Fair gehandelt

Lust auf faire Schokolade? Das Ende des Schweizer «Schoggigesetzes» lässt hoffen. Schoggigesetz? 1974 hatte das Parlament diskussionslos ein neues Bundesgesetz zum Schutz der Nahrungsmittelindustrie durchgewunken. Für das Gesetz engagierten sich damals hochangesehene Vertreter der Schweizer Privatwirtschaft: der Fabrikant Rudolph Sprüngli im Namen der schwer angeschlagenen Schokoladenindustrie und Gerhard Winterberger, Direktor des «Vororts», der heutigen «economiesuisse». […]

Lust auf faire Schokolade? Das Ende des Schweizer «Schoggigesetzes» lässt hoffen. Schoggigesetz? 1974 hatte das Parlament diskussionslos ein neues Bundesgesetz zum Schutz der Nahrungsmittelindustrie durchgewunken. Für das Gesetz engagierten sich damals hochangesehene Vertreter der Schweizer Privatwirtschaft: der Fabrikant Rudolph Sprüngli im Namen der schwer angeschlagenen Schokoladenindustrie und Gerhard Winterberger, Direktor des «Vororts», der heutigen «economiesuisse». Statt einer freien Marktwirtschaft verteidigten die beiden mit dem «Schoggigesetz» jedoch den klassischen westlichen Neoprotektionismus: Weil der Agrarprotektionismus in der Schweiz Milch oder Getreide verteuerte, sollte der Bund auch der Nahrungsmittelindustrie mit Exportsubventionen unter die Arme greifen. Zudem sollten Schutzzölle den Import von billigeren ausländischen Nahrungsmitteln verhindern. Einer widersetzte sich schon damals: Karl Schweri, Chef der Discountkette Denner, forderte per Referendum eine Volksabstimmung. Er bezeichnete das Gesetz ökonomisch korrekt als «protektionistisch» und prophezeite höhere Konsumentenpreise und Staatsausgaben als Folge. Sprüngli und Winterberger bestritten Schweris Aussagen zwar nicht, argumentierten aber mit den bis heute beim Wahlvolk wirkungsvollen Schlagworten «Arbeitsplatz- und Ernährungssicherung». Äusserst knapp nahmen die Schweizer das «Schoggigesetz» im Dezember 1975 an. Seither ist viel passiert. Entwicklungsländer wie Brasilien, Indien oder China sind der WTO beigetreten und prangern nun den westlichen Protektionismus an. Unter «fair» verstehen die Entwicklungs- und Schwellenländer unmissverständlich die Abschaffung von Gesetzen, die ihren Produkten den Marktzugang versperren und die westliche Industrie mit Exportsubventionen stützen. Im Dezember hat die WTO tatsächlich ein Ende der Exportsubventionen beschlossen. So können wir vielleicht bald, und nicht nur im Denner, wirklich faire Schokolade kaufen – aus Brasilien!


Andrea Franc
ist Wirtschaftshistorikerin und forscht zu Nord-Süd-Handel sowie ökonomischer Theoriegeschichte. Sie lebt in Basel.