Es begann mit 20 Abonnenten
Thomas Sprecher, www.nkf.ch.

Es begann mit 20 Abonnenten

Gegründet von Gegnern des Völkerbunds, prägt diese Zeitschrift seit einem Jahrhundert die Debatten. Ein so langes Leben hätte 1921 niemand erwartet.

 

Sie beabsichtigten nicht, eine Zeitschrift ins Leben zu rufen, die einmal ihr 100-Jahr-Jubiläum feiern würde. Den Gründern ging es um die Gegenwart. Und die war besorgniserregend. Am 16. Mai 1920 hatte das Schweizer Stimmvolk den Beitritt zum Völkerbund beschlossen. Die Gegner des Völkerbunds reagierten darauf mit einem «Volksbund für die Unabhängigkeit der Schweiz», der das Ziel verfolgte, die Schweiz zur Rückkehr zur «integralen» Neutralität zu bewegen. Dazu sollte auch eine Zeitschrift beitragen: die «Schweizerischen Monatshefte». Schon zwei Wochen nach der Abstimmung wurde in Basel eine Genossenschaft gegründet, die als Trägerin der Zeitschrift auftrat. Die Protagonisten, mehrheitlich bildungsbürgerliche und konservative ältere Herren, waren germanophil. Sie verbanden die staatliche und kulturelle Eigenständigkeit der Schweiz mit einer engen Verbindung zur deutschen Kulturnation. Gleichzeitig bekämpften sie die préponderance française, welche sie in der Versailler Friedensordnung verankert sahen.

Das jüngste Gründungsmitglied war der Aargauer Industriellensohn Hans Oehler, ein studierter Philosoph. Er schrieb erst für das Feuilleton der NZZ und wurde dann zum ersten Redaktor der «Monatshefte» ernannt – da man offenbar das französische Wort Redacteur vermeiden wollte, zum Hauptschriftleiter.

Die Zeitschrift startete mit argen Schwierigkeiten. Der Basler Verleger sprang bei erster Gelegenheit ab. Die Nachfrage hielt sich in engen Grenzen: 20 Abonnenten. Kaum Besprechungen in anderen Organen. Ablehnung in der Westschweiz natürlich. Sackweise Retournierung von Heften, die an Interessenten geschickt worden waren. Dann aber ging es endlich doch bergauf.

Aufstieg und Absetzung von Hans Oehler

Die «Schweizer Monatshefte» waren unter Oehlers Leitung konservativ. Liberale Ideen wie Individualismus und Parlamentarismus wurden abgelehnt, Deutschfreundlichkeit wie Frankophobie beibehalten. Während die Innenpolitik kritisch beurteilt wurde, fanden der aufkommende Faschismus und seine schweizerische Spielart Frontismus eine positive Aufnahme. Oehler übernahm nach und nach die publizistische Kontrolle über die Zeitschrift und drängte den Vorstand zurück. Er hielt die liberale Staatsform der Schweiz, die repräsentative Demokratie, für überholt. Sie sollte durch eine vormoderne ständestaatliche Eidgenossenschaft auf genossenschaftlicher Grundlage ersetzt werden. Die Französische Revolution sollte rückgängig gemacht werden. Völkisches Vokabular machte sich breit, und als Autoren kamen immer mehr Frontenfreunde wie Robert Tobler zu Wort. Erst recht nach Hitlers Wahl zum Reichskanzler am 30. Januar 1933. Die «Schweizer Monatshefte» wurden zum frontistischen Kampfblatt.

Allmählich ging dies dem Vorstand zu weit. Hektor Ammann und Fritz Rieter versuchten Oehler mit einem neuen Anstellungsvertrag zu disziplinieren. Erfolglos. Ende 1933 musste Oehler gekündigt werden. Mit seinem Abgang war allerdings kein radikaler Kurswechsel verbunden. Der Vorstand wandte sich nicht gegen die Frontenbewegung, sondern gegen die Einseitigkeit, mit der sie propagiert worden war.

«Schon während des Zweiten Weltkriegs, und erst

recht danach, gaben sich Intellek­tuelle aus ganz Europa die Ehre.»

