Es ist kompliziert

Je freier die Welt wird, desto komplexer wird sie. Leben wir also in Zeiten der unendlichen Möglichkeiten – oder ist doch alles anders? Ein renommierter Soziologe antwortet.

Es ist kompliziert
Peter-Ulrich Merz-Benz, photographiert von Michael Wiederstein.

Herr Merz-Benz, angesichts steigender Unzufriedenheit mit dem politischen Status quo im sogenannten «Westen»: Stehen wir vor Zeiten sozialer Unrast?
Ich würde von Unrast schlechthin, einer Unrast in der gesamten Lebensführung sprechen. Diese ist zuerst Ausdruck einer Wandlung der Kommunikation: Was einmal rationaler Diskurs hiess, im besten Fall Tatsache war oder zumindest angestrebt wurde, wird abgelöst von einer eigentlichen Unkultur des miteinander Umgehens. Wir beobachten bei vielen Menschen den Verlust moralischer Normen selbst im Kleinen: Respekt, Einfühlungsvermögen, Takt, Kompromissbereitschaft… eigentlich all das, was gegenüber einem Handlungspartner ganz selbstverständlich angezeigt wäre, ist im Rückzug begriffen. Das gilt im Politischen, im Zwischenmenschlichen – und vor allem in den sozialen Medien. Mich verwundert das nicht.

Warum nicht?
In Politik und Medien führen wir derzeit einen Diskurs, der durchsetzt ist von moralischen Urteilen oder besser: Aburteilungen. Es ist, als ob der Verlust moralischer Normen im gegenseitigen Umgang und die Moralisiererei im grossen Stil eine unheilvolle Verbindung eingegangen wären. Das betrifft nicht nur populistisches Denken, sondern auch und gerade die Haltung derjenigen, die definieren, was «populistisch» ist. Natürlich: menschliches Handeln ist, ob wir wollen oder nicht, geleitet von moralischen Urteilen. Aber die politische Auseinandersetzung mit dem Populismus droht zu einer blossen Stilisierung der eigenen guten Gesinnung zu werden. Das hat Folgen, die zuerst in der Anonymität – oder besser: der vermeintlichen Anonymität – der sozialen Netzwerke zu beobachten sind und die nachdenklich stimmen müssen. Was dort abläuft, kann nur als Enthemmung bezeichnet werden. Im übrigen sind die enthemmte gute Gesinnung und ihr populistisches Gegenstück durchaus aneinander zu messen.

Einverstanden. Aber: wie genau läuft dieser Vorgang ab?
Viel zu viele zeitgenössische politische Debatten sind nicht auf Sachpolitik konzentriert, sondern darauf, klare Grenzen zwischen den Anständigen und den Unanständigen zu ziehen. Es ist ja schön und gut zu glauben, die richtige Gesinnung zu haben, aber mehr eben auch nicht. Für einen rationalen Diskurs, wie er zwingend notwendig ist für Politik, die ihren Namen verdient, ist es wichtig, darauf hinzuweisen, dass eine Gesellschaft, in der die Gesprächspartner einander nicht mehr zuhören und verstehen wollen, weil alle völlig davon überzeugt sind, auf der moralischen Siegerseite zu stehen, keine gemeinsame Basis haben kann.

Ich kontere: die Zeiten, in denen eine Gesellschaft eine wie auch immer geartete, von allen geteilte, «gemeinsame Basis» hatte, haben nie existiert. Was es aber sehr wohl gegeben hat und weiterhin gibt, sind Gemeinschaften innerhalb von Gesellschaften, die eine gemeinsame Basis haben. Und diese kommen nun immer stärker durch beschleunigten gesellschaftlichen Wandel unter Druck – oder?
Klären wir zuerst die Begriffe. Bei den Gemeinschaften handelt es sich um Sozialformen, die aus «angeerbten überlieferten Formen, der Gewohnheit und der Pflicht» bestehen, wie der Soziologe Ferdinand Tönnies sagte. Sie konstituieren sich ohne intellektuellen Rechtfertigungsdruck: Beispiele sind die Dorfgemeinschaft oder die Familie im engeren Sinne, wir können es aber auch mit Gemeinschaften rein geistiger Natur zu tun haben, Glaubensgemeinschaften etwa. In diesen Zusammenhang gehören auch die «Erinnerungsgemeinschaften», Lebensformen, gefügt aus Loyalitäts- und Verpflichtungsmustern.

