Fabiano Alborghetti – Schweizer Literaturpreise 2018

Sabbiadoro (eine Reflexion in fünfzehn Zitaten, einem Kommentar und einem Refrain)

Fabiano Alborghetti – Schweizer Literaturpreise 2018
Fabiano Alborghetti, photographiert von Ladina Bischof.

Wo:

Ich werde oft gefragt: Wohin fährt ein Dichter in die Ferien? Manche vermuten mich auf gedankenreichen Spaziergängen durch die Berge, quasi ein neuer Max Frisch, der das Onsernonetal durchstreift. Andere stellen sich vor, ich würde abgelegene Dörfer entdecken und meinen Blick auf dem leopardianischen Jenseits hinter den Bergen ruhen lassen (Leopardi selbst begnügte sich allerdings mit einer Gartenhecke). Die Wahrheit sieht ganz anders aus und ist vielleicht befremdlich. Ich höre den Ruf des Meeres, aber nein, nicht jenen der aufgewühlten See von Coleridges Albatros[1], auch nicht den elegischen Quasimodo mit den glatten Stränden in Man hört noch das Meer,[2] ebensowenig Heine, Pascoli oder Pessoa. Mein Meer ist jenes der Sonnenschirme. Keine ferne Pauschaldestination: Kein Pappferiendorf, keine Animateure, die einem in künstlichen Palmgewächsen auflauern, keine Cocktails in nuklearen Farben. Die Landkarte in der Hand, entschieden wir uns eines schönen Tages für Lignano Sabbiadoro. Nahe genug, um nur wenige Stunden fahren zu müssen (für den Fall, dass die Schwiegermutter plötzlich das Zeitliche segnen sollte), weit genug, um uns vom Charme des Grenzlandes einhüllen zu lassen: Hinten Italien, der Veneto und Friaul. Daneben der Golf von Venedig, seit je Krämerladen der Region. Direkt auf der anderen Seite Slowenien, das romantische Präludium eines Ostens, der zum Balkan hin allmählich abfällt, Sonnenaufgang um Sonnenaufgang bis in den Orient. Davor ist das Meer, jenes Meer, das die Länder nur besser vereinigt, die es trennt.[3] Nicht im Grand Hotel sind wir, sondern in einem kantigen Bau aus den Sechzigerjahren: Ungefähr so bezaubernd wie ein Schuhkarton, aber die Balkone haben blau-weisse Markisen.[4] Von den Zimmern aus sieht man auf das Nachbargebäude, um mit Hand und Blick das Meer zu berühren, muss man hingegen ein Strandbad aufsuchen. «Ufficio spiaggia» heissen diese in Lignano, «Strandbüro» sozusagen: Allein schon darin zeigt sich die Arbeitsverbundenheit des fleissigen Nordostens. Wir sind in der Nummer 9, auch «Ausonia» genannt, nach dem grossen Turbinenschiff, das ab 1955 Triest mit Beirut verband. «Ausonia» klingt auch exotischer als einfach «die Neun» (vor allem aber tröstet uns, dass wir das Wort «Büro» wenigstens während der Ferien nicht in den Mund nehmen müssen). Der Strand, der sich rund um uns ausbreitet, ist ein horizontales Mehrfamilienhaus. Meine anthropologische Beobachtungsstation.

 

Wer:

Da drüben knipst eine Dreissigjährige Selfies bis zur Verblödung, checkt die Likes vor allem eines gewissen Jemand, der wenig später anruft und dem sie mit anzüglicher – oder war es sinnlicher? – Stimme antwortet. Während ihr Mann nicht weit davon den Sohn ins Wasser begleitet. Mit dem Sex verhält es sich wie mit dem Geld: Erst zu viel davon ist genug.[5]

Etwas weiter drüben haben drei Kinder beschlossen, dass es ihre natürliche Pflicht ist, den Grossvater zu beerdigen, so graben und graben sie mit bunten Sandschaufeln, um schliesslich zu entdecken, dass sich das Sediment mit dem Eimer leichter bewegen lässt. Das Loch sei riesig, merkt der Nachbar an, bevor er hineinstürzt. Eine Gruppe alter Männer spielt Karten, ein anderes Grüppchen auf Dialekt Boccia.

