Ersatzreligion Klimarettung

Als junger Liberaler bei einer Demonstration von #FridaysForFuture in Berlin. Wer klaut hier wem die Zukunft?

Ersatzreligion Klimarettung
Jugendliche an einer Fridays-for-Future-Demonstration, fotografiert von Jannis Große / imago images.

Ein heisser Freitagmorgen in den Sommerferien im Zug zum Berliner Hauptbahnhof. Ich bin unterwegs zu einer jener #FridaysForFuture-Demonstrationen, die – jedenfalls in den Medien – die ganze Welt in Atem halten. Ich werde heute selbst daran teilnehmen, wenn auch mit einer eher skeptischen Grundhaltung, zu der man als Liberaler in Berlin ja fast gezwungen wird. Ich jedenfalls habe mich längst daran gewöhnt, von den Themen der meisten Demonstrationen in der Stadt nicht euphorisch und bejahend angesprochen, sondern eher kopfschüttelnd und verzweifelt abgestossen zu werden. Erst kürzlich ist in meiner Nachbarschaft eine Gruppe von Alt-Achtundsechzigern angetreten, um mit einem «Sit-in» in Hanfsandalen ihren Messie-Nachbar zu verteidigen, der den Schimmel in seiner Wohnung schon bis unter das Sofa getrieben und den der Vermieter nach zehn Jahren Rechtsstreit nun doch erfolgreich aus der Wohnung geklagt hat. Damit will ich mich nicht solidarisieren.

Hier und heute demonstrieren aber keine älteren Damen und Herren, sondern blutjunge Schüler. Für das Klima. Auf dem Weg zum Invalidenpark treffe ich auf die ersten Demoteilnehmer; Baumwolltaschen und grüne Haarfarbe weisen mir den Weg zu einer Gruppe fröhlicher, mit Plakaten bewaffneter Klimaaktivisten. Sie nehmen mich in ihrer Mitte auf, das gemeinsame Ziel schweisst uns sogleich zusammen. Ich frage, wie alt sie seien und wie sie darauf gekommen seien, hier teilzunehmen. Sie heissen Martha, Christina und Adriane, zwei sind 14, eine ist 15 Jahre alt, sie kennen sich aus ihrer Klasse. Ungefähr die Hälfte ihrer Klassenkameraden würden der Bewegung positiv gegenüberstehen und sich an den Protesten beteiligen, erfahre ich. Bei ihnen spüre ich nichts von jener Panik, von der die 16jährige Klimastreik-Initiantin Greta Thunberg immer wieder spricht und die sie von der Menschheit einfordert. Eher eine aufgeregte und von Vorfreude geprägte positive Stimmung, ja: Stolz! Die Aktivitäten verleihen ihnen Selbstvertrauen.

«Eigentlich wollen sie nur, dass sich andere Gedanken machen. Ständig sprechen sie von Aktivismus, den es bräuchte, aber sie meinen nicht den eigenen. Die da oben mit Geld und Macht, die sollen endlich loslegen!»

Nur zwei Jungs in ihrer Klasse – ihre Blicke verdüstern sich – seien gegen die Demos. Aus welchem Grund, frage ich. Sie würden ihnen unterstellen, nur die Schule schwänzen zu wollen. Dabei sei das ganz und gar nicht ihre Absicht, wie sie mir mit ernstem Gesicht versichern: «Wir werden gezwungen, die Schule zu schwänzen, weil die Lage so furchtbar ist.» Wie grotesk unsere Gesellschaft doch geworden sei, sagen sie, dass sich die Jugend der Politik widmen müsse, statt sich ausbilden zu können. «Wurdet ihr für euer Fernbleiben von eurer Schule bestraft?», frage ich. «Nein», sagen sie mir. Sie müssen für ihre regelmässigen Fehlzeiten am Freitag keine negativen Konsequenzen befürchten. Ihre Klassenlehrerin wäre eine Unterstützerin ihrer Sache. Sie hätte ihnen mitgeteilt, dass sie selbst auch ihren Unterricht schwänzen würde, wenn sie an ihrer Stelle wäre. So viel Einsicht von der Klassenlehrerin können nicht alle erwarten. Aber heute sind zum Glück Ferien. Alle Schüler sind in ihrer Freizeit und damit gesetzeskonform hier.