Die Gesellschaft, also alles, was über die Gemeinschaften hinausgeht – etwa Staaten, Staatenbünde, die globalen Abhängigkeiten untereinander –, ist ungleich komplexer, unüberschaubarer.
Richtig. Aber auch sie ist nicht chaotisch, ganz im Gegenteil: Sie verfügt über eine klare, wenngleich komplexe Struktur und sie funktioniert nach gewissen Regeln und Prinzipien. Seit es die Soziologie gibt, versuchen Soziologen, diese Funktionsweisen der Gesellschaft «auf den Begriff zu bringen». Und dies geschieht tatsächlich häufig in Abgrenzung – oder an den Rändern – zur Gemeinschaft. Bloss: gemeinschaftliche und gesellschaftliche Lebensformen durchdringen sich und wirken völlig unterschiedlich aufeinander ein.

Sie bedrohen einander also nicht wie im alten liberalen Ideenstreit angenommen? Wilhelm Röpke etwa war der Ansicht, die Bürokratien moderner Gesellschaften zersetzten das Gemeinschaftliche, während Friedrich August von Hayek vor allem die individuellen Entwicklungspotenziale in modernen Gesellschaften im Fokus hatte, die von Gemeinschaften nicht selten behindert werden.
Es gibt zwar in der Soziologie auch eine Fassung des «Gegensatzes» von Gemeinschaft und Gesellschaft, etwa wenn behauptet wurde, dass Gemeinschaften, traditionelle Formen des Zusammenlebens beispielsweise, von den gesellschaftlichen und rational-intellektualistischen Lebensformen «zersetzt» würden. Heute ist allerdings klar, dass das so nicht stimmt: Jedes Individuum gehört beiden Sphären an, ohne dass eine Art Dualismus der Person festzustellen wäre. Gemeinschaftliche Lebensformen reichen – zumindest in den meisten Industriegesellschaften – ganz unmittelbar hinein ins gesellschaftliche Alltagshandeln. Die Entwicklung verläuft aber auch in die andere Richtung, wenn das Gesellschaftliche die Gemeinschaft verändert, was ebenso häufig vorkommt. Ob das Menschen als Problem erscheint, hat zuerst mit individuellen Wertvorstellungen, der politischen Haltung und der eigenen Biographie zu tun.

Machen wir es hier ganz konkret: wir alle wachsen in der Regel dort auf, wo wir «zu Hause» sind, eine eigene soziale Welt und ihre Funktionsweise von Beginn an kennenlernen – in einer Gemeinschaft. Da ist alles überschaubar, klar, bestenfalls behütet – aber mit zunehmendem Alter stellt jeder Mensch fest, dass da auch noch eine andere Welt existiert, die nach anderen Regeln funktioniert: die Gesellschaft.
Und genau da wird es kompliziert! Denn die Gesellschaft ist eine eigene soziale Welt, die nur vom Individuum her überhaupt gedacht werden kann. Zusammenleben in der Gesellschaft bedingt das fortwährende Nutzen von Entscheidungsspielräumen, und was uns dabei leitet, welche Ziele wir zu realisieren suchen, ist in den bestehenden Strukturen nicht oder nur zu einem geringen Teil vorgegeben. In der Gemeinschaft dagegen herrscht eine besondere Art von «Solidarität», wie Emile Durkheim das nennt. Die die Gemeinschaft konstituierenden «Formen, die Gewohnheiten, die Pflichten», reichen in der Regel tief ins Zusammenleben hinein, manchmal bis ins Kleine und Kleinste. Das ist in der Gesellschaft ganz anders.

