«Es geht nicht nur um Wissenschaft, sondern auch um Geopolitik»
Martin Vetterli, fotografiert von François Wavre / EPFL.

«Es geht nicht nur um Wissenschaft, sondern auch um Geopolitik»

Ein beachtlicher Teil der Schweizer Hochschulen gehört zur Welt­spitze, die solide finanzierte Volksschule liefert gute Resultate und die Firmen investieren weiterhin in die ­Berufslehre. Dennoch sei das Bildungssystem zerbrechlich, warnt der Präsident der EPFL.

 

Herr Vetterli, ist Bildung die wichtigste Ressource der Schweiz?

Was hat das Land an natürlichen Ressourcen? Es gibt Wasser und Wasserkraft. Es gibt schöne Aussichten für den Tourismus. Und es gibt die Köpfe der Leute, die hier leben. Deshalb ist Bildung ­absolut zentral. Drei Viertel der Unternehmen in der Schweiz sind im tertiären Sektor tätig. Die Beschäftigten im Dienstleistungssektor brauchen vor allem Bildung.

Wie haben Sie persönlich das Schweizer Bildungssystem erlebt?

Ich habe sehr gute Erfahrungen gemacht. Wir haben in der Schweiz eines der besten öffentlichen Bildungswesen der Welt. Der freie Zugang für alle ist hierzulande gewährleistet. In Europa gibt es einige weitere Länder, wo das ebenfalls so ist. Weltweit ist es aber relativ selten. Ich war lange in Übersee.

Sie lebten in den USA.

Ja, dort ist der freie Bildungszugang nicht gleich möglich. Deshalb ist dies eine Stärke der Schweiz. Die Qualität des öffentlichen Schulwesens wird hierzulande unterschätzt, weil man sie als ­gegeben wahrnimmt – wie die Luft, die wir atmen. Man würde es erst merken, wenn die Schulen in 20 Jahren nicht mehr so gut ­wären. Deshalb müssen wir die nötigen Ressourcen bereitstellen. Es braucht dafür die Überzeugung, dass Bildung ein demokratisches Recht ist.

In Ihrer eigenen Bildungskarriere, was war für Sie prägend?

Ich ging sehr gern in die Schule und war breit interessiert. Es gab eigentlich keine Fächer, die mich langweilten. Eine wichtige Phase war für mich das Gymnasium in Neuchâtel. Wir hatten Lehrer, die uns wirklich herausforderten und intellektuell stimulierten, was wir Schüler schätzten. Ein zweiter wichtiger Abschnitt war für mich das Diplomstudium in den USA: In Stanford habe ich erlebt, wie eine Forschungsuniversität funktioniert. Hier wurde ich für die Forschung begeistert. Diese Dynamik war mir vorher in der Schweiz noch nicht begegnet, inzwischen gibt es sie aber auch bei uns.

Sie haben den akademischen Weg gewählt. Wie wichtig ist die Berufslehre für den wirtschaftlichen Erfolg der Schweiz?

Sehr wichtig. Die Berufslehre ist einer der Gründe dafür, dass wir kaum Jugendarbeitslosigkeit haben. Es braucht in der Bildung unterschiedliche Angebote für unterschiedliche Ansprüche. Wichtig ist auch die Durchlässigkeit im dualen System, die relativ gut funktioniert. Auch wenn man mit einer Lehre ins Berufsleben startet, kann man später noch eine Fachhochschule oder Universität besuchen. Das verhindert, dass schon mit 18 Jahren alle beruflichen Weichen gestellt werden müssen, wie dies in anderen Ländern der Fall ist.

Und wie geht es der Berufslehre heute?

Das System der Berufslehre ist zerbrechlich. Es benötigt Firmen, die bereit sind, in die Lernenden zu investieren. Wenn Firmen sehr kurzfristig denken, dann verzichten sie auf Lehrlinge. Deshalb ist dieses Modell, das auch im Ausland oft bewundert wird, nicht einfach zu kopieren. Denn es braucht eine langfristige Per­spektive bei den Unternehmen. Diese haben die meisten Firmen in der Schweiz, und das müssen wir beibehalten.

«Die Qualität des öffentlichen Schulwesens wird

hierzulande unterschätzt, weil man sie als gegeben

wahrnimmt – wie die Luft, die wir atmen.»

Die Maturitätsquoten der Schweizer Kantone sind sehr unterschiedlich. Machen zu viele Genfer und Waadtländerinnen die Matura oder zu wenige Glarnerinnen und Schaffhauser?

Es besteht ein kultureller Unterschied. Die Deutschschweizer Kantone orientieren sich eher an Deutschland und Österreich, die die Berufsbildung ebenfalls kennen – anders als Italien und Frankreich. In Genf hat die Berufsbildung nicht dieselbe Ausstrahlung wie in der Deutschschweiz. Wichtig ist letztlich aber, dass das ­Niveau der Matura gehalten wird. Dann ist mir eigentlich egal, wie hoch die Quote ist.

Stellen Sie denn einen Qualitätsunterschied zwischen Maturanden aus unterschiedlichen Kantonen fest?

Hier ziehe ich den Joker und mache keine offiziellen Aussagen (lacht). Was man aber sagen kann: Der wichtigste Unterschied ­besteht…

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
über den «Schweizer Monat»