Oehlers Nachfolger wurde 1934 der Rechtsanwalt Jann von Sprecher. Unter seiner Leitung blieb das Organ deutschfreundlich, was sich aber mit den Jahren und der politisch-militärischen Entwicklung in Deutschland abschwächte. Nach Beginn des Zweiten Weltkriegs versuchte von Sprecher die Welt- und Kriegslage kontinuierlich zu analysieren. Noch mehr als früher wurde dabei die Eigenständigkeit der Schweiz betont.

Die liberale Wende mit Röpke, Hayek und Mises

Stets waren die «Schweizer Monatshefte» eine Autorenzeitschrift. Das hatte zwei Vorteile: Man las sich nicht stumpf an den Meinungen immer derselben Redaktoren, und man profitierte von der Frischluft auswärtiger Federn. So konnte man die hellsten Köpfe zu Wort kommen lassen, nicht nur der Schweiz. Schon während des Zweiten Weltkriegs, und erst recht danach, gaben sich Intellektuelle aus ganz Europa die Ehre. Der Ökonom und Sozialphilosoph Wilhelm Röpke wurde zu einem Hausheiligen und Repräsentanten der liberalen Wende. Denn der Liberalismus, in den 1920er Jahren noch als materialistisch, individualistisch, opportunistisch und überholt gebrandmarkt, wurde nun neu gefasst und seine Bedeutung im Kampf gegen autoritäre und kollektivistische Regierungsformen emporgehoben. Röpke, der für die «Schweizer Monatshefte» nicht weniger als dreissig zum Teil sehr umfangreiche Aufsätze verfasste, und andere Ökonomen wie Friedrich August von Hayek und Ludwig von Mises knüpften nicht mehr an den Vorkriegsliberalismus oder gar an die Laisser-faire-Wirtschaft des 19. Jahrhunderts an. Sie propagierten vielmehr einen «Neoliberalismus», der dem Staat eine starke Rolle zuschrieb.

1955 wurde die Genossenschaft in einen Verein umgewandelt, die Gesellschaft Schweizer Monatshefte. Jann von Sprecher blieb bis 1957 Schriftleiter. Ihm folgte Fritz Rieter, auch er Jurist. Später wurde Rieter auch Präsident der Gesellschaft, und vor allem deckte er regelmässig die Defizite der Jahresrechnungen. Er hat die Zeitschrift bis zu seinem Tod 1970 entscheidend geprägt.

Weiterhin blieben die «Schweizer Monatshefte» ein Nischen-, wohl auch ein elitäres Produkt. Sie erreichten nie ein Massenpublikum. Auch der Monatsrhythmus wurde beibehalten. Dies bedeutete, dass der Redaktor fern der Tageshektik arbeiten konnte. Der Schaum der Tagessensationen erreichte ihn nicht. Inhaltlich ging es nach wie vor um «Politik, Wirtschaft und Kultur». Doch das waren Anzeigetafeln ohne einschränkende Funktion. Sie vermochten interessante Texte zu anderen Bereichen nicht aus dem Heft zu drängen. Alles konnte hier verhandelt werden.

Schweizer Gegenwartsliteratur, finanzielle Probleme

Gegenüber ihren Anfängen war die Lage der «Schweizer Monatshefte» in der Nachkriegszeit vollkommen verändert. Der Kampf gegen den Völkerbund hatte sich längst überlebt. Die Gründerpersönlichkeiten waren verstorben, die Germanophilie auch. Nichts hielt das Heft von Weltoffenheit und einer sich weiter internationalisierenden Autorenschaft ab: Theodor W. Adorno, Raymond Aron, Dolf Sternberger, Karl Kerényi, Emanuel Lévinas, Helmuth Plessner, Hans Blumenberg – die klingendsten Namen schrieben für das kleine Heft in der kleinen Schweiz. Politisch galt der Kampf nun dem immer weiter ausgebauten Wohlfahrtsstaat. Aber auch der europäischen Integration stand man eher kritisch gegenüber. Gleichzeitig wurde die ganze Welt zum Schauplatz: Reportagen aus Mexiko wechselten ab mit Abhandlungen über Indien oder Afrika. Unter dem Kulturredaktor Anton Krättli wurden die «Monatshefte» ab 1966 auch zu einer Literaturzeitschrift, die insbesondere die Schweizer Gegenwartsliteratur zu Wort kommen liess, Friedrich Dürrenmatt, Adolf Muschg, Hugo Loetscher und vor allem den Aargauer Grossvirtuosen Hermann Burger.

