Fahrtenschreiber des Lebens

Martin Walser reaktiviert sein Alter ego Herbert Messmer Martin Walser, Jahrgang 1927, ist ein junger und neugieriger Autor geblieben, ein Archäologe des Alltags, der nicht müde wird, sich neuen Erfahrungen zu stellen – und sei es auch nur, um zu spüren, wie widersprüchlich alles war, was er (und seine
Romanfiguren) zuvor kennen lernten.

Es ist nicht leicht, Martin Walser und sein Werk auf einen Nenner zu bringen. Immer wieder entzieht er sich Festlegungen und verblüfft seine Leser mit inhaltlichen oder stilistischen Varianten, die nichts mit dem vorhersehbaren und deshalb mitunter eintönigen Gleichklang eines Alterswerkes zu tun haben. Im Jahr 2001 überraschte Walser mit seinem monumentalen, ja monomanischen Roman «Der Lebenslauf der Liebe». Selbst wer nicht die Geduld hatte, der 500-seitigen Suada der Protagonistin Susi Gern zu folgen, musste anerkennen, welch hohes formales Risiko hier eingegangen wurde. Im Sommer 2002 – es ist in schmerzlicher Erinnerung – sorgte Walsers «Tod eines Kritikers» für einen Aufruhr, wie ihn die deutsche Literaturszene seit 1945 zuvor nicht erlebt hatte. In der Rückschau erweist sich diese Diskussion um Walsers vermeintlichen Antisemitismus als erbarmenswürdiges Schauspiel, in dem nicht wenige Literaturkritiker einen peinlichen Part übernahmen. Geblieben ist Verbitterung auf vielen Seiten, und auch Martin Walser ist es nicht leicht gefallen, die zum Teil unwürdigen Angriffe auf seinen Roman und nicht zuletzt auf seine Person zu verdauen.

Tauchgänge ins eigene Ich

Vielleicht deshalb wendet sich sein neues Buch, zumindest auf den ersten Blick, von den öffentlichen Schauplätzen ab und betreibt eine Introspektion, wie sie in ihrer Offenheit nicht eindringlicher sein könnte. Bereits 1985 hatte Walser die Figur des Schriftstellers und Gelehrten Herbert Messmer zum Zentrum eines Büchleins gemacht: «Messmers Gedanken». Achtzehn Jahre später kommt diese melancholische, zweiflerische Gestalt zu neuen Ehren: «Messmers Reisen», wiederum in drei Teile gegliedert, schreibt den Weg der Reflexion fort und umreisst Bewegungen, die mal nach innen und mal nach aussen führen.

Herbert Messmer ist zuerst ein Reisender im konkreten Sinn. Er nimmt Einladungen an, die ihn quer durchs Land, nach Urach, Stuttgart oder Gerolstein führen und doch nur die Erkenntnis mehren, dass es meist am besten ist, nicht aus dem Haus zu gehen. Denn seine Reisen sind ohnehin und vor allem Tauchgänge ins eigene Ich, in jenes Zentrum der Existenz, das sich einer bündigen Definition mehr denn je entzieht. Und wo diese Erfahrung gemacht wird, ist letztlich gleichgültig; auch in Kalifornien, wo der erzählerischer angelegte Mittelteil des Buches spielt, sieht die Welt nicht anders aus. Messmer nimmt eine Gastprofessur wahr und wird unfreiwilliges Mitglied merkwürdiger akademischer Riten. Seine Betrachtungen darüber scheinen ihn aus der selbstreflexiven, düsteren Welt des Anfangs- und Schlusskapitels herauszuführen – eine trügerische Hoffnung, wie sich zeigt.

Die Campuseindrücke in Los Angeles lenken nicht vom Wesentlichen ab. «Sehnsucht und Enttäuschung entsprechen einander wie Licht und Schatten», heisst es am Ende dieser weiten Reise, und es klingen wieder jene Themen und Motive an, die den ganzen Text dominieren. «Messmers Reisen» ist eine Komposition von Gedanken- und Erfahrungssplittern. Als «Fahrtenschreiber» des Lebens sieht sich Messmer, dessen Aufzeichnungen in der Er- und in der Ich-Form wiedergegeben werden. Manche Sätze liessen sich als Aphorismen und Maximen bezeichnen, doch letztlich helfen derartige Gattungszuweisungen wenig. Gedanken reihen sich an neue Gedanken; Traumsequenzen kommen hinzu, und auch literarische oder philosophische Abschweifungen zu Kafka, Nietzsche oder Kierkegaard fügen sich in dieses Mosaik einer unentwegten Selbsterforschung ein.

Thema Lebenskunst

Ja, es geht um «grosse» Themen des Lebens, genauer: der Lebenskunst. Um «Identität» zum Beispiel, um dieses Wunschbild, dessen Nicht-Existenz sich so leicht behaupten lässt und das die Vorstellungen dennoch besetzt hält. Die Erfahrung «In mir ist keine Einigung» ist einerseits schmerzhaft, denn sie negiert die Möglichkeit einer in sich abgerundeten, widerspruchslosen Persönlichkeit. Andererseits befreit sie in einem nächsten Schritt davon, geschlossenen Ideologien anzuhängen und windige Meinungen für unumstössliche Wahrheiten zu halten: «Soll man sich wehren? Nein. Niemanden überzeugen. Auch nicht sich. Ohne Überzeugung leben. Tastend, nicht sehend.»

Martin Walser spricht von den Konstanten des menschlichen…

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»