Was vielen heute Angst einflösst, hat für die meisten Heranwachsenden noch einen enormen Reiz: Ausbruch aus manch unhinterfragter Abhängigkeit, kurz: Freiheit.
Durchaus! Gemeinschaftliche Lebensformen sind ja meist auch Verkörperungen von Machtverhältnissen. Dies trifft auch und gerade auf die Familie zu. In solchen Machtverhältnissen zu leben, sie zu akzeptieren, ist für uns selbstverständlich, es sei denn, sie würden explizit mit Gewalt durchgesetzt. Der Bestand von gemeinschaftlichen Lebensformen beruht auf einer Art stillschweigendem Einverständnis, gleich einem Vertrag, der allerdings nirgends aufgeschrieben ist, sondern durch die gemeinschaftlichen Lebensformen selbst verkörpert wird. Aber dieser Vertrag gilt – er ist so unwiderruflich wie die Existenz der jeweiligen gemeinschaftlichen Lebensform. Und die durch Gemeinschaften vermittelte Orientierungssicherheit wirkt halt oft auch beengend.

Wenn nun Individuen aus Gemeinschaften – Familie, Dorf, Glaubensgemeinschaft – heraustreten, verlieren letztere oft ihre bisherige Selbstverständlichkeit. Mit welchen Folgen?
Aus den traditionellen, gemeinschaftlichen Sozialformen herauszutreten, ist ein irreversibler Schritt. Wer die Nestwärme der Familie, die sichere Umgebung der lokalen Gemeinschaft oder auch den Kreis der Glaubensbrüder verlässt, für den ändert sich alles, weil dieses soziale System fortan nur noch eines von vielen ist – und es damit nicht selten auch seine «Unschuld» verliert. Das kann in der Pubertät der Fall sein, jede Mutter und jeder Vater kennt das. Es ist aber vielleicht auch der Fall, wenn jemand die Konfession wechselt, das politische Lager oder das Land. Und vor allem werden gemeinschaftliche Lebensformen dann explizit zu einem Gegenstand unseres Handelns, was sie vorher nicht waren. Das bedeutet aber keineswegs ein Herausfallen aus der Sozialität, denn unser Handeln ist meist weiterhin begründet in gemeinsamen Normen und Werten – und unser menschliches Zusammenhandeln bleibt immer auch wesentlich bestimmt durch den Gedanken, gemeinsam unsere materielle Reproduktion sicherstellen zu müssen. Dass das aufgrund stärkerer Vernetzung, enormer sozialer Umwälzungen und sich verschiebender globaler Prioritäten komplexer wird, steht aber ausser Frage.

Es macht vielen Zeitgenossen, die verstehen wollen, was um sie herum geschieht, also verständlicherweise ein Stück weit Mühe, mit dieser immer weiter steigenden Komplexität umzugehen …
Allerdings! Nur gilt es folgendes zu beachten: Schon Tönnies, der Zeuge der Entstehung der Industriegesellschaft war und diese untersuchte, hatte festgestellt: Die traditionellen Sozial- und Lebensformen, wie sie seit dem Mittelalter bestanden – Dorf, Familie, Glaubensgemeinschaft etc. –, haben sich zwar verändert, sind aber auch mit dem rasantesten technischen und politischen Wandel nicht verschwunden. Für ihn war es vielmehr so, als seien die traditionellen Sozial- und Lebensformen gleich einer Schrift von der Industriegesellschaft «überschrieben» worden, um doch darunter weiter lesbar zu bleiben. Ihm war klar: wollte er eine Theorie der Industriegesellschaft ausarbeiten, musste er gleichzeitig auch eine Theorie der Gemeinschaft entwickeln. Aus all dem geht hervor: das Problem erhöhter Komplexität stellt sich nicht erst heute. Eines ist heute aber anders.

