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Es fehlt nicht am Geld, sondern am Willen

Die Schweiz ist reich und doch haben Start-ups Mühe, an Kapital zu kommen. Um das zu ändern, braucht es einen Mentalitätswandel, Durchhaltewillen – und einen Staat, der klug unterstützt.

Es fehlt nicht am Geld, sondern am Willen
Aufnahme der sogenannten Werkschule, einer Lehrwerkstätte des Automobilunternehmens AMAG im Zürcher Escher-Wyss-Quartier im Mai 1956. Das Unternehmen wurde 1945 von Walter Haefner gegründet. Bild: AMAG.

Alphabet, Amazon, Apple, Meta, Microsoft, Nvidia und Tesla sind jeweils über 1000 Milliarden US-Dollar wert. Fünf dieser sieben Unternehmen sind jünger als 30 Jahre. Spotify, das grösste in den letzten 20 Jahren in Europa gegründete Unternehmen, hat eine Marktkapitalisierung von rund 100 Milliarden Dollar. Das erfolgreichste Schweizer Start-up der letzten 30 Jahre ist Actelion, das 2017 von Johnson & Johnson für 30 Milliarden Dollar übernommen wurde.

Was erklärt diese Diskrepanz? Was oder welche Ressourcen fehlen uns in der Schweiz, die doch reich ist und zudem auch als Innovationsweltmeister gefeiert wird?

Häufig heisst es, es gebe in der Schweiz nicht ausreichend Risikokapital oder Venture Capital (VC). Damit macht man es sich zu einfach. Dieser Beitrag versucht, die Situation etwas differenzierter zu betrachten.

1. Der Markt: 330 Millionen Einwohner in den USA vs. 500 Millionen in Europa

Die webbasierten Tech-Giganten der USA profitieren seit ihrer Gründung von Netzwerkeffekten und einem reiferen Start-up-Ökosystem mit erfahrenen und finanziell gut ausgestatteten Risikokapitalgebern. Als Facebook gegründet wurde, gab es viele ähnliche Ansätze in Europa, doch keines dieser Unternehmen konnte so skalieren, wie es der homogene amerikanische Markt ermöglichte. Insbesondere Sprachbarrieren fragmentieren den europäischen 500-Millionen-Einwohner-Markt in Dutzende Teilmärkte.

Sprachbarrieren werden inzwischen durch Übersetzungstools wie DeepL überwunden. Die Technologie wird Schritt für Schritt auch alle weiteren Barrieren aus dem Weg räumen, sodass auch Europa zu einem Markt zusammenwächst. Die Zollabfertigung beispielsweise wird in einem Jahrzehnt automatisiert sein. Was den Markt angeht, können wir also optimistisch in die Zukunft blicken, auch wenn viele Start-ups heute noch hohe Hürden überwinden müssen, etwa in stark regulierten Märkten wie dem Finanzsektor.

2. Mindset, Know-how und Ökosystem: Gross denken und handeln

Wir in der Schweiz und Europa sind vermutlich Weltmeister im Schlechtreden und erfüllen unsere eigenen Prophezeiungen, indem wir uns selbst in die Füsse schiessen. Was wir brauchen, ist mehr Mut und Konzentration: Konzentration auf die wirklich grossen Ziele und Konzentration unserer Ressourcen. Das gilt auch für den Aufbau des Start-up-Ökosystems. Wir haben allein in der Schweiz unzählige Gründerinitiativen, Businessplan-Wettbewerbe und Konferenzen. Zwei grosse Konferenzen sollten genügen. Man könnte sie nach den Entwicklungsphasen von Start-ups aufteilen.

Für die früheste Phase hat sich der «START Summit» etabliert. Finnland lebt mit der «Slush» vor, welche Wirkung Konzentration erzielt; das ganze Land ist stolz auf diesen globalen Start-up-Magneten, unzählige freiwillige Helfer und Regierungsmitglieder bringen sich persönlich ein.

Dass wir in Europa noch keine Tech-Giganten haben, liegt auch daran, dass sowohl Gründer als auch Investoren noch zu wenige Lernzyklen durchlaufen haben. Zu oft wurden sehr vielversprechende Start-ups aus Europa an Tech-Giganten aus China und den USA für 30 bis 300 Millionen Franken verkauft und als grosse Erfolge gefeiert, anstatt den Weg der Eigenständigkeit durch einen Börsengang zu wagen. Ermutigend ist, dass immer mehr Gründer nochmals neu starten, statt in den Dauerurlaub zu gehen. Der Mindset und die Ambition sind vermutlich die entscheidenden Stellschrauben für den grossen Durchbruch.

