Zahlungen das Potenzial, Finanztransaktionen radikal zu vereinfachen. Eine bemerkenswerte Story, die sich inmitten der Finanzkrise im September 2008 abspielte, verdeutlicht dies: Just an jenem Tag, an dem die Firma Lehman Brothers Konkurs angemeldet hatte, veranlasste die deutsche KfW Bank eine Überweisung an diese. Für die automatisch ausgelöste Zahlung konnte nun von Seiten Lehmans kein Gegenwert mehr bereitgestellt werden – die KfW verlor das Geld. Während heute verschiedene getrennte IT-Systeme Zahlungsdaten weitergeben und dann auf eine Antwort hoffen (in obigem Beispiel blieb sie aus), können auf der Blockchain basierte Smart Contracts Transaktionen ermöglichen, die atomar, also unteilbar sind. Nach diesem Alles-oder-nichts-Prinzip geht eine Transaktion, die eine beidseitige Übergabe von Mitteln auslösen soll, entweder mit der Erfüllung der Leistung von beiden Seiten durch – oder sie scheitert komplett. Der Smart Contract führt die Transaktion nur durch, wenn die darin unveränderbar zugrunde liegenden Rahmenbedingungen geprüft und erfüllt wurden. Ein auf einem Smart Contract basiertes Swapgeschäft wäre also nicht – so wie im geschilderten Fall von Lehman und KfW – nur zur Hälfte erfüllt worden.

Auf der Ethereum-Blockchain kommen Smart Contracts in vielen Formen zum Einsatz. Sie müssen dabei, anders als es der Name vermuten lässt, weder schlau sein noch im eigentlichen Sinne Verträge darstellen. Es handelt sich bei ihnen schlicht um Programme, die auf einer Blockchain agieren und in der Lage sind, Finanzwerte selbständig zu protokollieren und zu verwalten. Eine «Killeranwendung» von Smart Contracts sind Tokens: ein Token ist ein Smart Contract, in dem Verteilungen von Anteilen ähnlich einem Aktienbuch geführt und Transaktionen ermöglicht werden. Bei der Ausgestaltung eines Tokens sind der Kreativität der Smart-Contract-Entwickler keine Grenzen gesetzt: So gibt es etwa Tokens zur Gewinnbeteiligung und zu Abstimmungen in einem Start-up (Modum AG), zur Verwaltung persönlicher medizinischer Daten (Medicalchain SA) oder zum Management Blockchain-basierter Hedgefonds (Melonport AG). Es gibt sogar komplett sinnbefreite Tokens ohne jeglichen Gegenwert wie den Useless Ethereum Token (der immerhin eine Marktkapitalisierung von über 50 000 US-Dollar aufweisen kann). Die Eidgenössische Finanzmarktaufsicht Finma hat kürzlich in einer Wegleitung die Kategorien von Zahlungs-, Nutzungs- und Anlagetokens definiert und erstmals den regulatorischen Rahmen aufgezeigt.

Der aktuellen Euphorie zum Trotz steckt die Technologie in einigen Bereichen noch in den Kinderschuhen. Anders, als viele nach Medienberichten über kriminelle Aktivitäten mit Bitcoin glauben, sind Blockchain-Transaktionen nicht anonym, sondern transparent, unveränderbar und für alle einsehbar in der Blockchain abgelegt: die Identität der Kontoinhaber ist nur pseudonymisiert. Auf lange Frist benötigen unsere Gesellschaften Zahlungssysteme, die Privatsphäre bieten. Denn: wer ein Zeitungsabo kauft, will damit nicht seine Identität und damit die vorherige Zahlung eines Hauses im Wert von einigen Millionen preisgeben. Das andere Problem ist die noch nicht ausreichende Skalierbarkeit. Der derzeitige Stand der Technik erlaubt aktuell nur wenige Dutzend Transaktionen pro Sekunde. Effiziente Zahlungssysteme allerdings müssen mittelfristig global skalierbar…