«Es gab bloss ein Glas Wasser»

Der «Schweizer Monat» hat Geschichte. Rechtsprofessor Dietrich Schindler half, die Zeitschrift als Schweizer Plattform für den Austausch europäischer Intellektueller nach dem Zweiten Weltkrieg zu etablieren. Eine Begegnung aus aktuellem Anlass.

Herr Schindler, Sie sind beinahe so alt wie der «Schweizer Monat». Und Sie haben über zwei Drittel Ihres Lebens in Redaktion und Vorstand der damaligen «Schweizer Monatshefte» mitgewirkt. Nun feiern wir das 90-Jahr-Jubiläum.

Ich bin positiv überrascht. Sie sind jetzt eine Aktiengesellschaft, und ich wünsche Ihnen von Herzen viel Erfolg! Vom ersten Tag an, als ich 1952 in den Vorstand eintrat, war die Finanzierung der Zeitschrift eine ständige Sorge von Redaktion und Vorstand. Aber es ging nicht ums Geld. Es war ein ziviles Engagement und ein Beitrag zu unserer demokratischen Kultur.

Die finanzielle Lage war stets prekär. Gleichzeitig standen hinter der Zeitschrift vermögende Personen. Wie geht das zusammen?
Vermögende Menschen gehen eben oft sehr vorsichtig mit ihrem Geld um. Die «Schweizer Monatshefte» waren nie eine pompöse Veranstaltung. Mitarbeit war Ehrensache.

Dass die Zeitschrift überlebte, ist vor allem den Investitionen des Publizisten und langjährigen Herausgebers Fritz Rieter zu verdanken…
Das stimmt. Die Zeitschrift profitierte von den Beförderungsmechanismen der Schweizer Armee. Fritz Rieter stammte aus einer wohlhabenden Industriellenfamilie und strebte eine Militärkarriere an. Weil Rieter aber nicht über den Grad eines Obersts hinauskam, steckte er seine ganze Energie in die «Schweizer Monatshefte ». Und so kam es, dass Rieter, der das Projekt seit 1921 mitgetragen hatte, über Jahrzehnte das Defizit der Zeitschrift aus seiner privaten Schatulle deckte.

Wie hoch war das jährliche Defizit?
Die Höhe des Differenzbetrags war immer ein gut gehütetes Geheimnis. Es gab zwar Jahresversammlungen, aber Rieter pflegte die Bekanntgabe genauer Zahlen stets elegant zu umgehen. Irgendwie ging die Rechnung immer auf. Alle waren froh, und niemand fragte nach.

1966, vier Jahre vor seinem Tod, gründete Fritz Rieter die Stiftung «Schweizer Monatshefte», die die Herausgabe der Zeitschrift bis 2020 sicherstellen sollte.
Nachdem ich auf Rieters Wunsch nach seinem Tod das Präsidium der Stiftung übernommen hatte, zeichnete sich bald ab, dass die Zinserträge aus dem Stiftungskapital von zwei Millionen Franken nicht ausreichen würden, um die Kosten zu decken. Deshalb nahm ich in den 1980er Jahren an, dass das Stiftungsvermögen spätestens in den 1990er Jahren erschöpft sein müsste. Ich lag falsch. Und freue mich darüber.

Während Ihrer Zeit bei den «Schweizer Monatsheften» erlebten Sie, wie mehrere Kriege geführt wurden, wie Menschen auf dem Mond landeten und wie die Sowjetunion zusammenbrach. Wie hat Ihr Engagement angefangen?
Im Februar 1952 schrieb Heinz Schmutz einen stupiden Artikel über die Subventionspolitik des Bundes. Ich regte mich fürchterlich auf über dessen Argumente, denn zu dieser Zeit dissertierte ich gerade über das Thema. Ich setzte mich also hin und schrieb eine Entgegnung auf Schmutz’ Artikel. Diese Entgegnung schickte ich an den damaligen Schriftleiter – jawohl, so nannte man damals den «Redaktor» – Jann von Sprecher, Sohn von Theophil von Sprecher, dem Generalstabschef der Schweizer Armee im 1. Weltkrieg. Von Sprecher leitete den Aufsatz sofort an den Oberleiter der Redaktion Fritz Rieter weiter, der daran anscheinend Gefallen fand. Der Artikel wurde sofort publiziert. Kurz darauf fragte mich Fritz Rieter, ob ich dem Vorstand der «Schweizer Monatshefte» beitreten wolle. Ich nahm das Angebot ohne zu zögern an.

