Europäische Bilanz des Kollektivismus
Bild Ludwig von Mises Institute.

Europäische Bilanz des Kollektivismus

1.

Alle jene wirtschaftspolitischen Ideologien, die wir behelfsmässig unter dem Sammelnamen «Kollektivismus» zusammenfassen wollen, haben dem Wirtschaftsleben fast aller Länder, insbesondere aber unserem Kontinent, mehr oder weniger fest ihren Stempel aufgedrückt. Was einst Utopie, demagogisches Schlagwort oder gelehrte Schreibtischkonstruktion war, ist nunmehr in hohem Masse Wirklichkeit geworden, überall, in einigen Ländern seit Jahren, in anderen wie beispielsweise Deutschland seit Jahrzehnten, ist der Kollektivismus am Werke gewesen – wahrlich lange genug, um uns das Recht zu der Frage zu geben: Was hat er geleistet, was ist er schuldig geblieben und was dürfen wir von ihm in der Zukunft erwarten?

 

Eine solche europäische Bilanz des Kollektivismus muss mit einer scheinbar paradoxen Feststellung beginnen: Der Kollektivismus befindet sich in einer tiefen inneren Krise. Wie so oft in der Geschichte steht hinter dem äusseren Triumph der Bewegung innere Leere, Ratlosigkeit, Spannung, Enttäuschung und Widersprüchlichkeit. Es war einfach und ertragreich, zu kritisieren, und es war sogar in weitem Umfange nützlich und berechtigt. Es war risikolos, radikale Programme zu entwickeln und verzwickte Theorien zu vertreten, solange man nicht gezwungen war, die Programme zu erproben und die Richtigkeit der Theorien in der Praxis zu beweisen. Nun aber, da Theorie gegen Praxis und Demagogie gegen Verantwortung eingetauscht werden müssen, nun da der Kollektivismus zeigen muss, was er kann, d.h. gerade in dem Augenblick, da er die Macht, die er erstrebte, erobert hat, ist alles plötzlich anders geworden. Jetzt ist der Kollektivismus in die Verteidigung gedrängt, und zwar in einem Augenblick, da es angesichts der wirtschaftlichen und politischen Weltlage besonders schwer ist, mit irgendwelchen wirklich überzeugenden Erfolgen aufzuwarten.

 

Tausende und Abertausende von Sozialisten fragen sich gewiss heute im Stillen: War es nicht Vermessenheit, dass wir das Wirtschaftsleben nach unseren Plänen lenken wollten? Stürzen wir nicht die Wirtschaft von einer Krise in die andere? Haben wir nicht ein wenig zu früh über die sogenannten bürgerlichen Nationalökonomen gespottet, die uns lehrten, wie das Riesengetriebe einer modernen Volks- und Weltwirtschaft durch Wettbewerb, Preis, Zins, Markt und Rente gesteuert wird und wie ein Maximum an den von den Menschen wirklich begehrten Gütern unter minimalstem Aufwand dadurch erzeugt wird, dass Fleiss, Initiative, Anpassungsfähigkeit und Intelligenz vom Markte belohnt und die entsprechenden Untugenden vom Markte bestraft werden? Ist es nicht doch das Praktischste, wenn durch erprobte Einrichtungen das Eigeninteresse der Menschen nach Möglichkeit mit dem Gesamtinteresse geräuschlos koordiniert wird, und gehören nicht zu diesen von uns so verdammten Einrichtungen Freiheit, Selbstverantwortung, Wettbewerb und Eigentum? Ist es wirklich besser, wenn wir dagegen eine immer allmächtiger werdende Bürokratie eintauschen? Ist das die Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit, die wir erträumt und für die wir gestritten haben? Haben die von uns so gehassten Soziologen nicht doch recht gehabt, die als furchtbaren Preis des Kollektivismus die Freiheit, die Würde und die angeborenen Rechte des Menschen genannt hatten? Können wir mit gutem Gewissen leugnen, dass nicht nur die Erfahrungen der totalitären Länder, sondern auch alle Überlegungen dafür sprechen? Betrügen wir uns nicht selbst, wenn wir noch immer von einem demokratischen Kollektivismus reden, der Wohlstand, Freiheit und Frieden bringt? Sind nicht heute die Länder umso ärmer, je kollektivistischer sie sind? Und sind sie nicht zugleich umso freiheitsfeindlicher? Ist es nicht zwingende Logik, dass der Kollektivismus dadurch, dass er das Wirtschaftsleben unter das Kommando des Staates bringt, die internationalen Konfliktstoffe nur noch ausserordentlich vermehrt, statt den auf so vielen internationalen Sozialistenkongressen gefeierten Frieden zu fördern? Ist Sozialismus, mit einem Wort, nicht immer National-Sozialismus, und besteht hierin irgendein wesentlicher Unterschied zwischen den Ideologien, unter denen er zur Welt kommt?

 

Nicht wenige Anhänger des Kollektivismus haben solchen ketzerischen Gedanken in den letzten Jahren ehrlichen Ausdruck gegeben…

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