Was?
Ich habe das Gefühl, dass wir aktuell eine Entwicklung erleben, die die klassischen Gesellschaftstheoretiker noch nicht absehen konnten: Wir stellen gegenwärtig fest, dass die rationale Beherrschbarkeit der sozialen Verhältnisse, die ja doch zumindest als Möglichkeit in den Gesellschaftstheorien vorgedacht ist, sich mehr und mehr als Illusion entpuppt. Die Leute haben deshalb nicht ganz zu Unrecht das Gefühl, einer Art Diffusität des Geschehens ausgesetzt zu sein, das sich rational nicht mehr durchschauen, also nicht mehr planen oder auch nur einigermassen abschätzen lässt, sondern nur noch erahnt werden kann. Und mit dem Rückhalt in der Gemeinschaft ist es längst nicht mehr getan.

Ein Beispiel?
Diese ganze Wirrnis, wenn es etwa darum geht, herauszufinden, was eigentlich «Globalisierung» heisst! Immer mehr Menschen stellen fest, dass das ein Strom des Geschehens ist, der ihrem Vorstellungsvermögen – und damit auch der Kontrolle! – schlicht entzogen ist. Das hat nichts mit mangelnder Intelligenz oder einem ungenügenden Grad an Bildung zu tun, sondern damit, dass kein einzelner all diese ineinander verschachtelten Systeme und ihre sich ständig verändernden Beziehungen untereinander auch nur teilweise für sich durchschaubar machen kann, geschweige denn all die Folgen der Expansion transnationaler Märkte. Es geht nicht mehr nur um die Komplexität als solche, sondern um den Glauben, sie beherrschen zu können. Dieser wird aktuell tief erschüttert, was sich dann wiederum in der Kommunikation niederschlägt.

Sie meinen, dass Begriffe wie «Markt» und «Globalisierung» deshalb zunehmend negativ besetzt sind, weil man sich diesen Prozessen schlicht ausgeliefert fühlt. Das mag wiederum manchen dazu verleiten, der Illusion umfassender politischer Kontrolle nicht nur nachzutrauern, sondern auch jene zu wählen, die vorgeben, sie «wiederherstellen» zu können.
Durchaus – wobei zu beachten ist: das Entscheidende liegt oftmals im Kleinen. Interessant ist, dass viele Bürger ständig Entscheidungen treffen, die ihren Wünschen eigentlich diametral entgegenlaufen. Ein anschauliches Beispiel dafür ist die Agglomeration: Sie ist ein Bereich der sozialen Wirklichkeit, wie er widersprüchlicher nicht sein könnte! Auf der einen Seite ist die Agglomeration nur ein Kreuzungspunkt von Verkehrswegen, wo die Rationalität des Zusammenkommens und Funktionierens der modernen Welt sich unvermittelt Bahn bricht. Auf der anderen Seite ist gerade in der Agglomeration immer wieder zu beobachten, dass hier ganz bewusst traditionelle Lebensformen gepflegt werden. Die Leute wollen ein Häuschen im Grünen haben, aber nicht zu weit pendeln, sie legen sich dann auch nach Möglichkeit eines zu, bauen, gärtnern, fahren – und wenn die nächste Abstimmung ansteht, beschweren sich dieselben Leute über den von ihnen mitverursachten «Dichtestress», die «Zubetonierung des Mittellands» etc., suchen aber die Schuld dafür selten bei sich. Unsere soziale Vernetzung ist oftmals hochgradig widersprüchlich, was sich wiederum in unserer Lebensführung niederschlägt, und dennoch müssen wir festhalten: jeder sehnt sich – irgendwie – nach klaren und überschaubaren Verhältnissen. Und viele Bürger, egal ob in der Stadt oder auf dem Land, sehnen sich mit Wehmut zurück in die Welt, wie sie vermeintlich einmal war: einfach, redundant, absehbar, ein bisschen langweilig, aber sicher und verlässlich. Zurechtfinden schafft Sicherheit.