Für reifere Start-ups, die sogenannten Scale-ups, bleibt die Herausforderung, dass das Silicon Valley Europa um zwei Dekaden voraus ist. Für den CEO eines europäischen Unicorns, also eines Start-ups mit einer Marktbewertung von über einer Milliarde Dollar, der sein Team im «Hyperwachstum» innert zwei Jahren von 100 auf 1000 Mitarbeiter skaliert, kommen in ganz Europa nur eine Handvoll Mentoren in Frage, die genau das selbst erlebt haben. In San Francisco sind es über 100 gleich um die Ecke. Das Gleiche gilt für Investoren und Verwaltungsräte, die häufig gar nicht wissen, wie man Unternehmen aufbaut. Es braucht also auch Geduld in diesem iterativen Generationenprozess. Alle Marktteilnehmer sollten kollektiv daran arbeiten, Start-ups als unabhängige Unternehmen an die Börse zu bringen, damit sie sich weiter entfalten können. Allerdings: Derzeit ist auch der europäische Kapitalmarkt zu fragmentiert, weshalb wirklich grosse Start-ups in New York an die Börse gehen.

Es fällt indes auf, dass viele Family Offices wohlhabender Schweizer ihr Geld nicht sehr effizient einsetzen im Start-up-Ökosystem. So investieren sie ohne besondere Erfahrung direkt in Start-ups, aber oft ineffektiv und zu Bewertungen, die nicht selten viel zu hoch oder zu tief sind. Das durch die Umgehung von Mittelmännern «eingesparte» Geld könnten sie besser philanthropisch einsetzen, um die Innovationspipeline zu verbessern. Beispielsweise könnten sie die interdisziplinäre Zusammenarbeit an Topuniversitäten fördern.

«Es fällt auf, dass viele Family Offices wohlhabender Schweizer ihr Geld nicht sehr effizient einsetzen im Start-up-­Ökosystem.»

3. Fehlt es an Kapital für Schweizer Start-ups?

Ja, das hört man immer wieder. Unzählige Start-ups hätten keine Chance, sich zu beweisen, heisst es. Doch so einfach ist es nicht. Erstens: Würden 100 Prozent aller kapitalsuchenden Start-ups eine Finanzierung erhalten, hätte die Anlageklasse Venture Capital (VC) eine sehr stark negative durchschnittliche Rendite und wäre damit am Ende.

Zweitens: Das VC-Ökosystem hat sich auch in der Schweiz in den vergangenen drei Dekaden substanziell entwickelt. Es gibt weltweit kaum ein anderes Land, in dem Start-ups, die eine Seed-Runde von Investoren einwerben konnten, mit einer Wahrscheinlichkeit von 35 Prozent1 eine nächste Finanzierungsrunde, die sogenannte «Series-A», von VCs erhalten. Der europäische Durchschnitt für die Umwandlungsrate von Seed- zu Series-A-Finanzierungen liegt bei etwa 19 Prozent innerhalb von 36 Monaten nach der Seed-Runde.2

Drittens: Je reifer die Start-ups sind, desto grösser werden die Finanzierungsrunden und desto mehr lohnt es sich mit Blick auf die mehr oder weniger konstant bleibenden Transaktionskosten auch, über Kontinente hinweg zu investieren. Denn die Transaktionskosten stellen insbesondere die Arbeitszeit des Investors dar. Genau aus diesem Grund beteiligen sich sehr viele amerikanische Risikokapitalgeber in Europa an Series-B-Finanzierungsrunden und später. Sie setzen sich gerne regelmässig ins Flugzeug, weil die Bewertungen hier tendenziell tiefer sind als in den USA. Das wiederum spricht dafür, dass das europäische System noch mehr Kapital «vertragen» könnte.

Allerdings mehren sich die Anzeichen, dass die VC-Renditen in den USA sinken. Immer mehr Kapital fliesst in immer grössere VC-Funds. So haben General Catalyst und Lightspeed Ventures in der jüngeren Vergangenheit alle zwei Jahre neue Fonds aufgelegt. Europa liegt derzeit eher bei einem Zyklus von vier Jahren. Auch die Fondsvolumen liegen mit acht beziehungsweise sieben Milliarden Dollar um ein Vielfaches über dem europäischen Durchschnitt.

Eine europäische Herausforderung ist, dass wir noch zu wenige VCs haben, die in sehr kapitalintensive Geschäftsmodelle investieren, weil sie das Folgefinanzierungsrisiko (zu Recht) fürchten. Das ist ein Problem mit Blick auf sehr vielversprechende Themenbereiche wie Quantencomputing, wo Europas Universitäten noch an der weltweiten Spitze stehen, vermutlich aber in der Kommerzialisierung von China und den USA abgehängt werden.