«René Scheu verfolgte die Vision einer ­Aktiengesellschaft als

neuer Trägerschaft. Und so kam es. Zahl­reiche Freunde und

Unternehmer waren bereit zu finanziellen Bekenntnissen,

und so konnte 2010 die SMH Verlag AG ­gegründet werden.»

Die «Schweizer Monatshefte» rentierten nie. Sie lebten vom Zuschuss vor allem Fritz Rieters. Und Rieter bedachte sie noch über seinen Tod hinaus, indem er 1966 die Stiftung Schweizer Monatshefte errichtete. Sie sollte die Zeitschrift bis ins Jahr 2020 tragen. Leider aber schwand ihr Vermögen schon in den 1970er Jahren stark aufgrund der Inflation. Die Auflage nahm nicht zu, hingegen die Herstellungskosten. Dazu trug der Umstand bei, dass ab 1968 neben Anton Krättli ein weiterer Redaktor für die Bereiche Politik und Wirtschaft angestellt war, ab 1975 François Bondy, ab 1991 Robert Nef. Nef wurde mit zahllosen Artikeln über die «Schweizer Monatshefte» hinaus ein Gralshüter des Liberalismus.

Unter Nef und dem neuen Kulturredaktor Michael Wirth änderte die Zeitschrift erstmals ihr Erscheinungsbild, und es kam zu einer markanten Umgestaltung: Neu waren das A4-Format, eine Manschette, welche das bisherige Gelb des Umschlags in die Zukunft trug, Artikel hatten einen Lead, es gab Titelblätter. Neu war auch die Einführung von «Dossiers», thematischen Schwerpunkten. Seit der Umwandlung in einen Verein waren Fritz Rieter, Richard Reich, Ullin Streiff und Heinz Albers Präsidenten gewesen. Ihnen folgte 1995 Konrad Hummler, zu dessen anhänglichster Sorge die Finanzierung wurde. Abbruch oder Aufbruch?

Mit dem «Schweizer Monat» in die Zukunft

Aufbruch, sagte René Scheu. Redaktor seit 2007, verfolgte er die Vision einer Aktiengesellschaft als neuer Trägerschaft. Und so kam es. Zahlreiche Freunde und Unternehmer waren bereit zu finanziellen Bekenntnissen, und so konnte 2010 die SMH Verlag AG gegründet werden. Der bisherige Verein verschwand. Nachdem die Zeitschrift ihren Namen 1931 von «Schweizerische Monatshefte» zu «Schweizer Monatshefte» geändert hatte, wurde sie nun zum «Schweizer Monat». Hinzu kam eine Neugestaltung, wobei man sagen darf, dass der «Monat» auch danach immer wieder an seiner Erscheinung arbeitete und den Auftritt nuancierte. Und hinzu kam der «Literarische Monat». Schon früher hatte die Literatur besondere Liebe erfahren. Nun wurde sie sogar in einem eigenen Periodikum behandelt – das allerdings, das Schicksal der allermeisten Literaturzeitschriften teilend, 2020 wieder eingestellt werden musste.

Kaum eine Zeitschrift erreicht das Alter von hundert Jahren. Fast alle verschwinden früher. Es ist daher ungewöhnlich, dass der «Monat» allen politischen und gesellschaftlichen Veränderungen, allen Veränderungen der Märkte zum Trotz das volle Säkulum erreicht hat. Und es ist unwahrscheinlich, dass er weitere hundert Jahre am Leben bleiben wird. Doch dies hat jene, die hinter ihm stehen, nicht zu kümmern. Sie wissen um die Gefahr von Jubiläen. Mit der Feier seiner selbst gewinnt man keine Leser. Man gewinnt sie mit aufregenden, klugen, mutig-markanten Texten. Würde der «Monat» hingegen beliebig, wäre er geliefert. Der redaktionelle Blick voraus gilt nicht dem Säkulum, sondern bloss der nächsten Nummer. Das Prekariat geht weiter. Das Bedürfnis, den Liberalismus zeitgemäss zu fassen, bleibt bestehen. Aber für einen Augenblick – und das ist ein Monat, vom Jahrhundert aus gesehen – darf der «Schweizer Monat» doch innehalten, zurückblicken und sich einem verwunderten Stolz darauf hingeben, dass er den Völkerbund, den er in frühester Jugend so heiss bekämpfte, dermassen lange überlebt hat.