Erfolg ist nicht gleich Glück

 

Das mit dem Bestsellerschreiben hat ja schon mal ganz gut geklappt. Mein neuster Roman «Blind» – wegen dem ich den Job hingeschmissen, meinen Besitz weggegeben und meine Wohnung gegen ein WG-Zimmer getauscht habe – ist in der Schweiz bis auf Rang zwei der Bestsellerliste geklettert und kurz sogar auf der «Spiegel»-Bestsellerliste gelandet. Hurra, jubeln meine Freunde. Hurra, juble ich. Doch der Jubelschrei bleibt mir im Halse stecken, und ich fühle mich undankbar deswegen. Ist nicht soeben ein Traum in Erfüllung gegangen? Ich sollte der glücklichste Mensch auf Erden sein! Doch Erfolg ist eben nicht gleich Glück. Denn Erfolg bedeutet in meinem Fall: Stunden mit dem Beantworten von E-Mails zu verbringen. Eine Agenda, die mit Terminen für Leseauftritte überquillt. Ein Agent, der auf das Exposé für den übernächsten Roman drängt. Mein nächster Job als Hundesitter auf Bali? Ich habe ihn abgesagt, weil ich an ein Literaturfestival in Hamburg geladen wurde.

Dabei würde ich viel lieber auf einer Insel sitzen und einfach schreiben. Meine Freiheit, die ich mir mit dem Loslassen von Job und Wohnung erkämpft habe, bröckelt. Ich bin eingebunden, angebunden, unfrei. Kürzlich traf ich eine Freundin, die letztes Jahr mit einem Bestseller den Durchbruch schaffte. Sie war müde, ausgebrannt und hatte Verträge für vier ungeschriebene Bücher im Sack. Spätestens da wurde mir klar: Ich muss etwas ändern. Denn mit dem Glück ist es ähnlich wie mit dem Erfolg: Es kommt nicht ganz von alleine. Man muss etwas dafür tun. Oder andersherum, man muss sich fragen: Wer bin ich, um etwas, das ich tun will, nicht zu tun? Ich habe soeben mein WG-Zimmer gekündigt. Ich bin daran, meine Sachen wegzugeben, die ich beim letzten Mal noch behalten habe. Und ich habe meinem Verlag gesagt, dass ich ab November für mehrere Monate nicht verfügbar sei.

Das Leben ist wie eine Geschichte. Wir sind die Autoren, die sie schreiben. Und schreiben nicht wir sie, laufen wir Gefahr, dass es die anderen tun.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»