Es gibt mehr Innovation denn je, aber statt technologischer Durchbrüche bekommen wir 5000 verschiedene Frühstücksflocken
Unternehmen investieren heute mehr in Forschung und Entwicklung als früher, dennoch wächst die Produktivität langsamer. Warum? Weil sich das Wesen der Innovation grundlegend verändert hat.
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Ausgaben von Unternehmen für Forschung und Entwicklung gelten als Motor des Produktivitätswachstums, da sie den wirtschaftlichen Output stärker erhöhen als die eingesetzten Inputs. Umso ermutigender scheint es, dass Firmen in den letzten Jahrzehnten ihre Investitionen in Forschung und Entwicklung deutlich gesteigert haben. In den USA haben sich die entsprechenden Ausgaben seit 1980 mehr als verzwanzigfacht, ihr Anteil am Bruttoinlandsprodukt hat sich mehr als verdoppelt. Ähnliche Muster lassen sich auch in anderen entwickelten Volkswirtschaften beobachten. Zugleich weisen Forscher jedoch darauf hin, dass das Produktivitätswachstum trotz dieser Entwicklung stagniert oder sogar rückläufig ist.
Einige Ökonomen wie Robert Gordon argumentieren mit Blick auf die Informationstechnologie, dass heutige Forschung und Entwicklung schlicht nicht mehr in der Lage sei, nennenswerte Produktivitätsgewinne zu erzeugen. Versagt Forschung und Entwicklung also bei der Erfüllung ihres Versprechens? Bloom und seine Co-Autoren schlagen vor, die Wirksamkeit von Forschung und Entwicklung daran zu messen, wie viel wirtschaftliches Wachstum durchschnittlich pro eingesetzter Einheit entsteht. Sie stellen fest, dass dieser Durchschnitt deutlich gesunken ist, was darauf hindeutet, dass Forschung und Entwicklung weniger effektiv geworden sind, dass sich also «Ideen immer schwerer finden lassen».
Dieser Befund ist besorgniserregend. Fraglich ist jedoch, ob das durchschnittliche Verhältnis von Produktivitätswachstum zu Forschungs- und Entwicklungsausgaben ein geeignetes Mass für deren Wirksamkeit darstellt. Da neben Forschung und Entwicklung zahlreiche weitere Faktoren die Produktivität beeinflussen, ist es sinnvoller, den marginalen Effekt zu betrachten, also den Beitrag einer zusätzlichen Einheit Forschung und Entwicklung zum Produktivitätswachstum. Glücklicherweise gibt es viel empirische Forschung dazu, die Methoden entwickelt hat, um genau diesen Effekt zu schätzen.
In einer kürzlich erschienenen Studie wenden wir diese etablierten Methoden auf Mikrodaten des US Census für den amerikanischen Industriesektor an. Unsere Untersuchung erweitert die bestehende Literatur, indem sie eine umfassende Stichprobe forschungsintensiver Unternehmen einschliesst, darunter viele kleine Firmen, und einen langen Zeitraum von 1976 bis 2018 abdeckt. Wir konzentrieren uns auf die Industrie, weil sich Produktivität in diesem Sektor vergleichsweise gut messen lässt. Über verschiedene Schätzungen hinweg (einschliesslich solcher mit instrumentierter Forschung und Entwicklung zur Korrektur von Verzerrungen) zeigt sich ein klares Muster: Der zusätzliche Output pro weiterer Einheit Forschung und Entwicklung ist in den vergangenen vier Jahrzehnten deutlich gestiegen. Ein zusätzlicher Dollar an Forschungs- und Entwicklungsausgaben erzeugt heute einen wesentlich grösseren Output-Zuwachs als früher. In der Grenzbetrachtung hat die Wirksamkeit von Forschung und Entwicklung zugenommen, nicht abgenommen.
Von «Forschung» zu «Entwicklung»
Damit stehen wir aber vor einem noch grösseren Rätsel. Wenn Forschung und Entwicklung effektiver geworden sind, warum stagniert dann das Produktivitätswachstum? Ein Teil des Paradoxons ergibt sich aus einer oft übersehenen Konsequenz steigender Wirksamkeit. Werden die Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten eines Unternehmens effektiver, gilt dies auch für jene seiner Wettbewerber. Diese investieren mehr, entwickeln mehr Innovationen und erhöhen damit das Risiko, dass bestehende Technologien rasch veralten. Mithilfe eines Modells der Nachfrage nach Forschung und Entwicklung messen wir den technologischen Wettbewerb und die damit verbundene Obsoleszenzrate, also die Geschwindigkeit, mit der Innovationen überholt werden. Beide Grössen sind seit 1990 stark gestiegen.
