Fatale Sehstörungen

Bald ist Vernissage im Kunstmuseum des namenlosen südfranzösischen Städtchens am Meer, und die grossgewachsene Museumsleiterin Dora de Keun ist froh, im tüchtigen Iwan Sterner einen erfahrenen technischen Assistenten zu haben. Der beäugt ein wenig misstrauisch den Erfinder Fridolin Berger, der angeblich eine neue Beleuchtungs- und Alarmanlage für das Museum konzipiert. Irgendetwas stimmt hier nicht. Was […]

Bald ist Vernissage im Kunstmuseum des namenlosen südfranzösischen Städtchens am Meer, und die grossgewachsene Museumsleiterin Dora de Keun ist froh, im tüchtigen Iwan Sterner einen erfahrenen technischen Assistenten zu haben. Der beäugt ein wenig misstrauisch den Erfinder Fridolin Berger, der angeblich eine neue Beleuchtungs- und Alarmanlage für das Museum konzipiert. Irgendetwas stimmt hier nicht. Was ist bloss mit den Bildern los? Was mit den Leuten, die offenbar alle ihre kleinen und grossen Geheimnisse haben und meist mehr wissen, als sie zu wissen vorgeben? Welche Rolle spielt Albert Starmaker, der bekannteste Strassenkehrer der Stadt, der einst eine Mitschülerin aus der brennenden Schule gerettet hat, unter nie geklärten, reichlich mysteriösen Umständen allerdings? Was treibt Sten de Nada an, den beliebten Journalisten und Kunstwissenschafter? Aus welchen Quellen speist sich der Zauber der genial mit Licht und Schatten spielenden Photographin Henriette Lelong? Ist die Wirtin Ilma de Sanssouci aus Menschenfreundlichkeit zur Dealerin geworden, oder geht es ihr auch ums Geld? Etwas dubios sind sie alle, und merkwürdig zwielichtig wirken auch die zahlreichen anderen Romanfiguren. Die meisten kennen einander schon seit der Schulzeit, und allesamt haben sie «Augenprobleme» – eine «schleichende Sehbehinderung», womöglich eine Art Wahnsinn, hat die ganze Stadt erfasst. Oder gar unsere moderne Welt insgesamt? Heisst die Zoohandlung aus Zufall Gachet – wie der Doktor, den Vincent van Gogh porträtiert hat? Hat Fridolin Berger wirklich ein Gemälde zum Leben erweckt? Kann sich der gemalte «Falschspieler» bewegen, sogar aus dem Bild heraustreten? «Was sehen wir überhaupt in einem Bild?», fragt Berger. «Sehen wir das, was draussen ist oder das, was in uns drinnen ist?» Sterner jedenfalls sieht es genau: «Der Falschspieler ist aus dem Bild getreten und gibt mir Handzeichen», flüstert er entgeistert. «Das gibt es einfach nicht». Was würden die Leihgeber sagen, wenn aus ihren Bildern die Figuren davonliefen? Ist Sterner einfach nur überarbeitet? Braucht er eine neue Lieferung der «Droge», ohne die die meisten Bewohner der Stadt wohl schon blind wären?

Dass es Fragen aufwirft, ist nicht das Schlechteste, was man über ein Werk der Literatur sagen kann. Eigenartige Dinge geschehen jedenfalls genug im ersten Roman, den der 1955 in Niederbüren geborene, in Frauenfeld lebende und bisher hauptsächlich durch Lyrik und Kurzprosa bekannte Gianni Kuhn Ende letzten Jahres vorgelegt hat (Porträt des Autors in Heft 8/9 2003). Auch wenn es ein wenig dauert, bis der Leser, scheinbar aufgehalten durch mit Bedacht eingefügte Reflexionen über berühmte Maler und Gemälde, in die Geschichte hineinkommt – die spannende Handlung gewinnt bald an Fahrt. Gianni Kuhn, auch in diesem Buch ein Wortverdreher und Sprachartist, ein feinsinniger Poet im Grunde, überrascht zunächst einmal dadurch, dass er Krimi-Schemata nicht scheut und sogar vor Action-Szenen nicht zurückweicht: da unterbindet der aus dem Norden des Landes herbeibeorderte Drogenfahnder Schramm spektakulär den Nachschub, und die Städter suchen sich frische «Feuerflechten» als Ersatz; da entstehen auf der Vernissage erhebliche Turbulenzen, und dem Pressephotographen, den man auch noch zusammenschlägt, wird die Kameratasche mit jeglichem Beweismaterial gestohlen. Obwohl es diesem eigensinnigen und sympathischen Werk nicht um solch grelle Situationen geht, darf hervorgehoben werden, dass der Autor seinen «Plot» lebendig auszumalen versteht. Die eigentlichen Themen des Romans jedoch sind das genaue Wahrnehmen und dessen Bedingungen, das klare Sehen ohne Behinderung, das sensible und aufmerksame Unterscheiden, der angemessene Umgang mit der Kunst und letztlich mit der Welt, das wahre Leben und das falsche Spielen. Diese eher abstrakten Grundthemen mit konkreter Anschaulichkeit derart aufzuladen, dass die Mischung stimmt, das ist Gianni Kuhn gelungen, und deshalb folgt man seinem Roman gern bis zu seinem pointenreichen Schluss.

Allerdings: dieser Autor ist nicht der geschmeidigste Dialogschreiber, und manches von dem, was seine Figuren sagen, klingt leider, egal worum es gerade geht, arg nach Holz und Papier. Bedauerlicherweise bestehen nun aber lange, oft zu lange Passagen des «Falschspielers» aus Gesprächen, und die nicht selten recht umständlich gedrechselten Figurenreden mindern das Lesevergnügen doch immer wieder erheblich. Man stolpert auch sonst gelegentlich über schwerfällige Formulierungen – kann man einen simplen Blindenstock im Ernst als «armlange hölzerne Sinnesorganerweiterung» bezeichnen? Etwas überraschend bei einem so sensiblen Wortkünstler wie Gianni Kuhn – sein erster Roman, so anregend er auch sein mag, ist sprachlich nicht durchgängig geglückt und wirkt deswegen bisweilen eher mühsam ausgedacht als mit leichter Hand hingetupft. Ein Début mit Mängeln also. Man legt das Buch dennoch ungern aus der Hand.

Gianni Kuhn, «Der Falschspieler». Eggingen: Edition Isele, 2004.

KLAUS HÜBNER, geboren 1953, promovierte in Germanistik und lebt als Publizist und Redaktor der Zeitschrift «Fachdienst Germanistik» in München.

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