Eugen Bleulers Beziehung zu Sigmund Freud

Eugen Bleuler war von 1898 bis 1927 Direktor der Zürcher Psychiatrischen Universitätsklinik Burghölzli. Während sich die meisten seiner Kollegen hirnorganischen Forschungen widmeten, versuchte er die psychischen Symptome zu verstehen und ebnete der Psychoanalyse den Weg zu einer lebendigen Rezeption innerhalb der Psychiatrie.

Nachdem im vergangenen Jahr in zahlreichen Feiern und Publikationen an den 150. Geburtstag von Sigmund Freud erinnert worden ist, wird im April dieses Jahres der 150. Geburtstag Eugen Bleulers, eines der bedeutendsten Psychiater der Schweiz, gefeiert werden. Er hat den Begriff der «Schizophrenie» geprägt und dieses Krankheitsbild in einem umfassenden Werk dargestellt, und er war es, der die zu seiner Zeit gerade entstehende Psychoanalyse als erster in einer Universitätsklinik rezipierte. Die persönlichen und inhaltlichen Verbindungen zwischen Bleuler und Freud zeigen eine wichtige Etappe des Verhältnisses zwischen Psychiatrie und Psychoanalyse.

1895 erschienen die für die Entwicklung der Psychoanalyse wegweisenden «Studien über Hysterie» von Josef Breuer und Sigmund Freud. Ein Jahr später wurden sie von Eugen Bleuler rezensiert, der damals noch Direktor der psychiatrischen Klinik Rheinau war. Seine Besprechung enthält eine Reihe kritischer Hinweise auf Zusammenhänge, die ihm noch unbewiesen erschienen, endet aber mit einer deutlich positiven Wertung als «eine der wichtigsten Erscheinungen der letzten Jahre auf dem Gebiet der normalen und pathologischen Psychologie». Die Aufnahme dieses gänzlich neuen Ansatzes durch einen Psychiater war nicht selbstverständlich. Bleuler war auch als Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Burghölzli und Professor an der Universität Zürich im Jahre 1898 der einzige Ordinarius seiner Zeit, der sich intensiv mit Freud und der Psychoanalyse auseinandersetzte, während sich seine Kollegen vor allem den hirnorganischen Grundlagen widmeten.

Bemerkenswert gross ist die Zahl seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in der weiteren Geschichte der Psychoanalyse eine herausragende Rolle spielten. Unter ihnen sind vor allem C.G. Jung, Franz Riklin, Karl Abraham, Ludwig Binswanger, Max Eitingon, Johan van Ophuijsen und Hermann Nunberg zu nennen. Für die Verbreitung der Psychoanalyse in Amerika war Abraham A. Brill von zentraler Bedeutung.

Aus den eigenen Schilderungen Bleulers kann man sich die damalige Rezeptionssituation gut vergegenwärtigen. So beschreibt er in einem der ersten Briefe an Freud, am 14.10.1905, wie man in der Klinik versuchte, mit dem psychoanalytischen Ansatz zu arbeiten. Er teilt ihm mit, wie er einen eigenen Traum seinen Assistenzärzten und seiner Frau, die an der Sitzung teilnahm, vorgetragen habe und wie anschliessend versucht worden sei, seinen Traum zu deuten. Während der Traumanalyse musste Bleuler aus dem Zimmer gehen und seine Frau übernahm die Leitung der Traumdeutung. Bei seiner Rückkehr habe er dann aber feststellen müssen, dass in der Deutung die Komplexe seiner Frau und nicht etwa seine eigenen zum Ausdruck gekommen seien. Andere Beispiele schildert Bleuler in seiner 1910 veröffentlichten Arbeit «Die Psychoanalyse Freuds»: «Die Ärzte des Burghölzlis haben einander nicht nur die Träume ausgelegt, sie haben jahrelang auf jedes Komplexzeichen aufgepasst, das gegeben wurde: Versprechen, Verschreiben, ein Wort über die Linie schreiben, symbolische Handlungen, unbewusste Melodien summen, Vergessen usw. Auf diese Weise haben wir einander kennengelernt…»

Bleuler und Freud gingen in ihrer therapeutischen Arbeit von ihren praktischen Erfahrungen aus. Allerdings war ihr Erfahrungshorizont jeweils ganz unterschiedlich.

Bleuler sah vor allem psychotische Patienten, wie Menschen mit Wahnvorstellungen und Halluzinationen, die stationär behandelt werden mussten. Freud kümmerte sich im Unterschied dazu vor allem um neurotische Patienten, also Menschen mit Ängsten, Zwängen oder Hysterien, und zwar ambulant.

Ein Grund für Bleulers Interesse an der Psychoanalyse lag sicher darin, dass die therapeutischen Möglichkeiten in der Psychiatrie damals sehr begrenzt waren. Um die Kranken besser verstehen zu können, prüfte er deshalb, inwiefern sich die Vorstellungen Freuds auf die psychotischen Patienten übertragen liessen. Zustimmung zu und Abgrenzung von Freud bezeugt bereits seine Arbeit von 1906 «Die Freudschen Mechanismen in der Symptomatologie von Psychosen». Bleuler unterscheidet bei den Psychosen die organische Genese der Erkrankung von den Krankheitserscheinungen, den Symptomen. Letztere könnten seiner Ansicht nach mit Hilfe der Freudschen Mechanismen verständlich gemacht werden. Die Leistung Bleulers bestand nun…