Ferrari, Jeep, Klavier

Immer wenn ich mich über längere Zeit in der Schweiz aufhalte, unterrichte ich Musik an einer aargauischen Oberstufe. So auch gerade jetzt. Am besten gelingt mir das, wenn ich den Schülern die Theorie anhand von Stücken beibringe, die ihnen vertraut sind. Das heisst: Nas statt Beethoven («You Can»), wenn es um «Für Elise» geht. Wenn es […]

Immer wenn ich mich über längere Zeit in der Schweiz aufhalte, unterrichte ich Musik an einer aargauischen Oberstufe. So auch gerade jetzt. Am besten gelingt mir das, wenn ich den Schülern die Theorie anhand von Stücken beibringe, die ihnen vertraut sind. Das heisst: Nas statt Beethoven («You Can»), wenn es um «Für Elise» geht. Wenn es um die Verquickung von Musik und Story geht, erörtere ich das anhand des Musicals «We Will Rock You» – und was ein Orchester ist und macht, das bringe ich den Schülern anhand des «Scores» bekannter Blockbuster bei. Besonders eindrücklich lässt sich das immer anhand der Entwicklung des James-Bond-Themas von John Barry bis zu Adeles «Skyfall» zeigen. Mein persönliches Ziel als Aushilfslehrerin ist es, aus einem Haufen blinder Musikkonsumenten ein paar neugierige Hintergrundforscher zu machen. Sie sollen verstehen, dass unser Alltag erfüllt ist von Musik. Und ich behaupte: Für jeden noch so schwierig erscheinenden musikalischen Umstand gibt es eine lebensweltliche Referenz.

Nun, nicht zur Vermittlung jedes Themas lässt sich aber ein süffiger Ansatz finden. Recht trocken muss meine Herangehensweise allerdings in der Instrumentalkunde beim Klavier ausgefallen sein, denn in der folgenden Repetitionsstunde konnten sich nur wenige an irgendein Bestandteil des Instrumentes erinnern. Die kargen Antworten – «Tasten, Saiten, Hämmerchen… und… Tasten… Hatten wir die schon?» – versandeten schon bald in ratlosem Schweigen. Ich wartete. Plötzlich hob ein Schüler in der hintersten Reihe seine Hand und – sein Blick hätte enthusiastischer kaum sein können – sagte: «Diese Dinger da unten, wo einer mit den Füssen drauftritt…» Die Antwort lag ihm auf der Zunge. Das spürte ich und fragte: «Und wie heissen diese Dinger?» Er überlegte lange, grub in seinen Gedanken zum Alltag. Genauso wie es ihm die Lehrerin beigebracht hatte. Dann die Antwort, der findige Glückspilz platzte fast vor Enthusiasmus: «Gaspedale!»

Nun, Gas geben kann man mit den Pedalen nicht. Man nennt sie deshalb einfach «Pedale». Aber Sie sehen schon: Meine Jungs und Mädels wissen, wie man Gelerntes in den Alltag einbauen kann. Und wie man Alltag in Gelerntes einbaut. Mehr braucht es nicht.

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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