Der Vorstand war aus namhaften Persönlichkeiten wie beispielsweise Alfred Schäfer und Carl Jacob Burckhardt zusammengesetzt.
Die Sitzungen des Vorstandes fanden jeweils an jenen Tagen statt, an denen Carl Jacob Burckhardt, der Diplomat und ehemalige Präsident des IKRK, ohnehin in Zürich zu tun hatte. Dies war ziemlich unregelmässig der Fall. Wenn also Burckhardt in Zürich etwas zu erledigen hatte, traf sich der Vorstand in Fritz Rieters Villa am runden Tisch im Esszimmer, das nur gegen Osten mit Fenstern versehen war. Ich sehe es noch heute vor mir – es war ein düsteres Zimmer, als wäre die Zeit seit dem 19. Jahrhundert stillgestanden. Ebenfalls immer dabei waren Alfred Schäfer, der damalige Präsident der Schweizerischen Bankgesellschaft, und der Publizist Max Rychner, der mit Autoren wie Thomas Mann, Hugo von Hofmannsthal und Rainer Maria Rilke in persönlichem Kontakt stand.

Bei einem Zusammensein einer solch illustren Runde stellt man sich ein üppiges Essen mit exklusivem Wein vor…
Mitnichten. Es gab bloss ein Glas Wasser. Der Ton war nüchtern. Es ging um die Sache.

Die Zeitschrift wurde im Milizsystem geführt. Wie gross war Ihr Zeitaufwand?
Der Aufwand war auf jeden Fall grösser, als ich dachte. Ich war damals an der Universität tätig und wurde Professor für internationales Recht und Verfassungsrecht an der Universität Zürich. Es gehörte einfach zum guten Ton, sich ausserhalb des Berufes unentgeltlich zu engagieren. Alle Vereine waren ehrenamtlich.

Zu Ihrer Zeit als Redaktor schrieben Geistesgrössen des 20. Jahrhunderts wie Helmuth Plessner, Theodor W. Adorno, Friedrich August von Hayek und Wilhelm Röpke für die «Schweizer Monatshefte ». Wie kamen Sie an diese Autoren?
Es funktionierte wie heute: Netzwerke. Fritz Rieter war sehr gut in der Pflege persönlicher Kontakte. Im Sommer gab er jeweils einen Empfang für alle Autoren im Garten seiner Villa in Zürich Enge. In den frühen 1960er Jahren, als ich Gastprofessor an der University of Michigan war, besuchte ich viele Autoren, die in den USA lebten. So kam es, dass etwa der Harvard-Politikwissenschafter Carl Joachim Friedrich für uns schrieb. Mit in Europa lebenden Autoren wie dem Staatssekretär Paul R. Jolles, dem deutschen Soziologen René König oder dem Philosophen Helmuth Plessner standen Daniel Bodmer und ich in regelmässigem Austausch.

Wie waren diese Autoren im Umgang: je renommierter, desto komplizierter?
Manchmal ging das ganz einfach. Ich schrieb einen Brief an Adorno, und er verfasste für uns einen Text über Musiksoziologie. Das Korrigieren und Redigieren von Artikeln renommierter Autoren war jedoch immer eine heikle Sache. Ich fand zum Beispiel, dass ein bekannter deutscher Autor – ich bin mir nicht mehr sicher, ich glaube, es war Christian Graf von Krockow – in furchtbarem Deutsch schrieb. Ich griff redaktionell stark in den Text ein, wobei ich fand, dass meine Korrektur der stark verschachtelten und schwer zu lesenden Sätze sehr sorgfältig war. Der Autor bekam wie immer per Post einen Korrekturabzug. Er fühlte sich anscheinend durch meine Eingriffe verletzt und lehnte sämtliche Korrekturen ab. So mussten wir den Artikel mit den unmöglichen Sätzen unverändert abdrucken.

