Fabel

Ein kalifornisches Märchen

Fabel

Es war einmal ein Mann, der hatte eine Therapeutin. Die wollte, dass der Mann ein paar Dinge aufarbeitet, indem er eine Geschichte darüber erzählt.

Der Mann wohnte ganz allein in einer 1-Zimmer-Hütte in einem ziemlich zwielichtigen Stadtteil. Eines Morgens wachte er auf und erkannte, dass es das im Grunde für ihn gewesen war. Das war nicht schlimm. Aber es war auch nicht toll. Und wahrscheinlich würde es sich nicht bessern. Der Mann war schlau genug, um sich darüber im Klaren zu sein, aber die Schläue reichte nicht, um etwas daran zu ändern. Er lebte bis ans Ende seiner Tage, dann starb er. Punkt. Zufrieden?

Der Mann merkte, dass seine Therapeutin das gar nicht lustig fand.

Ein recht unbefriedigendes Ende, meinte die Therapeutin. Das könne der Mann doch besser. Der Mann dachte: Meint sie das wirklich ernst? Doch er behielt es für sich. Der Mann war nicht davon überzeugt, dass er überhaupt mit der Therapeutin zu sprechen brauchte, aber er hatte schon so viele andere Dinge ausprobiert (Tränke, Zaubersprüche, Hexen), so viel Kupfer und Silber ausgegeben und stand immer noch mit leeren Händen da. Deswegen dachte er sich: Was soll’s, warum nicht.

Wie soll ich das machen?, fragte er.

Warum fangen Sie nicht noch einmal von vorne an?, erwiderte die Therapeutin. Und konzentrieren Sie sich diesmal auf die Details, statt zum Ende zu hetzen.

Okay, sagte der Mann.

Es war einmal ein Mann, der nicht mit dem Schwert umgehen konnte und sich ausserdem vor Drachen fürchtete, also meldete er sich für den LSAT an, schnitt ziemlich gut ab und wurde an einer anständigen Uni zum Jurastudium zugelassen. Dort lernte er nützliche Fertigkeiten. Fertigkeiten, mit denen er im Dorf seinen Lebensunterhalt verdienen und die Dorfbewohnerinnen umwerben konnte.

Doch bald nach dem Abschluss fand der Mann heraus, dass in seinem Dorf viele Leute die gleichen Fertigkeiten besassen. Sehr viele Leute sogar. Wirklich unglaublich, wie viele Anwälte es in dem Dorf gab. Entsprechend waren die örtlichen Jungfern trotz seiner Anstrengungen nicht sonderlich beeindruckt. Ausserdem schämte sich der Mann, dass er nach so einer umfassenden Ausbildung immer noch nicht mit dem Schwert umgehen konnte.

Doch für den Mann war das in Ordnung. Absolut kein Problem. Er fühlte sich kein bisschen unzulänglich. Er fand einen Job in einer mittelgrossen Kanzlei. Das Gehalt lag ein bisschen unter dem Durchschnitt, und die Stelle war nicht gerade seine erste Wahl. Vielleicht in den Top drei. Oder Top fünf. Irgendwo da. Trotzdem hätte der Mann es auch schlechter treffen können. Er ging seinem Tagewerk mit einigem Geschick nach und baute sich so eine recht angenehme Existenz auf. Konnte die Gesellschaft seiner Lieben geniessen. Seine Eltern waren allerdings inzwischen beide tot und seine Schwester lebte in einem Königreich auf der anderen Seite des Meeres. Aber es war nicht so, als hätte er keine Freunde. Hatte er nämlich absolut. Leute, die er anrufen konnte, wenn er mal Lust auf ein Bier oder einen Film hatte. Aber dann waren da diese Nächte. Wenn der Mond neu war und der Himmel schwarz und die Stunde vor Sonnenaufgang sich hinzog, als würde sie niemals enden. In diesen endlosen Nächten lag er allein in seiner Hütte, schaute aus dem Fenster in den sternenleeren Himmel und fragte sich: Gab es da draussen ein Leben für ihn? Jemanden, der ihn lieben würde? Oder es wenigstens lernen könnte, ihn zu lieben, sich von ihm lieben lassen würde?

Er spielte mit dem Gedanken, eine junge Dame zu verzaubern, doch er besass keinerlei magische Kräfte, das kam also nicht in Frage. Wenn er eine holde Maid finden wollte, die mit ihm den Bund der Ehe einging, musste er das auf…