Falsch zugeknöpft

Ein Nachruf auf die Rechtschreibreform

Warum schreiben wir «Echse», aber «Hexe» und schließlich gar «Klecks»? Der Wiedererkennungswert des Wortbildes ist kein rein kognitiver. Zutaten der Phantasie geben emotionale Grundierung und ästhetische Färbung, die der Verstehbarkeit zugute kommen. Auch unter Zweckmäßigkeitsaspekten ist die völlige Eindeutigkeit der Laut-Buchstaben-Zuordnung nicht immer von Vorteil. Das gleiche Zeichen «ch» für verschieden klingende Laute macht die Zusammengehörigkeit von «Loch» und «löchrig» erkennbar.

Alles was ist, kann anders gedacht werden – was wäre der Mensch, wenn er nicht versuchte, Vorgefundenes umzuschaffen! Das Bemühen um eine «bessere» Rechtschreibung ist als Geistesübung nützlich, weil es das Sprachbewußtsein schärft. Schreitet es zur Tat, so stiftet es heillose Verwirrung. Was die Sprachgemeinschaft sich in Jahrhunderten erschuf, läßt sich mit einem voluntaristischen Akt nicht neu konstruieren. Weisere Kulturen wie die englische oder französische schicken sich darum gelassen in die Schwierigkeiten einer Orthographie, in der Schriftbild und Lautung viel weiter auseinandergedriftet sind als im Deutschen.

Die Vorgeschichte der 1996 oktroyierten Rechtschreibreform reicht nicht nur in die frühen Nachkriegsjahre zurück, sondern in die Nazi-Zeit und weit darüber hinaus. Überblickt man diese Geschichte, so fällt die Austauschbarkeit der Reformziele und der Motive auf. Mal geht es den Großbuchstaben an den Kragen, mal muß der «Kaiser» zum «Keiser» werden; mal hat die Unterscheidung von «das» und «dass» zu verschwinden, mal werden Wortzusammensetzungen gewaltsam aufgespalten. Mal soll die Zuchtrute des Diktats einen besser gepolsterten Schülerhintern treffen, mal geht es ganz emanzipatorisch um die Chancengleichheit «bildungsferner» Schichten, mal soll, wie anno ’44, die neue Herrschaftssprache für die unterworfenen Sklavenvölker erlernbar sein. Letztlich geht es darum: irgendetwas muß anders werden, egal was.

Nun hat es dummerweise die Wortzusammensetzungen getroffen, und das ist viel einschneidender als der «keiser», der «im bot opst isst», weil es erhebliche Auswirkungen auf das Bedeutungsverständnis hat und auf eine Entdifferenzierung der Sprache, also auf eine kulturelle Regression hinausläuft. Möglich wurde das, weil nach Jahrzehnten des reformerischen Sandkastenspiels niemand mehr an den Ernstfall geglaubt hat. «Wir konnten doch nicht ahnen, daß die damit wirklich Ernst machen», sagte 1997 ein berühmter Schriftsteller auf meine Frage, warum die Autoren sich nicht beizeiten gewehrt haben.

Jetzt haben wir den Schlamassel, aber der Ausweg ist einfach. Wer beim Zuknöpfen das erste Knopfloch verfehlt hat, muß alles wieder aufknöpfen. Also zurück nach vorne. Die Rechtschreibung, die wir einmal hatten, war höchst zweckmäßig und viel vernünftiger, als alles, was danach kam und noch kommen kann.

Hans Krieger, Publizist und Lyriker in München, streitet seit 40 Jahren gegen orthographische Reformtorheiten. Sein Buch «Der Rechtschreibschwindel – Zwischenrufe zu einem absurden Reformtheater» erschien 2000 in zweiter Auflage im Leibniz-Verlag, St. Goar.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»