Teenie-Sommerparty am Mauerbrunnen

Angekommen an der Demo. Wir stehen nun vor dem Mauerbrunnen, einem aufsteigenden steinernen Koloss, der an die Teilung der Stadt erinnern soll. Das Rauschen des Wassers wird an diesem Tag übertönt von den vielen kreischenden und pfeifenden Jugendlichen, die sich hier eingefunden haben. Wie unter meiner ersten Kontaktgruppe herrscht auch hier eine ausgelassene Stimmung. Wenn die Plakate nicht wären, könnte es sich auch um eine nette Sommerparty handeln. Eine kleine Bühne ist aufgebaut, grosse Lautsprecher tragen die Stimmen der jungen Aktivisten über den weitläufigen Platz.

Das anwesende Publikum ist sehr jung. Wenn ich Erwachsene in der Menge erhasche, sind sie kaum zu erkennen, denn sie tragen bunte T-Shirts und Basecaps. Wollen sie ebenso jung und hip wirken wie die Kinder? Hauptsächlich finden sich hier Schüler zwischen 13 und 18 Jahren. Ein paar Studenten und junge Arbeitnehmer haben sich um sie herum postiert. Anzugträger, Geschäftsleute, auch Bürger mit Migrationshintergrund sind kaum vertreten. Der Protest ist überwiegend weiss, weiblich und gebildet. Er kommt augenscheinlich aus der bürgerlichen Mitte, die allermeisten Jugendlichen hier vor Ort sehen aus, als würden sie wohlerzogenen, gut situierten Elternhäusern entstammen. Bei meinen Nachfragen stosse ich tatsächlich nicht auf Hauptschüler oder Realschüler, sondern ausschliesslich auf Gymnasiasten. Ihre Ausdrucksweise ist flüssig, ihre Wortwahl sehr erwachsen. Zufällig hier ist niemand, und um eine Antwort verlegen auch nicht. Es demonstrieren hier klar und eindeutig argumentierende Überzeugungstäter. Für meinen Geschmack etwas zu eindeutig. Sie sehen die Fakten so sehr auf ihrer Seite, dass sie sich nicht zu einem langen Diskurs genötigt fühlen. Die Lage sei doch offensichtlich.

«So nett und sympathisch, aufgeweckt und klug diese jungen Leute auch sein ­mögen – bei ihren wirtschafts­politischen Vorschlägen läuft es mir eiskalt den Rücken herunter.»

Sein und Sollen fallen hier wunderbar zusammen, Fakten und Moral vereinigen sich zu einer harmonischen, aufgeklärten Weltsicht. Das ist nicht nur beeindruckend, es ist verführerisch. Aufgrund ihres Mangels an Selbstzweifeln sind sie ungemein offen und geben mir bereitwillig Auskunft. Doch ich muss mein Interesse an ihnen auf später verschieben, denn nun treten die ersten Schüler an das Mikrofon und heizen die Stimmung an. Nichts ist geplant. Man merkt ihnen an, dass sie nicht genau wissen, was sie sagen sollen. Deshalb nimmt sich eine der Aktivistinnen das Mi­krofon und ruft: «Habt ihr Lust auf ein paar Demosprüche?» Natür­lich haben das die Schüler. Und so geht es los: «Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut.» Diese Schlachtrufe kennt man schon aus dem Fernsehen. Die Plakate auch. Ich lese «Endlich raus aus der Kohle!» und «CO2-Steuer: JETZT». Es gibt aber auch kreativ-witzige Aufschriften wie «Ich wäre gern so heiss wie das Klima!» oder «Wenn das Klima eine Bank wäre, hättet ihr es schon längst gerettet!».

