Faites vos jeux!

Nutzen Sie die Gunst der Stunde und schöpfen Sie aus dem Vollen! Ein Plädoyer für ein Leben mit Stil, Spiel und Genuss – sobald es wieder geht und solange es noch geht.

 

Angenommen, im Sommer dürfen alle wieder nach Lust und Laune raus und man spaziert an einem sonnigen Tag am Zürcher Bürkliplatz vorbei. Unverzüglich wird einem der scharfe Geruch des Grills an der Schiffhaltestelle in die Nase steigen. Stimmt das Timing, hat die «Stadt Rapperswil» soeben angelegt, und man erhält einen Blick auf die Leute vom Raddampfer, die – nun an Land – in Grüppchen um Plastikstehtischchen verteilt rauchen, Bier trinken und heiter Bratwürste essen.

An sich hat dieses Bild nichts Ungewöhnliches. Aufschlussreich ist, wer diese Menschen sind, die sich hier versammelt haben: Es ist die letzte Generation, die von der unaufhaltbaren Flut der Selbstoptimierung gerade noch verschont geblieben ist. Es handelt sich bei ihnen um Menschen, die sich nicht mehr mit den Konsequenzen von #MeToo herumschlagen müssen und welche die von politischer Seite wegen des Klimawandels und des Konsumverhaltens geforderten Einschränkungen nicht mehr in aller Härte erleben werden. Es sind jene, über die der Kinderchor des öffentlich-rechtlichen WDR vor ein paar Monaten – um Heiligabend herum – respektvermissend sang: «Meine Oma ist ’ne alte Umweltsau.» Also die letzten Menschen, die noch relativ unbekümmert dick werden, nach Spanien fliegen, mit Öl heizen, in der Schule bedenkenlos Weihnachtslieder singen, Autorennen veranstalten, Steak essen oder Sex haben konnten. Oder anders ausgedrückt: die letzte Generation, die im westlich-wesentlichen Sinn ein ordentliches, aber lustvolles, ein möglichst sorgenfreies, selbstbestimmtes Leben führen konnte.

 Was würde Epikur denken?

Was ist ein glückliches Leben? An den Rezepten dafür schieden sich die Geister schon immer. Der Hedonist Aristippos von Kyrene sah das Gute in der Lust, Stoiker wie Zenon von Kition glaubten, mit Verzicht und Gelassenheit ans Ziel zu kommen, und Epikur erkannte die Erfüllung irgendwo dazwischen. Begegnete man den dreien am besagten Sonntag am besagten Bratwurststand, blinzelte wohl bloss Epikur zufrieden in die Sonne. Er blickte auf Menschen, die es sich gut gehen lassen und sich bald wieder auf ihre privaten Balkone, Terrassen oder in ihre Gärten zurückziehen, wo sie sich ein vernünftiges Leben in Mass und Mitte eingerichtet haben – ohne zu viele Richtlinien und Einschränkungen.

Masshalten und tolerant sein sind unbestritten edle Tugenden. Wenn Verzicht und Nachsicht aber zur Pflicht werden – zur blossen Einhaltung der Gesetze –, schwindet der Zauber. Die heute Zehnjährigen, die 2040 eine Familie gründen, werden ihre Kinder wohl in einer ganz anderen Welt mit neuen Gewohnheiten und Regulierungen grossziehen. Vielleicht wachsen sie in einem verdichtet gebauten Hochhaus auf, in dem sie nicht mehr als 1000 Watt pro Jahr verbrauchen dürfen, mit einer heissen Dusche einmal die Woche. Sie werden möglicherweise in eine Welt hineingeboren, in der Süssigkeiten des Teufels sind, Familienreisen kaum mehr möglich, feine Würste inexistent und sexueller Kontakt nur noch per Kontrakt möglich ist. Ostern – der Hase aus Zucker, das Gigot aus Fleisch, das Ei vom Huhn und der Anlass christlich – bestünden in einer solchen Welt bloss noch aus Karfreitag.

 Des Zürchers Lust am Karfreitag

Apropos: Den düsteren Prognosen trotzend, trifft sich manchmal am Karfreitag, wenn es langsam dunkel wird in der Zwinglistadt, die Zürcher Szene an einem fast geheimen Ort zu einer der beschwingtesten Veranstaltungen des Jahres. Der kleinste gemeinsame Nenner an dieser Party sind die grossen Mengen an Drogen, die konsumiert werden. Man hat sich mehr oder weniger stillschweigend darauf geeinigt: Nicht normal ist hier, wer nicht drauf ist. Unter dem Einfluss mehrheitlich illegaler Rauschmittel lässt man den verschiedensten Formen menschlicher Lust freien Lauf. Salopp ausgedrückt: fressen (es gibt Ostereier), saufen, bumsen. Für ein paar Stunden befinden sich diese Zürcher am höchsten Feiertag der Reformierten im hedonistischen Paradies. Und man wundert sich, dass sich auch nationale Prominenz unter den Gästen tummelt und feiert,…

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»