Der Holländer gegenüber ist leuchtstiftfarben und spachtelt sich mit Sonnencreme voll, ohne sich dessen bewusst zu sein, dass es schon zu spät ist. Unter anderen Sonnenschirmen sehe ich ein paar wenige Zeitschriften, keine Bücher, ein paar wenige Leute, die sich unterhalten, je ein iPhone (Ah! Technik als Kniff, die Welt so einzurichten, dass wir sie nicht erleben müssen)[6]. Die frisch angekommene Kleinfamilie hat aus kreisrund aufgestellten Liegestühlen ein Gehege gebaut, im Mittelpunkt ein kleiner Buddha, der eher verstört aussieht. Manche richten den Sonnenschirm schattenmaximierend aus, andere schliessen ihn oder fluchen beim Versuch, ihn zu öffnen, wobei sie sich mit den Schienen fast ein Auge ausstechen oder sich an den Stäben die Finger verletzen. Ab und zu entführt die Brise nachlässig aufgehängte T-Shirts, es ist ein angenehmer Zeitvertreib, die Hüpfer jener zu zählen, die sie im Zickzack durch die Liegestühle wieder einzufangen versuchen und sich dabei auf dem heissen Sand die Füsse verbrennen. Der Lärm der Brandung, gedämpfte Schreie, das Gekreisch der Möwen. Ab und zu verbreitet ein Lautsprecher Nachrichten: die Temperatur von Luft, Wasser und glühend heissem Sand, das Veranstaltungsprogramm des Abends, meistens aber Durchsagen zur Wiedervereinigung von Familien, denen irgendwo zwischen Badeplausch und Einfettung die Kinder abhanden gekommen sind. Ding Dong: Hier schon die nächste.

Es ist Spazierzeit, und so rezitiert mein Ich halblaut Walser: Ich mache meinen Gang; / das führt ein Stückchen weit / und heim; dann ohne Klang / und Wort bin ich beiseit.[7] Beiseit, aber im Zentrum des Schauens: Sandstrand, das Kommen und Gehen der Wellen. Der für mich allzu blaue und lange Nachmittag.[8] Träges Herumschlendern im Zickzack zwischen Pedalos und Badenden. Ein Säugling spielt im Wasser und steht unter Dauerbeschuss durch die elterlichen Kameras. Oder dort drüben: halbnackte Prinzessinnen mit schönheitsoperierten Brüsten, stolze Blicke, die über alles hinweggleiten, auf nichts ruhen bleiben. Oder Matronen mit schwerem Gang und vielen Halsketten. Die Parade der Mützen: Typus amerikanischer Rapper, einheimischer Fischer oder Afrikakorps. Dazu Rentner, Familien, schon frühmorgens betrunkene Russen und Nordländer, die unter der ersten Sonne innerhalb weniger Stunden zu phosphoreszieren beginnen. Strandtennis, Tischfussball, Volleyball, katzenhaft geschickte Ausweichmanöver vor Frisbees. Neid auf die irisierenden, tonischen Brustkörbe Zwanzigjähriger, das Einziehen des eigenen, um weniger angejahrt und baywatchmässiger zu wirken. Dort drüben Aquagym-Kurse für die Altersvereine, nicht weit davon machen ein paar Leute Zumba und rufen bei jedem Klatschen olé.

Wenn die Sonne ihr Haupt neigt, kommt das Ritual des Apéritifs: In der Strandbar zuerst Loungemusik, dann Umpa Umpa, um Gäste zum Tanzen zu bringen und Lignano in Formentera zu verwandeln. An den Tischen sitzen die Leute, die in dieser Grenzluft zu erwarten sind: Österreicher und Slowenen, Russen und Ungaren. Heimatliche Gefühle hin und wieder, wenn man einen zufriedenen Schweizer Dialekt vernimmt, und unter all diesen Leuten unzählige Italiener, die selbst dann laut sind, wenn sie leise reden. Mojito, Cuba, Margarita, oder Piña (Colada), Pint, Santa Maria. Die Raffinierteren halten sich an Prosecco und stellen sich bei entspanntem Blick praktisch vor ihrer Haustür die Seychellen vor.

