Es ist kompliziert

Je freier die Welt wird, desto komplexer wird sie. Leben wir also in Zeiten der unendlichen Möglichkeiten – oder ist doch alles anders? Ein renommierter Soziologe antwortet.

Es ist kompliziert
Peter-Ulrich Merz-Benz, photographiert von Michael Wiederstein.

Herr Merz-Benz, angesichts steigender Unzufriedenheit mit dem politischen Status quo im sogenannten «Westen»: Stehen wir vor Zeiten sozialer Unrast?
Ich würde von Unrast schlechthin, einer Unrast in der gesamten Lebensführung sprechen. Diese ist zuerst Ausdruck einer Wandlung der Kommunikation: Was einmal rationaler Diskurs hiess, im besten Fall Tatsache war oder zumindest angestrebt wurde, wird abgelöst von einer eigentlichen Unkultur des miteinander Umgehens. Wir beobachten bei vielen Menschen den Verlust moralischer Normen selbst im Kleinen: Respekt, Einfühlungsvermögen, Takt, Kompromissbereitschaft… eigentlich all das, was gegenüber einem Handlungspartner ganz selbstverständlich angezeigt wäre, ist im Rückzug begriffen. Das gilt im Politischen, im Zwischenmenschlichen – und vor allem in den sozialen Medien. Mich verwundert das nicht.

Warum nicht?
In Politik und Medien führen wir derzeit einen Diskurs, der durchsetzt ist von moralischen Urteilen oder besser: Aburteilungen. Es ist, als ob der Verlust moralischer Normen im gegenseitigen Umgang und die Moralisiererei im grossen Stil eine unheilvolle Verbindung eingegangen wären. Das betrifft nicht nur populistisches Denken, sondern auch und gerade die Haltung derjenigen, die definieren, was «populistisch» ist. Natürlich: menschliches Handeln ist, ob wir wollen oder nicht, geleitet von moralischen Urteilen. Aber die politische Auseinandersetzung mit dem Populismus droht zu einer blossen Stilisierung der eigenen guten Gesinnung zu werden. Das hat Folgen, die zuerst in der Anonymität – oder besser: der vermeintlichen Anonymität – der sozialen Netzwerke zu beobachten sind und die nachdenklich stimmen müssen. Was dort abläuft, kann nur als Enthemmung bezeichnet werden. Im übrigen sind die enthemmte gute Gesinnung und ihr populistisches Gegenstück durchaus aneinander zu messen.

Einverstanden. Aber: wie genau läuft dieser Vorgang ab?
Viel zu viele zeitgenössische politische Debatten sind nicht auf Sachpolitik konzentriert, sondern darauf, klare Grenzen zwischen den Anständigen und den Unanständigen zu ziehen. Es ist ja schön und gut zu glauben, die richtige Gesinnung zu haben, aber mehr eben auch nicht. Für einen rationalen Diskurs, wie er zwingend notwendig ist für Politik, die ihren Namen verdient, ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass eine Gesellschaft, in der die Gesprächspartner einander nicht mehr zuhören und verstehen wollen, weil alle völlig davon überzeugt sind, auf der moralischen Siegerseite zu stehen, keine gemeinsame Basis haben kann.

Ich kontere: die Zeiten, in denen eine Gesellschaft eine wie auch immer geartete, von allen geteilte, «gemeinsame Basis» hatte, haben nie existiert. Was es aber sehr wohl gegeben hat und weiterhin gibt, sind Gemeinschaften innerhalb von Gesellschaften, die eine gemeinsame Basis haben. Und diese kommen nun immer stärker durch beschleunigten gesellschaftlichen Wandel unter Druck – oder?
Klären wir zuerst die Begriffe. Bei den Gemeinschaften handelt es sich um Sozialformen, die aus «angeerbten überlieferten Formen, der Gewohnheit und der Pflicht» bestehen, wie der Soziologe Ferdinand Tönnies sagte. Sie konstituieren sich ohne intellektuellen Rechtfertigungsdruck: Beispiele sind die Dorfgemeinschaft oder die Familie im engeren Sinne, wir können es aber auch mit Gemeinschaften rein geistiger Natur zu tun haben, Glaubensgemeinschaften etwa. In diesen Zusammenhang gehören auch die «Erinnerungsgemeinschaften», Lebensformen, gefügt aus Loyalitäts- und Verpflichtungsmustern.

Die Gesellschaft, also alles, was über die Gemeinschaften hinausgeht – etwa Staaten, Staatenbünde, die globalen Abhängigkeiten untereinander –, ist ungleich komplexer, unüberschaubarer.
Richtig. Aber auch sie ist nicht chaotisch, ganz im Gegenteil: Sie verfügt über eine klare, wenngleich komplexe Struktur und sie funktioniert nach gewissen Regeln und Prinzipien. Seit es die Soziologie gibt, versuchen Soziologen, diese Funktionsweisen der Gesellschaft «auf den Begriff zu bringen». Und dies geschieht tatsächlich häufig in Abgrenzung – oder an den Rändern – zur Gemeinschaft. Bloss: gemeinschaftliche und gesellschaftliche Lebensformen durchdringen sich und wirken völlig unterschiedlich aufeinander ein.

Sie bedrohen einander also nicht wie im alten liberalen Ideenstreit angenommen? Wilhelm Röpke etwa war der Ansicht, die Bürokratien moderner…