In einem solch widersprüchlichen Klima entwickeln sich dann Strömungen, die aktuell als «populistisch» reüssieren. Ihre politischen Galionsfiguren versprechen – ob sie sozialdemokratisch oder konservativ, sozialistisch oder nationalistisch sind – die Rückkehr ins Geregelte, ins Überschaubare, ins Gewohnte. Wenn man Ihnen so zuhört, so muss man sagen: wohl nicht ganz zu Unrecht, wenn es nach unseren Befindlichkeiten geht.
Populismus beruht eben genau nicht auf Einsicht – das ist nicht wertend gemeint –, es ist eher eine Art des Denkens und Handelns, die uns überkommt wie eine Stimmung und uns mitreisst. Dazu gehört, intuitiv zu wissen, was das Richtige ist. Daher ist der Populismus gegen Argumente auch weitgehend immun. Worauf es aber in erster Linie ankommt: der damit entstehende intime Raum ist so etwas wie der letzte verbliebene Ort, an dem für viele Individuen noch so etwas wie Sicherheit auffindbar ist. Mit den sozialen Medien vernetzen sich diese Individuen heute auch einfacher, so dass eine Art soziale Stimmung resultiert: «Ich bin nicht allein, auch andere fühlen sich unsicher.» Paradoxerweise sorgt das bereits für eine Art neue Sicherheit in ständiger Unsicherheit.

Vernünftig ist das aber nicht.
Diese Entwicklung ist rational betrachtet trügerisch und kann sehr gefährliche Folgen für Demokratien haben. Denn egal wie sehr man die Undurchsichtigkeit und den ständigen Wandel der Gesellschaft hassen mag, sie sind und bleiben eine Realität, mit der man leben muss.

Diese vermeintliche «Sicherheit in Unsicherheit» entsteht innerhalb einer diskursiven Blase: in der aktuell vielzitierten «Filter Bubble». Man tauscht sich vornehmlich mit Gleichgesinnten aus, statt einander mit widerstreitenden Argumenten und Haltungen zu konfrontieren. Das beste Anzeichen, sich in einer Filter Bubble, einer neuen Spielart von Gemeinschaft, zu befinden, ist doch, dass sich alle einig sind, wer die Schuld an welcher Misere auch immer trägt: andere. Die Wirtschaft, die Politik, die Eliten …
Wirtschaft und Politik waren immer schon schuld, wenn einem nichts anderes einfiel (lacht). Aber: der Ausdruck Elite – ich glaube nicht, dass der an und für sich so negativ besetzt ist. Er wird es allerdings spätestens dann, wenn, wie aktuell, der Eindruck aufkommt oder erweckt wird, es gäbe so etwas wie eine Elitenwillkür.

Konkreter?
Fassen wir zusammen: die Gemeinschaften bieten keinen Halt mehr, die diffuse «Globalisierung» lässt sich kaum intellektuell durchschaubar machen, was also bleibt? In der Schweiz: die direkte Demokratie. Sie wird als rationales Mittel zur Gestaltung politischer Entscheidungsprozesse betrachtet und ist das meistens auch. Wenn sich aber die Meinung durchsetzt, dass sie als letzte Bastion der Verlässlichkeit nun auch nicht mehr funktioniert – etwa im Hinblick auf die Umsetzung «unliebsamer» demokratischer Entscheide –, ist es um das Vertrauen ins Ganze bei vielen Bürgern geschehen. Damit geht schlicht die letzte Aussicht auf Sicherheit und Planbarkeit der politischen Prozesse verloren. Und auf die eigene gute Gesinnung zu vertrauen hilft auch nicht weiter.