Smartphones, Markenschuhe, Klimademo-Hopping

Raus aus dem Getümmel, ich will mehr wissen: Was denken diese Schüler über den Klimawandel? Wie stellen sie sich die Zukunft vor? Sind sie bereit für die grossen Veränderungen, die sie einleiten wollen? Was ich aber nun erfahre, ist dünn. Eigentlich wollen sie nur, dass sich andere Gedanken machen. Ständig sprechen sie von Aktivismus, den es bräuchte, aber sie meinen nicht den eigenen. Die da oben mit Geld und Macht, die sollen endlich loslegen! Die Politik – wer auch immer damit gemeint ist in einer Demokratie – soll es richten und die Forderungen ganz einfach umsetzen. Um deren Konsequenzen, sagen sie mir, wüssten sie durchaus: weniger Fliegen, weniger Fleisch, weniger Geld. All diese Einschränkungen scheinen sie nicht zu jucken. Doch irgendwie bleibt mir doch der Eindruck, als würden sie die wirtschaftlichen Einschnitte, die sie fordern, überhaupt nicht auf ihr eigenes Leben beziehen. Wie viele Einbussen sie in ihrem aktuellen Lebensstil hinnehmen müssten, auch was das für ihre berufliche und familiäre Zukunft bedeuten könnte, scheinen sie schlicht auszublenden. Es geht um eine höhere Sache. Da muss man eben zurückstehen.

Doch wie ich das hier am Mauerbrunnen mit meinem oberflächlichen Blick erkennen kann, haben die Schüler durchaus einiges zu verlieren: Sie tragen teure Markenschuhe und Smartphones. Einige können es sich sogar leisten, in ganz Europa von Klimademo zu Klimademo zu reisen: Klimademo-Hopping, aber natürlich CO2-frei! Ein junger Student, mit dem ich spreche, Marko, lebt bereits mit 18 Jahren in London, wo er sich auf Klimarecht spezialisieren will. Er kommt aus Berlin, will aber nicht mehr fliegen, was bedeutet, dass er für jeden Heimaturlaub eine über 20stündige Zugfahrt in Kauf nehmen muss. Dafür habe er ein reineres Gewissen, wie er mir versichert. Dass die hohen Mehrkosten für seine CO2-Askese wohl seine Eltern tragen, bleibt unausgesprochen. Den Lebensstil der «Fridays» muss man sich erst einmal leisten können. Aber wollen sie tatsächlich zu Fuss oder mit dem Zug nach China reisen, um ihr Smartphone abzuholen?

Anbiederung von Eltern, Politikern, Medien und Konzernchefs

Der fundamentale Unterschied zwischen der häufig in diesem Zusammenhang zitierten 1968er-Bewegung und den «Fridays» liegt genau darin: Hier stehen keine Spontis, die in muffeligen Pull­overn und wassersparenden Kommunen ein Einsiedlerdasein führen. Hier stehen Kinder der Topverdiener mit den wahrscheinlich höchsten Konsumausgaben pro Kopf. Sie leben alles andere als asketisch, reden aber besonders gern über einen «bewussteren» und «moralischeren» Konsum. Auch die positive Reaktion der Medien ist ein Gegensatz zu ʼ68. Wurden die Demonstranten damals als faules Pack und übermütige Unruhestifter gesehen und von Boulevardzeitungen wie «Bild» nur allzu oft verspottet, wird den Schülern heute von allen Seiten auf die Schultern geklopft. Politiker, Medien und Konzernchefs reissen sich darum, den jungen Leuten zu hofieren, sich ihrer Sache anzunehmen, sie in einen Dialog einzubinden, sie zu den exklusivsten Gipfeln und Entscheidungsgremien einzuladen. Wer ist eigentlich dieser grosse Gegner, gegen den sich der Protest richtet? Sind es, wie bei den 1968ern, die Eltern? Auch das ist heute schwieriger zu beurteilen. Zwar ist die Argumentationslinie ähnlich, damals lautete der Vorwurf: Wie konntet ihr Auschwitz zulassen? Heute heisst es: Wie konntet ihr den Klimawandel zulassen? Die familiären Entfremdungen aber fallen diesmal aus. Die Eltern stellen sich der moralischen Konfrontation ihrer Kinder. Sie ermutigen sie sogar zum Protest und gestehen ihre Sünden ein.