Daher wird immer wieder gefordert, der Staat solle sich als Investor betätigen. Er hat dabei grundsätzlich zwei Möglichkeiten.

A) Der Staat beteiligt sich als Staatsfonds direkt an Start-ups

Dieses Modell sieht vor, dass der Staat einen VC-Fund ins Leben ruft, der direkt in Start-ups investiert. Vielleicht, weil der Staat bestimmte Sektoren besonders unterstützen möchte.

Aber ist der Staat der bessere Investor in Start-ups der Bereiche Quantencomputing, Kernfusion oder Biotech? Dem Autor ist kein einziges Modell dieser Art bekannt, das in Europa je funktioniert hätte. Alle bekannten Beispiele haben in den letzten zwei Jahrzehnten zu «adverser Selektion» geführt, das heisst, es wurden Firmen finanziert, die von privaten VCs kein Kapital erhalten hatten und später tatsächlich in überwiegender Mehrheit gescheitert sind, sodass die Programme finanziell insgesamt kostspielig waren. Gleichzeitig gab es keine positiven Ausreisser, welche die Programme gerechtfertigt hätten. Zwar könnte man argumentieren, dass der Staatsfonds nur dann investiert, wenn ein privater Kapitalgeber in den Lead geht. Aber auch dieser Ansatz ist bislang spektakulär erfolglos geblieben.

B) Der Staat beteiligt sich indirekt als Fund-Investor an Start-ups

Anders als beim Staatsfonds, der sich direkt an Start-ups beteiligt, haben viele Staaten sogenannte Fund-of-Funds (FoFs) aufgesetzt. Diese FoFs investieren in professionell geführte VC-Funds.

Der European Investment Fund (EIF), der den investierten Staaten über zwei Dekaden eine positive Rendite eingebracht hat, kann inzwischen mit diesem FoF-Ansatz jährlich 3 Milliarden Euro in Start-ups investieren3 und ein Vielfaches davon an privatem Kapital zusätzlich mobilisieren; in der Regel stellt er deutlich weniger als 49 Prozent des Fondsvolumens zur Verfügung. Dieser FoF-Ansatz hat also eine hohe katalytische Wirkung, um privates Kapital zu mobilisieren, zumal bekannt ist, dass der EIF einen sehr gründlichen Prüfungsprozess hat und für Fondsinvestoren gute Verträge aushandelt.

Schweizer Pensionskassen beginnen, systematisch in VC-Funds zu investieren. Denn der Leistungsausweis ist gut und das Know-how wächst auch in diesem Bereich. Den gesetzlichen Freiraum hierzu haben die Pensionskassen. Es ist daher nicht nötig, sie zu Start-up-Investments zu zwingen. Dieser Ansatz, der in der Vergangenheit versucht worden ist, erinnert an Kommunismus.

«Schweizer Pensionskassen beginnen, systematisch in VC-Funds zu

investieren. Denn der Leistungsausweis ist gut und das Know-how wächst auch in diesem Bereich.»

Staatsgelder nur fürs Inland?

Bei der Entwicklung eines «Swiss Investment Funds» wäre eine der ersten Fragen, ob diese Gelder dann in der Schweiz investiert werden müssen. Wenn die Regelung so ausgestaltet ist wie beim EIF, dass die staatlichen Gelder, die aus der EU kommen, auch in der EU investiert werden müssen, dann funktioniert das. Die Alternative ist, dass ein solcher Fonds, sobald er sich an einem VC-Fund beteiligt, ein Mehrfaches der staatlichen Gelder in Schweizer Start-ups investieren muss. Dieses Modell führt vermutlich ebenfalls zu einer adversen Selektion, weil die wenigsten VCs dieses Geld annehmen würden. Wie zum Beispiel in Katalonien beobachtet werden konnte, besteht das grössere Übel darin, dass VCs, die im Ausland erfolglos Kapital aufnehmen wollen, sich dann dort niederlassen, wo sie vom Staat finanziert werden.

Fazit: Es fehlt uns nicht an Ressourcen. Uns Unternehmern, Risikokapitalgebern und Family Offices sowie Asset Managern und dem Staat fehlt es am kollektiven Willen. Einzelne Personen werden das ändern, indem sie die Messlatte des Erfolgs Stück für Stück nach oben verschieben werden, was anderen Gründern Vorbild und Investoren Anreiz sein wird. Und vielleicht geschieht das nicht nur inkrementell. Politiker und Stimmbürger müssen zudem klarer zwischen Ausgaben und Investitionen unterscheiden. Sparen muss der Staat bei Ersterem. Investieren heisst, überlegt und mutig in die Zukunft zu gehen.

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