«Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass Märkte richtig liegen»
Howard Marks, photographiert von Thomas Burla.

«Es gibt keinen Grund
anzunehmen, dass Märkte richtig liegen»

Bei einem Redaktionsbesuch in Zürich-Wipkingen erklärt Investorenlegende und Milliardär Howard Marks, warum Ideologien beim cleveren Investieren vor allem eines sind: hinderlich.

Herr Marks, Sie sind seit 50 Jahren Investor. Müssen Sie zuweilen aufpassen, nicht in gefährliche Routinen zu verfallen?

Nun, Routine ist bis zu einem gewissen Grad durchaus nützlich. Wir beobachten den Markt ja gerade deshalb, weil wir Muster zu erkennen hoffen, um nicht jeden Tag vor dem Börsengeschehen zu stehen, als wäre es der erste. Wir müssen aber auch verstehen, dass die Geschichte für die Gegenwart eben nicht zu 100 Prozent relevant ist. Mark Twain sagte einst: «Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.» Wie bei vielen Zitaten ist es zwar nicht sicher, ob Twain das wirklich gesagt hat; ein guter Merksatz ist es dennoch.

Wie «reimen» sich Ereignisse auf den Finanzmärkten?

Die Dauer, die Ausschläge, die Geschwindigkeit, die Gründe und die Auswirkungen von Marktzyklen sind jedes Mal unterschiedlich, aber die Grundmechanismen bleiben die gleichen: Wenn zu viel Geld auf zu wenige attraktive Deals trifft, steigen die Preise zu sehr; wenn Anleger ihre Vorsicht verlieren, wird der Markt gefährlich. Die grosse Finanzkrise 2008/09 war eine Immobilienkrise. Nun könnte man sagen: Verstanden, ich werde nie wieder eine Subprime-Anleihe kaufen. Aber das ist nicht die entscheidende Lehre. Die wichtige Lektion ist, die fundamentalen Fehler zu bemerken, welche die Leute begingen: Sie investierten ihr Geld zu unkritisch in Produkte, die noch nie davor getestet worden waren. Das sind die Dinge, die sich von einem Zyklus zum nächsten reimen.

Sie sprechen von Marktzyklen. Ihr Buch, das im Herbst erscheinen wird, trägt den Titel «Mastering the Market Cycle: Getting the Odds on Your Side». Was müssen Investoren über Zyklen wissen, um erfolgreich zu sein?

Unsere Möglichkeiten sind davon abhängig, wo wir im Zyklus stehen. Stehen wir tief in einem Kurvental, ist es leicht, Gewinn zu machen. Stehen wir auf der Kurve oben, wird es sehr schwierig. Wir müssen herausfinden, wo wir stehen, und dann entsprechend handeln. Unten auf der Kurve sollte man aggressiv an die Sache gehen und riskieren. Oben gilt es Risiken zu vermeiden. Aggressiv oder defensiv: das ist aus meiner Sicht die wichtigste Entscheidung beim Investieren – nicht, ob man in Aktien oder Anleihen, in kleine oder grosse Unternehmen oder ob man in den USA oder im Ausland investiert.

Wo stehen wir heute im Marktzyklus?

Eindeutig oben. Leichtes Geld gibt es nicht mehr zu verdienen. In den USA dauert der wirtschaftliche Aufschwung seit neun Jahren an, der Rekord liegt bei zehn. Die Hausse an der Börse haben wir auch schon seit acht Jahren. Und trotz vieler Unsicherheitsfaktoren weltweit sind Vermögenswerte teuer und die zu erwartenden Renditen tief, weil die Zentralbanken die Zinsen stark gesenkt haben. Und auch traditionelle Kennzahlen wie Kurs-Gewinn-Verhältnisse liegen wenn nicht bei Rekordwerten, dann doch mindestens über dem Durchschnitt.

Bei den Anlegern sollten also alle Warnleuchten an sein?

Ja und nein. Wenn die Kurse sehr schnell steigen, ist das Anlass zur Besorgnis. Aber wenn es die Märkte schaffen, trotz ungünstiger Umstände stetig zuzulegen, dann wird das als konstruktiv gesehen – weil es nicht euphorisch ist. Die US-Wirtschaft ist heute sehr gesund, es gibt keinen eindeutigen Grund, warum die Kurse nicht noch mindestens ein, zwei Jahre weitersteigen sollten, Rekorde hin oder her. Geht man also jetzt aus dem Markt und die Kurse steigen weiter, hat man sich keinen Gefallen getan. Momentan habe ich etwas Angst sowohl davor, zu investieren, als auch davor, nicht zu investieren. Das macht es zu einer herausfordernden Zeit.

Wie kann man da eine Balance finden?

Eine gute Herangehensweise ist, sich bewusst zu werden, dass es…