Aufgrund eines Ausbleibens eines echten Gegners haben die «Fridays», wie sie sich selbst nennen, bisher mediales Oberwasser. Oberlehrer- und gönnerhaft erklären sie uns, was schiefgelaufen ist in der Welt und was jetzt zu tun sei. Wenn Luisa Neubauer in der Sendung «3 nach 9» des NDR gefragt wird, ob sie das Treffen mit Emmanuel Macron – immerhin der Präsident eines nicht ganz kleinen europäischen Landes – beeindruckt habe, kommt nur ein Achselzucken. Das sei ja alles ganz nett gewesen, aber ändere nichts an der schlimmen Weltlage. Macron habe letztendlich nicht verstanden, weshalb sie auf die Strasse gingen. Die Forderungen der «Fridays» scheinen sehr schwierig zu sein, wenn selbst der Verstand des französischen Präsidenten nicht ausreicht, um sie zu begreifen. Was für eine Chance habe ich dann überhaupt?

Kritik an einer angeblich untätigen Regierung

Ebenso wie den 1968ern die Regierung Willy Brandts als protofaschistisch vorkam, so empfinden die Schüler heute die alles andere als zurückhaltende Klimapolitik Deutschlands als einen riesengrossen Schwindel. Sie reden so, als geschähe in diesem Politikfeld gar nichts. Dabei hat Deutschland im internationalen Vergleich mit die grössten Anstrengungen zur CO2-Reduktion unternommen und als Hochindustrieland auch die grössten Herausforderungen zu stemmen. Von der für 2020 angepeilten 40prozentigen Reduktion der CO2-Emissionen sind bisher nur 32 Prozent erreicht worden. Wenn so ein vollkommenes Scheitern aussieht, dann doch bitte mehr davon!

In meinem Kopf wimmelt es nun von Fragen: Müsste die ganze politische Debatte nicht eigentlich umgekehrt verlaufen? Müsste nicht die Regierung Preisschilder vorschlagen? Also eingestehen, dass ein machbarer Klimawandel nur mit einem CO2-Preis, also dann mit einer CO2-Steuer, zu schaffen ist? Und müssten dann nicht die jungen Leute gegen die übereilten Schritte demonstrieren, weil nämlich diese Ideen ihren digitalen Lebensstil, an den sie sich so gewöhnt haben, existenziell bedrohen? Müsste nicht die Jugend aufstehen, weil Eigenheim, Auto und Urlaub durch diese Preise und Steuern so teuer werden, dass sich selbst die obere Mittelschicht unter ihnen solche künftigen Luxusgüter nicht mehr wird leisten können? Müssten sie nicht für eine kostengünstige Klimawende streiten, statt für eine, die keine Rücksicht auf die Kosten nimmt?

Ich werde aus meinen Gedanken gerissen, denn die Schüler sind mit ihren Demogesängen am Ende. Und immer wenn die jungen Leute nicht mehr wissen, was sie auf der Bühne verkünden sollen, stellen sie einfach die Musik lauter. Zu KIZs Dauerhit «Hurra, die Welt geht unter» tanzen sie sich förmlich in Ekstase – auf mich wirkt es eher wie die Darbietung einer New-Age-Gruppe als eine politische Demonstrationsveranstaltung. Doch der Unterhaltungsfaktor ist mitnichten zu vernachlässigen: Veranstaltungen wie diese etablieren sich immer stärker als eine allgemeine Freizeitbeschäftigung. Anstatt «Gehst du heute zum See?» heisst es «Ich geh zur Klimademo. Kommst du mit?». Demonstrieren als moralisch aufgeladenes Hobby. Könnte es auch meines sein? Wohl kaum. Ich ziehe mich zurück und lasse die tanzende Klimajugend allein.

