Es werde Geld!

Kaum jemand weiss mehr, was Geld ist – sind deshalb die Rufe nach seiner «Abschaffung» oder dem «Systemwechsel» so populär? Eine Erinnerung aus aktuellem Anlass.

«Die Phönizier haben das Geld erfunden. Aber warum so wenig?», soll der österreichische Dichter Johann Nestroy gewitzelt haben. Es scheint, dass viele Notenbanken den Scherz wörtlich interpretieren, denn sie arbeiten kräftig daran, den Fehler der Phönizier zu korrigieren: Sie erschaffen Geld, und zwar jede Menge davon. Trotzdem scheint es ihnen nicht zu gelingen, ökonomische Knappheit zu beseitigen. Nestroy – oder wer auch immer den Phönizier-Witz in die Welt gesetzt hat – wäre wohl nicht überrascht, denn könnte ökonomische Knappheit durch Manipulation der Geldmenge beliebig vermindert werden, erzeugte das Bonmot keinen Lacheffekt.

Der Scherz bringt nachdenkliche Menschen auch zum Schmunzeln über ihre eigene Neigung, vom Geld nie genug zu haben. Dieses moralische Problem soll aber hier nicht verhandelt werden. Auch geht es in der Folge nicht um die Frage, wie man mit Geld am besten umgeht und welche regulatorischen Bedingungen nötig sind, damit es sich vermehrt. Vielmehr nehme ich den Spruch zum Anlass, grundlegend darüber nachzudenken was Geld eigentlich ist. Von dieser Frage hängen nämlich alle weiteren Überlegungen ab. Der Zeitgeist bezeichnet das Geld gerne als mächtige soziale Schöpfung des Menschen, die durch Konvention und kollektive Intentionalität in die Welt gesetzt wird. Genau das ist mit der Bezeichnung «Fiat-Geld» gemeint: So wie der biblische Gott mit dem Ausspruch «Es werde Licht!» (lat. fiat lux) durch ein Wunder das Licht aus dem Nichts in die Welt gebracht hat, so erschaffen die Banken das Geld. Durch eine weitere Konvention wurde die Kompetenz zu diesem Schöpfungsakt den staatlichen Notenbanken zugesprochen.

Diesen Gedanken weiterspinnend sagen wir auch, dass der Schöpfungsakt des Geldes ein geistiger ist; es wird keine Ware aus dem Nichts herbeigezaubert. Vielmehr wird einer beinahe wertlosen Ware, dem Papier oder einer Kupfernickelmünze (etwa Ein-, Zwei- oder Fünffränkler), ein Zahlenwert aufgedruckt oder eingestanzt. Dieser ist zunächst willkürlich vermehrbar, was die Geldproduktion zu einem Machtinstrument macht. Schon der mittelalterliche Philosoph Nicolas Oresme wetterte in seinem Traktat «De mutatione monetarum» (1355) darüber, dass die Obrigkeiten immer höhere Zahlen auf Metallmünzen mit immer weniger Wert aufdruckten – und sich damit auf Kosten der Allgemeinheit bereicherten. Die zunehmende Entmaterialisierung der Kommunikationsmittel begünstigt seither diese Entwicklung, heute genügen ein paar Bytes auf einem elektronischen Datenträger. Die Produktionskosten von Fiat-Geld tendieren gegen null, die Möglichkeiten, die Zahlen auf den Gelddatenträgern zu vergrössern, gegen unendlich.

Geld ist in der Tat die wichtigste Rechtsfiktion, die für die fulminante Entwicklung des modernen Kapitalismus verantwortlich ist. Des weiteren ist der kritische Rückgriff auf natürliche Metaphern, zum Beispiel von Bäumen, die bekanntlich nicht unendlich in den Himmel wachsen, wohl fehl am Platz. Was da wächst, ist kein Organismus, sondern ein Geistesprodukt, und der menschlichen Phantasie wie der Reihe natürlicher Zahlen sind bekanntlich keine Grenzen gesetzt. Aber der Reihe nach. Woher kommt es also, dieses Geld?

Das Fiat-Geld verdankt die Menschheit nicht den Phöniziern, sondern wohl den Chinesen, die im 11. Jahrhundert die Möglichkeit der rein symbolischen Schöpfung von Geld per Dekret entdeckt haben. Die Fiat-Geldschöpfung blieb aber lange Zeit einem gewissen Sinn für die Wirklichkeit verpflichtet, denn sie wurde – etwa durch das Vorhandensein der Realie Gold (Goldstandard) – künstlich begrenzt. Dies als Basis des Vertrauens darauf, dass die Institution, die das Geld «erschafft», auch dessen Wert garantieren kann. Die Wahl der zu hinterlegenden Ware ist dabei nicht zwingend, hat immer Umverteilungseffekte und setzt der Wertschöpfung womöglich auch unangemessene Grenzen. Die Rückbindung der Geldwirtschaft an solche Realien hat die Menschheit deshalb inzwischen weitgehend hinter sich gelassen. Mit der Loslösung vom Goldstandard hat die vermeintliche Gottwerdung der Staats-, National- oder Zentralbanken auf den ersten Blick aber auch ihren Höhepunkt erreicht: Die Institutionen erschaffen Geld grenzenlos aus dem Nichts. Gemäss der Doktrin des Chartalismus ist staatliches…