Die «Schweizer Monatshefte» wurden immer stark durch einzelne Redaktoren geprägt. Welches war damals die publizistische Strategie?
Der Vorstand sorgte dafür, dass die «Schweizer Monatshefte» nach dem 2. Weltkrieg eine konsequent liberale Haltung vertraten. Die Zeitschrift opponierte in ihrer Anfangsphase gegen den Völkerbund und hatte mit Hans Oehler zeitweise einen Redaktor, der der Frontistenbewegung nahestand. Dieser wurde von der die Zeitschrift tragenden Genossenschaft frühzeitig kaltgestellt. Ab den 1940er Jahren verfolgte die Zeitschrift jedoch eine weltoffenere Linie, obwohl die Unabhängigkeit der Schweiz stets ein wichtiger Referenzpunkt blieb. Wir vertraten Schweizer Werte wie direkte Demokratie, Neutralität, Föderalismus und Toleranz. Der politische Einfluss der Zeitschrift hielt sich in Grenzen. Aber intellektuell wurden wir international sehr geschätzt, und dies, obwohl unsere Auflage mit weniger als 3000 Exemplaren sehr bescheiden war.

Inwiefern half es, dass die Zeitschrift die Marke Schweiz im Namen trug?
Die Schweiz wurde im Ausland sehr geschätzt. Sie überstand den Weltkrieg unbeschadet und hatte ein freiheitliches, funktionierendes System. Dies machte die Schweiz im vom Kriege zerstörten Europa zu einem positiven Beispiel, das mit seinen Institutionen und Werten einen Beitrag zum Neuaufbau von Europa leistete. Deutsche Autoren publizierten gerne in der Schweiz. Die «Schweizer Monatshefte» profitierten also vom hohen Ansehen des Landes.

Nach zehn Jahren als Redaktor übergaben Sie das Zepter an den jungen Politikwissenschafter Daniel Frei. Fiel es Ihnen schwer, die Verantwortung abzugeben?
Ich hatte Daniel Frei, der mit 31 Jahren bereits Professor wurde, selbst zu seinem Engagement bewegen können. Ich wollte einen Schritt zurück machen und wusste, dass die Zeitschrift bei Frei in guten Händen war. Er brachte frischen Wind in die Redaktion. Dazu gehörte auch, dass Redaktoren nun besoldet wurden und eine Sekretärin zur Seite gestellt bekamen. Die Zeitschrift bezog zwei kleine Büros an der Bärengasse in Zürich. Dort wirkten dann auch Freis Nachfolger François Bondy, der europaweit als Intellektueller geachtet war, und der Kulturredaktor Anton Krättli, der vor einigen Monaten verstarb.

In welchem Verhältnis standen die «Schweizer Monatshefte» mit grösseren Medienhäusern wie der Neuen Zürcher Zeitung?
Zur NZZ gab es immer eine enge Verbindung, die vor allem auf personeller Verflechtung beruhte. Das fing damit an, dass Richard Reich eine gute Beziehung zum NZZ-Chefredaktor Willy Bretscher pflegte. Reich war zeitweise Inlandredaktor und prägte die Zeitschrift über Jahrzehnte auch als Stiftungsrat. Anfang der 1990er Jahre fanden Gespräche zu einer potentiellen Übernahme der Zeitschrift durch den Verlag NZZ statt. Diese kam aber nie zustande. Umso mehr freut es mich, dass die Zeitschrift nun ihren eigenen Weg geht.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»