Segeltrips und Spaltungen

Wenig hoffnungsvoll stimmt mich auch, was ich danach bei meiner Recherche im Internet über den Fall von Jannik Schestag lese.1 Der 26jährige Student und Jungpolitiker der Ökologisch-Demokratischen Partei Deutschlands – einer grünen Kleinpartei, die immerhin einen EU-Abgeordneten stellt – erklärte sich bereit, über 70 000 Euro für diese Züge vorzustrecken und sich darauf zu verlassen, dass die «Fridays» mit Spenden, Fundraising und eigenem Ticketverkauf zumindest einen Teil der Summe wieder einnehmen würden. Nach dem erfolgreichen Streik wollen diese ihn aber nicht ausbezahlen, obwohl sie das Geld für die Zugfahrten von ihren Teilnehmern wieder eingesammelt haben. Lassen die «Fridays» für das Geld in der Kriegskasse ihre hochmoralischen Ansprüche einfach fallen? Gegenüber der «Welt» äusserte sich Carla Reemtsma, eine der Sprecherinnen der #FridaysForFuture, knapp und unwirsch zu dem Fall: «Jannik hat gesagt, privat haften zu wollen. Die Frage ist jetzt, ob wir als Bewegung die Kosten rückwirkend übernehmen oder nicht.» In undurchsichtigen WhatsApp-Gruppen – den einzigen offiziellen Anlaufstellen der nirgends gemeldeten oder im Vereinsregister eingetragenen Bewegung – soll jetzt über das finanzielle Schicksal des jungen Mannes entschieden werden. Er hatte die 70 000 Euro von seinem Erbe abgezwackt. Da er mit niemandem einen Vertrag über die Summe abgeschlossen hat, kann er nur auf den guten Willen oder das schlechte Gewissen der Schüler hoffen.

Das positive Echo einer grünen akademischen Elite und die intensive, wohlwollende bis unterstützende Berichterstattung der Medien spornt die Schüler zu immer neuen Leistungen an. Dabei entstehen grandios inszenierte PR-Aktionen, wie solche, dass Greta Thunberg mit einem Regattaschiff eines monegassischen Prinzen nach New York übersetzt, um keinen CO2-Fussabdruck beim Kampf gegen den Klimawandel zu hinterlassen. Doch für ihre Segelfahrt müssen mindestens sechs Segler anschliessend nach New York fliegen, um das Boot wieder nach Europa zurücksteuern zu können.2 Wenn Greta einfach direkt mit ihrem Vater nach New York geflogen wäre, hätte sie eine günstigere CO2-Bilanz hinterlassen. Was lernen wir daraus? Wir sind doch alle Sünder. Es gibt kein «reines» Leben, solange unsere Gesellschaft von fossilen Kraftstoffen abhängt. So leicht fällt der Ausstieg aus der Zivilisation dann eben doch nicht.

Es fehlen auch nicht die typischen Spaltungen, wie sie alle rasch gewachsenen Organisationen erfahren. Linksradikale Gruppen versuchen die Bewegung zu unterwandern und ihre Kapitalismuskritik stärker in den Vordergrund zu stellen. Die Marxistisch-Leninistische Partei hat laut «Spiegel» versucht, ganze Ortsgruppen der «Fridays» zu kapern.3 Die bisherigen Spitzenfiguren um Luisa Neubauer und Carla Reemtsma wollen das nicht. Sie wehren sich. Doch wie lange geht das noch gut? Auch gegen sie – wer hat die beiden und andere eigentlich auserkoren? – gibt es innerhalb der Bewegung Widerstand. Sie seien zu sehr als Privatpersonen in den Medien präsent. Ich erinnere mich an die auffällig unauffälligen Blicke der Schüler auf Luisa Neubauer. Sie stand im Hintergrund neben dem Podium und unterhielt sich mit ihren Mitstreitern. Fast schien mir, dass ihre Anwesenheit die Schüler ergriff und ihre Bekanntschaft mit Greta Thunberg, der eigentlichen Glaubensstifterin, etwas von dem sakralen Glanz auf sie übertrug.

Klimareformation

Für mich ist die Ersatzreligion Klimarettung schon fast perfekt installiert. Das Glaubensbekenntnis ist ihr neuer Klimakatechismus, ihre Klimaerklärung von Lausanne, die sie gerade auf einem ihrer letzten Gipfeltreffen verabschiedet haben. Wie es für einen heiligen Text Brauch ist, wimmelt es darin von Widersprüchen und weit auslegbaren Allgemeinplätzen. Darin zu lesen ist etwa, dass die Politik «mehr auf die Wissenschaft hören sollte». Donnerwetter, was für eine Einsicht! Darauf wären die Abgeordneten ohne die «Fridays» sicherlich nicht gekommen.