Während die Sonne ihr Haupt vollends senkt, hebt der Abend den Kopf: Der Stadtbummel nach dem Essen führt den Corso entlang, die mit Läden tapezierte Fussgängerzone. Jetzt sehen alle noch schöner aus, braungebrannt, eingeölt, parfümiert, herausgeputzt. Matronen, die im Badeanzug noch an Kathedralen aus Zellulitis erinnerten, verströmen jetzt eine geradezu bezaubernde Weichheit. Litauische Mädchen, die am Strand stolze Blicke abfeuerten, schauen sich jetzt baltisch freundlich um. Ein Grundrauschen wie von einem römischen Wagenrennen offenbart Horden von Ehemännern, allesamt so heftig tätowiert, dass man schon fast an Wandbehänge denken muss. Sie schieben ganze Karawanen von Kinderwagen, während ihre Frauen unweit von ihnen mit dem Rabatt-Ortungssystem Schaufenster durchkämmen. Kilometer von Zungen lecken Eis. Ein Mann in einer riesigen grünen Zitrone verteilt themengerechte Granita, auf die er selbst verzichten muss: Er mag die Geschmacksrichtung nicht (dafür liebt er Essig), aber man akzeptiert ja alles Mögliche, sogar das Widersinnige, wenn man bloss arbeiten kann. In der Ecke ein Konzert von Peruanern, die sich als Apachen verkleidet haben (so verkaufen sie mehr, flüstern sie), mit ihren Panflöten jedoch abwechselnd ABBA und Lady Gaga spielen. Das milchweisse Touristenzüglein pflügt sich durch die Menge und bimmelt. Es vermag meine Gedanken nicht lange aufzuhalten, vielleicht rechne ich sogar mit der gedehnten Ankündigung von «Cassarate River …» wie in Lugano.

Die Stunde der Jugend ist da: Herrlich ist die Jugendzeit, freut euch des Lebens![9] Die Dunkelheit ist nun dunkler, Leuchtreklamen blenden mich, die Diskotheken öffnen ihre Tore, und Scharen stöckelnder Flamingos und in modische Hemden verpackter Bizepsberge strömen ein und aus. Alte Leute werden selten, die Kinderscharen sterben aus, die Familien sind zurück in ihren Hotels mit Vollpension, und die Musik auf der Strasse wird ein paar Oktaven höher. Jenseits der Boulevards und hinter den Häusern liegt fern und vergessen das Meer, höchstens noch von Pärchen besucht, die im Mondschein Händchen halten und von der Zukunft träumen, oder es kühner wagen, sich im Schutz vor indiskreten Blicken glücklich stöhnend zu lieben.

Dann kommt die Nacht: Kein Hauch mehr. // Wie wenn der Frühwind / der letzten Kerze / das Licht nahm. // So tief ist das Schweigen in uns – ein Komet / unterwegs zu der Nacht der Töchter unserer Töchter, / wir hörten ihn.[10]

 

Was:

Nun, ich möchte ein Bild dieses Orts finden, um es in meinem Gedächtnis einzufrieren, denn die Ferien sind immer zu schnell vorbei. Der Koffer wird wieder gefüllt mit Kleidern, Andenken und dicht beschriebenen Notizbüchern voller Geschichten über viele und niemanden. Über einen Ort, der überall ist oder auch nicht. Schau zweimal, um richtig zu sehen. Schau nur einmal, um das Schöne zu sehen,[11] sagte Amiel, und ich frage mich, was ich gesehen habe. Das Richtige oder das Schöne? Vielleicht ist das Richtige der national-populäre Trash, und das Schöne ist die Form, in der man von ihm erzählen kann? Habe ich mehr als andere Schriftsteller oder Dichter gesehen?

Ich kann mir die Kommentare schon vorstellen, mit denen es nach meiner Rückkehr Ende Sommer wieder losgehen wird: ein Dichter am Meer? Wie normal, wie enttäuschend! Man lernt hier sehr wenig[12] (ich habe noch nie verstanden, wie das gemeint ist: lernt man wenig, wenn man ans Meer fährt, oder im Speziellen, wenn man sich mit dem Dichter unterhält?).

