Falsch gerechnet

Der Popartkünstler Jim Avignon

Falsch gerechnet

Abflug nach Singapur in 23 Stunden, 29 Anrufe auf dem Handy während unseres Treffens, 7 Bilder müssen für diese Ausgabe noch gezeichnet werden.

Er gilt als schnellster Maler der Welt: mehr als 1’000 Bilder in den letzten 15 Jahren. Er gilt als der Maler des grössten Bildes der Welt: 2’800 m2, getragen von 132 Sportlern im Fussballstadion Berlin. Er gilt als der Maler des am höchsten fliegenden Bildes der Welt: 12’000 Höhenmeter auf den Heckflossen der Flieger von British Airways.

17 Geburtsorte, wie Schweden, Tschechien, Südfrankreich, amerikanische Südstaaten oder Polen, publiziert u.a. in «Spiegel», «Welt», «taz», «Süddeutsche», «Art», «Kunstforum», «Du» und «Zitty». Geburtsdaten: ebenfalls viele.

Google liefert «ungefähr 54’800 Ergebnisse für jim avignon (0,13 Sekunden)».

4 aktuelle Berufe: Maler, Musiker, Illustrator, Konzeptkünstler; 1 kürzlich verlorener: Kunstprofessor (unehrenhafte Entlassung nach 4 Tagen); 3 ehemalige: Programmierer, Altenpfleger, Schulbusfahrer.

Veröffentlichung von 8 CD (beats per minute: 142); Lieblingszahl: ; Mails im Posteingang: 9967 (unbeantwortet: 342); Katzen: 2.

1 Armbanduhr, 1 Fanclub, 1 Paar Schuhe.

Jim Avignon träumte weder als Kind noch als junger Manndavon, später einmal Künstler zu werden. Er wurde Künstler, weil er sich verrechnet hatte. Einen Tag war er während seines Zivildiensts zu lang im Urlaub und erhielt aus diesem Grund nach seiner Entlassung kein Arbeitslosengeld. Da er absolut pleite war und ihm der mittellose Müssiggang nicht zusagte, malte er in einer Woche 24 Bilder für eine Ausstellung, von denen alle 24 am dritten Tag von einem Galeristen aus Basel für 2’100 DM gekauft wurden. Diesen Trick wiederholt er seitdem regelmässig. Er ist weder ein «Ich-leide-an-der-Welt-» noch ein «Ich-muss-aus-mir-raus-Künstler».

Er ist ein «I-don’t-want-your-money-I-just-want-your-love-Künstler».

Durchschnittliche Grösse der Bilder: 1,5 mal 1,5 Meter; fraktaler Koeffizient: 2,1; Techniken: 2 (digital und analog). Aufgehobene Bilder pro Jahr: 3. Alle anderen werden verschenkt (34%), verkauft (51%) oder gehen verloren (15%). Preis pro Bild: nicht mehr als 320 Euro.

Er ist kein Comiczeichner, er ist Popartkünstler, der seine Geschichten von den Dilemmata, die im Dasein verborgen sind, in einem einzigen Bild erzählt. Dilemmata gibt es viele; denn «was man möchte, hat man nicht» und «was man hat, das möchte man nicht».

Vernissagen und Illustrationsangebote von Zeitschriften: je 1 pro Monat; Anzahl der Zeichentrickfolgen für das Kinderfernsehen des WDR: 35.

Besuch des Kinos: selten; Theater: nie; Konzerte: ständig.

Bahnkilometer pro Monat: circa 4’200; Anzahl Stunden, die er pro Tag für Öffentlichkeitsarbeit aufwendet: circa 12.

Vertröstete Leute pro Tag: 2,5; verschobene Termine pro Tag: 3; Minuten, die er zu spät kommt: viele.

Sinn- und Daseinskrisen: kaum.

Zeitkrisen: chronisch.

Eine Frage zum Schluss: Was ist Popart? – Der leichte Umgang mit der Schwere des Lebens.

Es sind noch 22 Stunden bis zu seinem Abflug nach Singapur, es fehlen noch 7 Bilder.

(www.jimavignon.com)

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»