Sie haben eben die wichtige Funktion der Soziologie in dieser aufgeheizten Stimmung schon auf den Punkt gebracht: die Aufgabe des Soziologen – und mithin ein Antidot für die Überforderung mit den grossen, weltweiten Umbrüchen – ist es, die Komplexität des modernen Zusammenlebens durchschaubarer zu machen. Bisher scheint das der Disziplin im Hinblick auf die mediale Öffentlichkeit nicht zu gelingen. Warum?
Der Soziologe beschreibt, er gibt in der Regel keine Handlungsanweisungen. Und unser Zusammenleben besteht ja bereits, bevor der Soziologe tätig wird, in einer Vielzahl von Formen, mittels derer die Menschen sich die Verhältnisse durchschaubar gemacht haben. Wir leben in aufgeklärten, sehr individualisierten Zeiten, in denen jeder bereits einen vergleichsweise guten Eindruck davon hat oder zumindest haben kann, in welchen Abhängigkeiten er oder sie sich befindet. Jedes einzelne Individuum ist auf höchst verschiedene Weise in soziale Kreise einbezogen – ein Begriff von Georg Simmel –, das war in der Menschheitsgeschichte lange anders. Diese modernen sozialen Kreise kann man bestimmen und ihre Verhältnisse untereinander durchleuchten, wie es etwa Niklas Luhmann auch jenseits der alten Trennung «Gemeinschaft» und «Gesellschaft» und jenseits der klassischen Gesellschaftstheorie getan hat. Wenn dann nachvollziehbarer wird, warum Menschen wie handeln, entscheiden und inwiefern sie damit auf der ganzen Welt den Lauf der Dinge dann doch bestimmen, ist schon viel erreicht. Allerdings sollte es die Soziologie nicht bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit bewenden lassen, sondern ihre Sichtweise auch in öffentlichen Diskussionen vertreten.

Niklas Luhmanns Systemtheorie erfreut sich gerade unter Liberalen einer Art Renaissance, weil seine Beschreibung von Gesellschaft in keine politische Schublade passt und soziale Verbindungen und Abhängigkeiten luzide, aber trotzdem enorm anspruchsvoll umreisst. Warum diese Wiederentdeckung gerade heute?
Die soziale Wirklichkeit ist eine Realität der sozialen Systeme. Diesen Sachverhalt hat Luhmann zu Ende gedacht. Es gibt soziale Systeme, jeder ist ständig in sie eingebunden, und sie haben für uns einzig und allein die Funktion, uns so etwas wie eine sinnhafte Orientierung zu ermöglichen – allerdings auf besondere Weise. Diese Systeme schliessen sich nicht gegenseitig aus, grenzen sich aber ständig – in einer langen Kette von Kommunikationen – gegeneinander ab, und zwar indem die Kommunikation fortwährend strukturiert wird, Differenzen eingefügt werden. Dies schafft für das Individuum eine gewisse Übersicht und Sicherheit. Kommunikation ist in Luhmanns Theorie nicht das Mittel zur Konsens- oder Kompromissfindung wie in der Politik, sondern dient einzig zur Abgrenzung eines sozialen Systems von einem anderen. Hat man das verstanden, kann man auch verstehen, warum Alleingeltungsansprüche irgendeines Einzelsystems an der Realität scheitern müssen.

Wer also besser versteht, wie Gesellschaften aufgebaut sind, ihre Funktionsweisen zwar nicht alle erfassen, aber überblicken kann, darf bestenfalls gelassener auf das vermeintliche Chaos schauen, weil es sich im Detail als komplexe, aber stets funktionstüchtige Selbstorganisation herausstellt. Das bedeutet: Luhmanns Theorie ist aktueller denn je, weil sie ein Stück weit Entlastung bietet für das überforderte Individuum?
Vor allem bietet Luhmanns Theorie Entlastung für überforderte Soziologen. Denken Sie daran: die Soziologie ist eine theoretische Wissenschaft. Sie hat es mit geistigen Gebilden, mit Sinngebilden zu tun. Niemand hat die Gesellschaft je gesehen. «Nur der Gedanke vermag sie zu erkennen» – wie es bei Tönnies heisst. Nur mit Hilfe der Kategorien der soziologischen Theorie wird sie für uns denkbar und darstellbar. Über Theorien lässt sich allerdings trefflich streiten, auch über die Systemtheorie von Luhmann. Ich würde jedoch meinen, dass diese – wie immer die Konjunktur in Sachen Luhmann ist – uns noch einige Zeit dienlich sein wird, gerade weil sie einige liebgewordene Denkgewohnheiten der klassischen soziologischen Theorie hinter sich lässt und auch Paradoxien in Kauf nimmt. Der Durchschaubarmachung unserer fraglos immer komplexer werdenden Gesellschaft ist dies äusserst zuträglich. Auch die Systemtheorie bedarf indes der Reflexion. Mit der Systemtheorie als einem Denkgebäude, das bloss in sich kreist, ist niemandem gedient. Auch bei ihr muss deutlich werden, wie bei jeder soziologischen Theorie, dass und in welcher Weise aus ihr das Menschliche spricht. Dazu gibt es keine Alternative, auch wenn dieses Ansinnen im Falle der Systemtheorie etwas weit hergeholt erscheint.