Hinweise auf diesen zunehmenden technologischen Wettbewerb und die steigende Obsoleszenz finden sich in der veränderten Natur der Innovation selbst. Innovationen werden kurzlebiger. So haben sich die Produktlebenszyklen elektronischer Komponenten seit 1970 um zwei Drittel verkürzt. Beschleunigt wurde dieser Prozess durch eine rasche Produktvervielfältigung. Viele Märkte werden mit neuen Produkten überschwemmt, die ältere lediglich durch geringfügige Verbesserungen ersetzen. Zwischen 1970 und 2012 stieg die Zahl der Automodelle von 140 auf 694, jene der Frühstückscerealien von 160 auf 4945 und die der Sportschuhe von 5 auf 3371. Ähnliche Entwicklungen zeigen sich bei zahlreichen anderen Konsumgütern. Zugleich hat sich der Schwerpunkt der Forschungs- und Entwicklungstätigkeit von «Forschung» hin zu vergleichsweise kurzlebiger «Entwicklung» verschoben. In den 1960er-Jahren entfiel noch etwa die Hälfte der Ausgaben auf Forschung, heute ist es nur noch ein Viertel. Dies deutet auf eine Verschiebung von grundlegender Innovation zu weniger folgenreicher Umsetzung hin. In der US-Pharmaindustrie hat sich die Zahl der erteilten Patente seit 1985 vervierfacht, während die Zahl neuer Medikamente lediglich um 60 Prozent gestiegen ist.
«Innovationen werden kurzlebiger. So haben sich die Produktlebenszyklen elektronischer Komponenten seit 1970 um zwei Drittel verkürzt.»
Steigende Obsoleszenz belastet das Produktivitätswachstum. Selbst wenn jeder Dollar für Forschung und Entwicklung mehr Ideen hervorbringt als früher, veralten diese schneller. Unternehmen müssen einen grösseren Teil ihrer Ausgaben darauf verwenden, überholte Ideen zu ersetzen, sodass ihr Bestand an neuem und nützlichem Wissen langsamer wächst. In der Praxis werden die Erträge effizienterer Forschung und Entwicklung durch die höhere Geschwindigkeit, mit der Produkte veralten, weitgehend neutralisiert. Grobe Berechnungen deuten darauf hin, dass diese wachsende Obsoleszenz seit Mitte der 1990er-Jahre auf das Produktivitätswachstum drückt und erklärt, warum wir zwar mehr Innovation sehen, aber kein schnelleres Produktivitätswachstum.
Produktive Unternehmen wachsen langsamer
Die Folgen der steigenden Obsoleszenz reichen jedoch noch weiter. Sie führt zu kurzfristigerem Denken in unternehmerischen Entscheidungen. Neue Technologien bringen oft «versunkene Kosten» mit sich, etwa für Schulungen oder komplementäre Investitionen. Wenn Technologien jedoch kürzere Lebensdauern haben, bleibt weniger Zeit, um diese Kosten wieder hereinzuholen. Unternehmen verzichten daher eher auf gewisse Investitionen. Ebenso zögern Firmen mit produktiven Technologien, die notwendigen Investitionen zu tätigen, um zu expandieren. Unsere Forschung zeigt, dass die zunehmende Obsoleszenz einen erheblichen Teil der Verlangsamung des Wachstums produktiver Unternehmen erklärt.
Die Umverteilung von Ressourcen hin zu produktiveren Unternehmen gilt als zentraler Treiber des gesamtwirtschaftlichen Produktivitätswachstums. Wenn produktivere Firmen grösser werden, steigt die durchschnittliche Produktivität der Wirtschaft. Diese Reallokation hat sich in den USA in den vergangenen Jahrzehnten jedoch deutlich verlangsamt. Der Anstieg der Obsoleszenz erklärt diese Entwicklung zu einem grossen Teil. Damit bremst steigende Obsoleszenz das Produktivitätswachstum gleich doppelt: Einerseits verlangsamt sie das Wachstum einzelner Unternehmen, andererseits die Expansion der produktiveren Firmen.
Dabei darf nicht vergessen werden: Diese negativen Folgen sind ein unerwünschter Nebeneffekt gesteigerter Innovation, die den Output insgesamt erhöht. Die Politik sollte die Anreize für Innovation nicht schwächen, sondern vielmehr langlebige Innovationen gegenüber kurzfristigen bevorzugen. Sie kann langfristige Forschung gegenüber kurzfristiger Produktentwicklung fördern, das Patentrecht so anpassen, dass die heutige Flut trivialer Erfindungen eingedämmt wird, und für bestimmte Innovationen längere Schutzfristen vorsehen. Ebenso kann sie Hochschulen dazu anhalten, langfristige Grundlagenforschung zu betreiben. Forschung und Entwicklung sind nicht weniger wirksam geworden. Verändert hat sich vielmehr das Wesen der Innovation. Die Politik muss diesen Veränderungen Rechnung tragen.
«Forschung und Entwicklung sind nicht weniger wirksam geworden. Verändert hat sich vielmehr das Wesen der Innovation.»