Ferndiagnose: kollektive politische Hypochondrie

Mehr Mut zu Wettbewerb würde die Schweiz von absurden Pseudoproblemen ablenken.

Die Auslandsreisen sind ein willkommener Anlass, den Blick aufs Bekannte herauszufordern und zu schärfen – zum Beispiel den Blick auf die Heimat. So erscheint die Schweiz in mancherlei neuem Licht, betrachtet man sie von aussen, egal ob aus Asien, den USA oder auch nur aus Resteuropa. Vier Einsichten bescherte mir der Reisesommer:

Die erste und zugleich banalste Feststellung: Die Schweiz ist viel kleiner als daheim angenommen. Die Welt wird bewegt durch Krisen in der Ukraine, Syrien oder Israel. Religionskonflikte und Grossmächte, die sich aufplustern. Hinzu kommen jeweils nationale Konflikte und das übliche Polittheater. Und die Schweiz? Keine Spur, kein Ton, keine Ahnung. Masseneinwanderungs- oder Mindestlohninitiative, OECD-Vorsitz oder Solidaritätsbekundungen? Die harte Wahrheit ist: Ausserhalb der Schweizer Grenzen interessiert das niemanden. Trotzdem reagiert neben den Deutschen wohl kaum ein Volk so ängstlich-hyperbewusst auf Meinungsäusserungen aus dem Ausland: Die Schweiz fühlt sich ständig von aussen beurteilt und geprüft – was manchen Schweizer dazu treibt, liebedienerisch die Zuneigung des Auslands zu erflehen, und die anderen, dem Ausland den Rücken zu kehren und trotzig das Eigene überzubewerten. Zweierlei infantile Reaktionen. Und beide überflüssig, denn die kleine Schweiz steht bestenfalls in der Peripherie der Wahrnehmung anderer Völker.

Zweite Beobachtung: Die Schweiz ist viel grösser, als viele Schweizer offenbar denken. So wird die unerträgliche Floskel des «Dichtestresses» zwischen Genf und St. Gallen in beinahe jede politische Debatte eingeworfen – dabei fährt man mit dem Zug oder Auto zwischen diesen beiden Orten praktisch ständig nur durch grüne Landschaften. Ich fordere: Jeder Schweizer, der das Wort «Dichtestress» in den Mund nimmt, muss einen Monat in Delhi, Jakarta oder Peking (über)leben! Oder auch nur in Holland. Hier kann man keinen Stein werfen, ohne fünf Menschen damit zu treffen. Wehklagen über «Dichtestress»? Pustekuchen!

Dritter Perspektivwechsel: Die Schweiz ist viel harmonischer, als man denkt. Das politische Klima der Eidgenossenschaft scheint heute polarisierter denn je. Jede Partei kennt nur noch Feinde, die Medien, ja grosse Teile der Bevölkerung sind in Lager aufgeteilt, die sich mehr verabscheuen, als dass sie miteinander reden. Und dann sind da noch die Ausländer. Gefühlt alle zwei Monate rollt eine neue Abstimmung über die Daseinsberechtigung der Nichtschweizer in der Schweiz an. In den USA gehen derweil Afroamerikaner auf die Strasse, weil weisse Polizisten laufend schwarze Jugendliche erschiessen. In Holland prügeln sich Anti- und Proislamisten auf der Strasse. Frankreichs Juden überlegen sich, das Land zu verlassen, weil der Antisemitismus in den trostlosen Ghettos brodelt. Und die Schweiz? Rassen- oder Religionskonflikte? Ghettos und prekäre Migrantenmilieus? Nichts da. Fleissige und gut gebildete Migranten tragen überdurchschnittlich zum Steueraufkommen bei. Die Schweizer haben vielleicht Mühe mit grossmäuligen Deutschen, klar, aber andere Länder hätten gerne solche Probleme.

Und schliesslich eine wehmütige vierte Beobachtung: Die Schweiz ist sozialistischer, als man denkt. Jeder Besuch in einem ausländischen Supermarkt lässt erkennen: Das Duopol aus Migros und Coop bietet eine trostlos eintönige Auswahl der immer selben Produkte. Dank des Schweizer Landwirtschaftssozialismus sind die Lebensmittel nicht nur überteuert, sondern oft auch von minderwertiger Qualität. Allgegenwärtig ist die Werbung der Staatskonzerne Swisscom, Post, Suva oder SBB. Alles ist ordentlich und gut organisiert, sicher. Aber wo ist die Vielfalt, die Dynamik in den Schweizer Märkten?

Mein Fazit: Mehr Mut zu Wettbewerb würde die Aufmerksamkeit der Schweiz weg von absurden Pseudoproblemen und hin zu produktiveren und kreativen Herausforderungen lenken. Offene Märkte, Innovation und Fortschritt wären vielleicht das beste Mittel gegen unsere ständige Nabelschau und kollektive politische Hypochondrie.

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
über den «Schweizer Monat»