Experiment of Living

Wer möchte eigentlich nicht in seinem Leben einen Neuanfang wagen? Gewagt hat ihn Hermann Hesse, als er nach dem Ende des Ersten Weltkrieges versuchte, sich nochmals dem «Engel zu stellen». Gewagt haben ihn auch Hugo Ball und Emmy Ball-Hennings, als sie nach der Beendigung des Dada-Experimentes um 1920 in das Tessin zogen. Das experiment of living, um einen Ausdruck von J. St. Mill zu verwenden, ist bei Hermann Hesse erfolgreich ausgegangen und wurde 1946 mit dem Nobelpreis und 1955 mit der Aufnahme in den Orden «Pour le Mérite» gekrönt. Hugo Ball dagegen starb bereits 1927 mit vierzig Jahren an Speiseröhrenkrebs; seine Frau überlebte ihn um rund 20 Jahre und starb wohl an Erschöpfung, nachdem sie ihren Lebensunterhalt – nicht zuletzt auch in einer Tabakfabrik – verdient haben soll.

Eveline Hasler zeichnet nun die Begegnung der drei aussergewöhnlichen Menschen in den zwanziger Jahren nach. Sie stützt sich dabei auf Originalquellen, die sie im Anhang anführt, allerdings ohne Nachweis der jeweiligen Seitenzahlen. Dazwischen fingiert sie, was sich zwischen diesen drei Personen, in deren Gesprächen und deren Gedanken, abgespielt haben könnte, wie unter anderem eine unerfüllt gebliebene Liebe Emmy Balls zu Hermann Hesse, homoerotische Neigungen Hugo Balls und nicht zuletzt auch eheliche Spannungen zwischen Hugo und Emmy Ball, die diese zu langen Fluchten nach Italien veranlassten. Insbesondere aber zeigt die Autorin, dass das experiment of living der Balls vorwiegend ein Kampf ums physische Überleben war.

Das schlecht lektorierte Buch weist eine Reihe stilistischer Mängel auf; von einem «akribischen Quellenstudium», wie Klara Obermüller es der Autorin auf dem der FAZ entnommenen Klappentext attestiert, kann in dieser Publikation schwerlich die Rede sein.

Den besten Eindruck in diesem Buch macht wohl Hermann Hesse, der trotz eigener schwieriger Lebenssituation Hugo und Emmy Ball nicht nur moralisch unterstützt, sondern sich auch für deren materielles Überleben tatkräftig eingesetzt hat. Der Autorin ist für die Wahl des Sujets und ihr Einfühlungsvermögen zu danken, auch wenn ihre Mischung aus «Dichtung und Wahrheit» Fragen nach der faktischen Wahrheit, insbesondere in ihrer Darstellung der Balls, offen lässt. Zuverlässigere Informationen finden sich in dem heute vergessenen Werk Richard Huelsenbecks, der «Reise bis ans Ende der Freiheit. Autobiographische Fragmente», das 1984 aus dem Nachlass herausgegeben wurde von U. Karthaus und H. Krüger.

Eveline Hasler: «Und werde immer Ihr Freund sein». Zürich: Nagel & Kimche, 2010

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