Noch weiss niemand – und sobald man es weiss, ist es zu spät –, dass alles verwertet, in den Text eingebaut wird und dass ich mir am Meer der Sonnenschirme mehr Voyeurismus gönnen kann, als wenn ich reglos dasitzend einen einsamen Gipfel fixiere. Letztlich ist es auch unterhaltsamer – ein Felsen oder eine Kiefer tragen schliesslich keinen Badeanzug. Und wir müssen uns auch Folgendes eingestehen: Es wäre für die Menschen am Besten, wenn sie ihr eigenes Gesicht nicht sehen könnten. Es ist die am meisten erschreckende von allen Erscheinungen. Die Natur gab uns das Privileg, es nicht sehen zu müssen, sich selbst nicht in die Augen schauen zu müssen.[13] Dazu hat man die Schriftsteller und Dichter erfunden.

 

Postskriptum:

In diesem kurzen Text habe ich 13 literarische Zitate verwendet, alle aus Büchern, die ich gelesen habe. Am Meer. Ach, dazu kommen auch der Refrain eines Lieds und ein Kommentar meiner Frau. Letztendlich bleibt uns, glaube ich, nur etwas: der Empfang, den der Mensch dem Leben bereitet,[14] und dazu vielleicht auch das Unbegreifliche, das jeder hinnimmt, als könne es eine geheime Rechtfertigung enthalten.[15]

Aus dem Italienischen übersetzt von Barbara Sauser.

[1] Samuel Taylor Coleridge: Die Ballade vom alten Seemann. München: Verlag J. Müller, 1925.

[2] Salvatore Quasimodo: S’ode ancora il mare. Poesie e discorsi sulla poesia. Mailand: Mondadori, 1997.

[3] Alexander Pope: Der Wald bey Windsor. In: Sämmtliche Werke, 1. Band. Altona: David Iversen, 1758.

[4] «Ungefähr so bezaubernd wie ein Schuhkarton, aber die Balkone haben blau-weisse Markisen»: Kommentar meiner Frau.

[5] John Updike: Ehepaare. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1969.

[6] Max Frisch: Homo Faber. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1957.

[7] Robert Walser: Beiseit. In: Gedichte. Basel: Benno Schwabe & Co., 1944.

[8] Adriano Celentano im Lied «Azzurro».

[9] Lorenzo de’ Medici: Il trionfo di Bacco e Arianna in Trionfi e canti carnascialeschi. Hrsg. von Riccardo Bruscagli. Rom: Salerno editore, 1986.

[10] Philippe Jaccottet: Gedichte, französisch und deutsch. Übertragung und Nachwort von Friedhelm Kemp. Stuttgart: Klett-Cotta, 1995, S. 92-93.

[11] Henri-Frédéric Amiel: Philine. Fragments inédits du journal intime. Paris: La Pléiade, 1927.

[12] Robert Walser: Jakob von Gunten. B Bruno Cassirer Verlag, Berlin 1909.

[13] Fernando Pessoa: Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares. Zürich: Ammann, 2013.

[14] Joë Bousquet: Mystique. Paris: Gallimard, 1973.

[15] Elias Canetti: Die Provinz des Menschen. Aufzeichnungen 1942–1972. München: Hanser Verlag, 1973.

 


Fabiano Alborghetti erzählt in «Maiser» eine Geschichte aus dem Italien der frühen 1950er Jahre: Bruno, Sohn einer kinderreichen Bauernfamilie, und seine Frau packen ihre spärlichen Sachen, lassen die Heimat hinter sich und machen sich auf ins Unbekannte. Was sie weg- und vorantreibt: die Hoffnung auf eine bessere Zukunft im Tessin. Viele teilten in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg das Schicksal des jungen Ehepaars: erzählt Alborghetti von Bruno, erzählt er die Geschichte vieler. Es gelingt ihm, durch den individuellen Blickwinkel auf Bruno ein Porträt der gesellschaftlichen und historischen Realität des damaligen Italiens zu geben. Die Einzigartigkeit des Werks liegt aber hauptsächlich in der Form der Verserzählung. So kombiniert Alborghetti die lyrische Sprache mit der Härte der sozialen Wirklichkeit der einfachen Leute. Lyrik mitten im Leben also – es verwundert nicht, dass der 1970 geborene Lyriker Poesieprojekte an Schulen, Gefängnissen und Spitälern lanciert. Heute lebt und arbeitet der gebürtige Mailänder im Tessin.

Ausgezeichnetes Werk: «Maiser», Milano, Marcos y Marcos, 2017


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