Würden Sie auch den zeitgenössischen Ökonomen, die sich immer stärker auf Daten und die effizientere «Lenkung» der Individuen fokussieren, raten, das praktisch-menschliche Handeln wieder ins Zentrum der Forschung zu stellen?
Sie können Daten aufhäufen, so viel Sie wollen, und sich der komplexesten Methoden bedienen: Die Hoffnung, dass plötzlich aus dem Haufen von Daten «die Gesellschaft» wie von selber zu ihnen spricht, wird sich nicht erfüllen. Da müssen Sie es, wie bereits festgestellt, mit Theorie versuchen. Diese Einsicht ist auch für die Ökonomie weiterhin aktuell: Sicher, früher waren Ökonomie und Sozialwissenschaften dahingehend noch viel näher beieinander. Aber wenn ich den liberalen Ökonomen einen Rat geben wollte, so wäre es der, wegzukommen von der Vorstellung des Individuums als eines auch nur ansatzweise isolierten Wesens. Das Individuum ist eine Tatsache, und als Tatsache ist das Individuum immer auch eine Tatsache der Gesellschaft. Es gibt hier kein «Entweder-oder». Selbst der viel beschworene Homo oeconomicus, der, soviel ich weiss, rationalistisch-individualistisch-utilitaristisch denkt und entscheidet, ja selbst er tut das – ja innerhalb von Sozialverhältnissen. Er tut alles aufgrund von Wertmassstäben, die ihm durch diese Verhältnisse vermittelt wurden und werden. Er ist als Individuum in diese Verhältnisse einbezogen, selbst seine «Rationalität» ist deshalb immer eine Rationalität unter bestimmten Bedingungen. Wenn sich diese Einsicht auch in der liberalen Ökonomie – sie wäre aufgrund ihrer Wurzeln eigentlich prädestiniert dazu! – wieder durchsetzte, wäre viel gewonnen.


 

Serie: Forschen und Denken
Wir leben in einer aufgeregten Zeit. Über alle politischen Lager hinweg ist es en vogue, eigene Befindlichkeiten über die aufrichtige Debatte zu stellen. Auf dem Spiel stehen dabei liberale Grundwerte, die den Wettbewerb der Ideen erst ermöglichen: Neugier, Respekt vor wissenschaftlicher Erkenntnis und intellektuelle Grosszügigkeit. Der «Schweizer Monat» führt in loser Folge Gespräche mit Wissenschaftern, die relevante, aber auch komplexe und teilweise schwierig zu vermittelnde Einsichten zu aktuellen Fragen gewonnen haben.


Peter-Ulrich Merz-Benz
ist Soziologieprofessor an der Universität Zürich. 1996 wurde ihm der Spezialpreis des Premio Europeo Amalfi zuerkannt. Zuletzt von ihm erschienen: «Öffentliche Meinung und soziologische Theorie» (2015) und «Erkenntnis und Emanation: Ferdinand Tönnies’ Theorie soziologischer Erkenntnis» (2016). 2018 erscheint von ihm: «Humanismus und Soziologie» (alle: Springer).


Michael Wiederstein
ist Chefredaktor dieser Zeitschrift.

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