Der Gottesdienst mit Busse und Erlösung der Sünden findet also heutzutage am Freitag statt. Die Hölle ist für sie unzweifelhaft die Klimakatastrophe. Etwas weltlich zwar, aber durch zeitlichen Abstand weit genug entfernt, um die genügend erschreckende Drohkulisse für einen Erlösungswillen zu bilden. Wie für den Puritanismus üblich, gibt es keinen Beichtstuhl, dafür aber genügend Bekehrungsgeschichten. Die erst 23jährige Luisa Neubauer hat ihr Instagram-Profil von den früheren weltlichen Sünden – viele Fotos von Orten, die man in nützlicher Frist nur per Langstreckenflugzeug erreicht – gereinigt.4 Nachdem also sie fast die ganze Welt von Hongkong über Kanada bis Tansania gesehen hat, darf es nun für den Rest der Erdenmenschen etwas bodenständiger zugehen. Nach dem Gottesdienst am Freitag geht es – wie bei allen anderen Religionen auch – wieder hinein in das Leben und weit weg von den hehren Ansprüchen der Priester. Wenn die «Fridays» schon keinen Verein für ihre Sache gründen wollen, dann sollten sie ernsthaft über eine Kirche nachdenken. Das wäre ehrlicher und könnte sich auch finanziell für sie auszahlen.

Erziehung einer neuen Art von Menschen

Die religiösen Vergleiche und Metaphern sind mehr als Polemik, denn Verzicht ist immer moralisch und am Ende religiös. Die Menschen verzichten nicht freiwillig auf Dinge, die ihnen Freude bereiten. Deshalb muss man ihnen ein schlechtes Gewissen einreden und einen Weg aufzeigen, wie sie zu angeblich besseren Menschen werden können. Dann nehmen einige es freiwillig auf sich, den Predigern zu folgen. Die Bewegung #FridaysForFuture ist deshalb ersatzreligiös, weil sie darauf hofft, eine neue Art von Menschen erziehen zu können. Einen Menschen, der nicht mehr nach Bequemlichkeit, Wohlstand und Genuss strebt, sondern sich im Angesicht einer Bedrohung freiwillig in einen puritanischen Lebensstil flüchtet.

Wir Sünder arbeiten lieber daran, Technologien zu entwickeln, mit denen wir weiterhin Auto fahren, Fleisch essen, weit reisen und ein Selfie auf einem der letzten schneebedeckten Berge aufnehmen können. Dieses Bekenntnis zum Leben, zum Genuss und zum Alltagshedonismus können die «Fridays» nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren. Und genau das ist der Punkt, an dem es unversöhnlich wird. Es ist eine ernste Frage, ob man den Menschen Mensch sein lässt, mit all seinen kleinen und grossen Sünden, oder ob man nur noch moralische Menschen als solche akzeptiert. Die «Fridays» haben ihre Wahl getroffen.

Auf den Publizisten und Herausgeber der «Welt», Stefan Aust, wirkte die Bewegung «wie ein moderner Kinderkreuzzug». Mir ist das zu brachial, denn eignen sie sich für den Dienst an der Waffe? Ich sehe sie eher als eine Art Klimareformation – eine Bewegung mit 95 Thesen gegen die aktuelle Klimaschutzpolitik, die sie an die Wand des Wirtschaftsministers nageln wollen. Die jungen Leute kommen mir vor wie der junge Luther, der zum ersten Mal in Rom ein Freudenhaus sah und darüber seinen Glauben verlor. Sie sehen ihr Smartphone an und können nicht glauben, dass es tatsächlich mit Kohlestrom betrieben wird. Statt «sola scriptura» fordern die Schüler «sola scientia», was sich so leicht und ehrlich anhört, aber nur in neuen Auslegungsstreitereien enden wird. Verblendet vom heiligen Wort der angeblich so reinen Wissenschaft können sie die kompromissbereite Politik der Gegenwart nicht mehr ertragen. Sie warten mit einer rigorosen Pflichtethik auf, die mich zum Schaudern bringt. So nett und sympathisch, aufgeweckt und klug diese jungen Leute auch sein mögen – bei ihren wirtschaftspolitischen Vorschlägen läuft es mir eiskalt den Rücken herunter. In einem umgekehrten Sinne haben sie in ihren Appellen an die Zukunftsfähigkeit des Landes recht: Wenn sie sich durchsetzen, hat es meine Generation in der Tat schwer, eine blühende Zukunft zu erleben. Die Frage ist: Wer klaut hier also wem die Zukunft?

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»