Erinnerung: Gleichgesinnt gegen Fanatiker

Anfangszeiten des Studenten-Rings. Ein Mitgründer blickt zurück.

Als ich eines Morgens die Uni durch den Haupteingang betrat – ich war wohl im 2. Semester als Jus-Student –, da sah ich an einer Mitteilungswand mein Konterfrei auf einem Plakat mit dem Attribut «Kapitalistenschwein». Für einen geistig offenen und gut meinenden Jungen wie mich war es eine erschütternde Erfahrung: ich war durch meine Herkunft stigmatisiert. Wenig später fand ich mich, ohne eine Ahnung zu haben von universitären Institutionen oder von der an Intensität rasch zunehmenden politischen Auseinandersetzung zwischen der Neuen Linken und dem Establishment, als gewähltes Mitglied des Grossen Studentenrats an der juristischen Fakultät der Uni Zürich wieder.

Wie kam es dazu? Ein Kommilitone namens Moritz Leuenberger sprach mich an mit der Aufforderung, mich für ein Mandat zur Verfügung zu stellen, denn unsereins könne doch das Feld nicht kampflos diesen fanatischen Linken überlassen. Ich akzeptierte, und damit begann eine intensive Lehrzeit. Der Kleine Studentenrat, die studentische Exekutive, wurde angeführt von Thomas Held, einem charismatischen und wortgewaltigen Demagogen, der Figuren wie Fidel Castro und Enver Hoxha als Idole verehrte und dafür warb, dass wir in der Schweiz das politische Modell der kubanischen Revolution übernehmen sollten. Bald war mir klar, dass das nicht meine Vorstellung der Zukunft sein konnte und dass es tatsächlich ein Gebot der Stunde war, gegen diese linken Aktivisten anzukämpfen und um die durchaus angebrachte Kritik am kapitalistischen System in konstruktive Bahnen zu lenken.

Unsere antilinke Fraktion stellte Kommilitone Moritz als Sprengkandidat auf, prompt wurde er in die ansonsten geschlossen linke fünfköpfige Exekutive gewählt. Doch es dauerte kein halbes Jahr, da schien er schon der linken Hirnwäsche zum Opfer gefallen und zum willigen Mitläufer der Linken geworden zu sein. Es war also höchste Zeit, dass wir «Anti-links-Gleichgesinnten» uns organisierten, und das taten wir. Im Studenten-Ring verstanden wir uns im besten Sinne des Wortes als eine «Miliz»: jedes Mitglied war für das Ganze engagiert und erledigte in arbeitsteiliger Organisation die ihm zufallenden Aufgaben. Im Gegensatz zu den radikalisierten Linken, die vollamtlich Agitation und politische Aktion betrieben, waren wir Studenten-Ringler ja «seriöse» Studenten, die ihr Studium in nützlicher Frist abschliessen wollten.

Ein politisch engagierter Student der 1968er Jahre sah sich gerne am Nabel der Welt: wir waren davon überzeugt, dass wir Zeitgeschichte schreiben und uns für das Überleben des schweizerischen Staatswesens einsetzen mussten. Endlose kontroverse – und oft natürlich völlig unfruchtbare – Diskussionen im Studentenrat lösten sich ab mit Flugblattaktionen für und gegen alle möglichen und unmöglichen Ziele und Projekte. Rückblickend glaube ich allerdings schon, dass der Studenten-Ring eine nützliche und wichtige Funktion erfüllt hat: wir haben die rot-linken Fanatiker daran gehindert, die Kontrolle der Institutionen zu übernehmen. So konnten in Zürich chaotische Entwicklungen verhindert werden, wie sie an vielen deutschen Universitäten zu beobachten waren.

Der Studenten-Ring war eine glaubwürdige und vertrauenswürdige Alternative zur Linken für Kommilitonen, die sich studen­tenpolitisch und mittelbar auch staatspolitisch engagieren wollten. Letztlich waren wir eine – sehr heterogene – Gruppe von Freunden, die fundamentale Werte und eine Vorstellung des Staatswesens teilten. Wir fühlten uns berufen und verpflichtet, den Linken Widerstand gegen ihre Ideen und Projekte sowie eine vernünftigere, solidere Alternative entgegenzusetzen. Dass die führenden Exponenten unserer damaligen Gegner in späteren Jahren in höchste Ämter und Würden in Politik und Wirtschaft in einer marktwirtschaftlich getragenen Schweiz aufsteigen würden – so zum Beispiel ein geläuterter Thomas Held zum Leiter des dezidiert marktwirtschaftlich orientierten Think Tanks «Avenir Suisse» –, hätten wir uns 1968 auch in unseren wildesten Träumen nicht vorstellen können.


Stephan Schmidheiny
ist ein Schweizer Unternehmer und Philanthrop. Er wuchs in Heerbrugg auf, besuchte die Kantonsschule Trogen und studierte Rechtswissenschaften an der Uni Zürich.