Erfindung und Entbehrung

Begriffsklärung III: «Nachhaltigkeit»

Der Begriff Nachhaltigkeit entstammt der Forstwirtschaft (um 1900) und bedeutet dort, dass nicht mehr geerntet wird als nachwächst. Heute steht das Wort für eine Art Umweltreligion, die mehr und mehr irrationale Züge annimmt. Das Prinzip der «nachhaltigen Entwicklung» wurde 1987 von der Uno-Weltkommission für Umwelt und Entwicklung unter der sozialistischen Vorsitzenden Gro Harlem Brundtland entworfen. Es lautet in Kurzform: Nachhaltig ist eine Entwicklung, wenn sie «die Bedürfnisse der Gegenwart deckt, ohne zukünftigen Generationen die Grundlage für deren Bedürfnisbefriedigung zu nehmen».

Im Jahre 1992 wurde auf der Uno-Konferenz in Rio de Janeiro die sogenannte Agenda 21 von 179 Staaten verabschiedet, wobei, nebenbei bemerkt, die Bürger in diesen Ländern nicht befragt wurden. Die Agenda bildet den Handlungsrahmen für nachhaltige Entwicklung der deutschen Bundesregierung sowie des Amsterdamer Vertrages der EU, der alle Mitglieder zur Durchsetzung zwingt. Das Dokument enthält mehrere tausend Anweisungen, die nach und nach alle Lebensbereiche der Bürger regeln sollen. Seither sind, neben dem bürokratischen Moloch der «Uno-Kommission für Nachhaltige Entwicklung», unzählige weitere Institutionen eingerichtet worden, die sich alle für die nachhaltige Entwicklung einsetzen wollen.

Das war absehbar, geht es doch um den Aufbau einer riesigen Machtfülle (bis hin zu einer Öko-Weltregierung) und um Steuern, Subventionen und Geschäfte im Umfang von Tausenden von Milliarden. Mit der Doktrin der nachhaltigen Entwicklung wird nahezu jeder Staatseingriff zur heiligen Handlung und jeder beliebige Kostenbetrag zum geweihten Opfer. Neben der Machtgier und der Aussicht auf Billionen-Pfründe gibt es jedoch auch ideologische Motive, die dem Konzept der nachhaltigen Entwicklung eine fast schon religiöse Dynamik verleihen. Erstens wird behauptet, die Welt werde bald keine nichterneuerbaren Ressourcen mehr haben. Zweitens heisst es, die Zukunft der Erde sei vom Klimawandel bedroht. Und drittens wird die Meinung vertreten, Nachhaltigkeit sei nicht nur aus Gründen unserer Existenzerhaltung notwendig, sondern auch aus Gründen der moralischen Verpflichtung gegenüber zukünftigen Generationen.

Genau besehen, ist die Konzeption der nachhaltigen Entwicklung ein völlig falsches Theoriegebäude, das auf unbeweisbaren Hypothesen und irrigen Annahmen beruht. Der US-Wissenschafter Jerry Taylor nennt es «Unsinn auf Stelzen». Weder können «nachhaltige» Mengen des gegenwärtigen und künftigen Verbrauchs und Bedarfs benannt werden, noch lässt sich ein Zeithorizont bestimmen, noch kann definiert werden, was «natürliche Ressourcen» sind, denn deren Art, Vorkommen, Bedarf, Verbrauch und Erzeugung hat sich in den letzten 100 Jahren (und in der gesamten Menschheitsgeschichte) dramatisch verändert. Ressourcen sind – richtig besehen – gar nicht «natürlich», sondern ein Produkt des menschlichen Erfindergeistes in Verbindung mit Technik, Wissenschaft und Investitionen. Deshalb ist der Vorrat an physischen Ressourcen auch im Zeitablauf nicht knapper geworden, sondern reichlicher.

Bevor etwa entdeckt wurde, dass mit Öl Energie erzeugt werden kann, war Erdöl eine Katastrophe für denjenigen Landbesitzer, bei dem es aus der Erde trat. Es tötete das Vieh und machte den Ackerbau unmöglich. Erst mit dem Fortschreiten des menschlichen Erfindergeistes wurde und werden mehr und mehr Substanzen zu Ressourcen, die vorher keine waren. Eine heute erzwungene Begrenzung des Erdölverbrauchs würde uns alle ärmer machen – und somit auch unsere Nachfahren. Und das alles um einer Substanz willen, die in 100 Jahren vielleicht gar nicht mehr benötigt wird. Armut ist kein Nachhaltigkeitsprogramm. Innovationen erfordern Investitionen, und Investitionen erfordern Reichtum, also Kapital. Wenn wir den Reichtum senken, um Ressourcen zu schonen, senken wir die Investitionen und damit auch die Innovationen. Auf diese Weise kann es geschehen, dass wir als Folge kurzfristiger Einschränkungen den langfristigen Konsum einer Ressource nach oben treiben. Um wie viel höher wäre beispielsweise unser heutiger Bedarf an Kupferdraht, wenn unsere Vorfahren das Telefonieren unterdrückt hätten, um Kupfer zu sparen – und wenn sich als Folge davon die Telefon- und Kommunika­tionstechnik nicht durch zahlreiche Innovationen dramatisch verändert hätte.

Genausowenig wie vergangene Generationen «auf unsere Kosten» gelebt haben, leben wir heute auf Kosten unserer Nachfahren. Diese werden den Lebensstandard und die technischen, medizinischen und hygienischen Errungenschaften schätzen, die wir hervorgebracht haben. Und sie werden viel wohlhabender sein als wir (vorausgesetzt, die freien Märkte können weiter wirken und werden nicht vom Wahn der nachhaltigen Entwicklung erstickt). Wenn unsere Ahnen vom Prinzip der nachhaltigen Entwicklung geleitet worden wären, dann hätte es weder Bergbau noch Industrie gegeben. Wenn man schon bei der Kohle auf «Nachhaltigkeit» bestanden hätte, dann würden wir heute noch mit Pferdewagen Güter und Menschen transportieren, und die Hälfte der Menschheit wäre verhungert und an Seuchen gestorben (oder gar nicht erst geboren worden). Für uns wäre das Leben genau so trist und entbehrungsreich wie für unsere Kinder, Enkel und Urenkel.

Wir können nicht wissen, welche Ressourcen künftige Generationen benötigen werden. Wenn unsere Vorfahren gefroren hätten, um uns mehr Kohle zu hinterlassen, dann würden wir heute darüber lachen, denn wir brauchen sie kaum noch. Warum also sollen wir heute Opfer bringen, obwohl vieles, was wir heute benötigen, in Zukunft unerwünscht ist oder in weit geringerem Umfang (oder gar nicht mehr) gebraucht wird. So wenig die Menschen früherer Zeiten wissen konnten, welche Ressourcen wir Heutigen benötigen (beispielsweise Aluminium für Autos, oder Uran für Atomstrom, oder Platin für Katalysatoren) – und wie viel davon , so wenig können wir wissen, was in 50, in 100 oder gar in 1000 Jahren gebraucht wird – und wie viel davon.

Auch bei Ressourcen, die über längere Zeiträume benötigt werden, lernen wir mit Hilfe des technischen Fortschritts, wie eine bestimme Menge an Energie aus einer immer kleineren Ressourcenmenge gewonnen werden kann. Die ersten Dampfmaschinen hatten einen Wirkungsgrad von nur zwei Prozent. In seinem Weltklassiker «The Ultimate Resource II» hat Julian Simon gezeigt, dass die statistische Geschichte der Energieerzeugung eine Geschichte des wachsenden Überflusses ist, nicht der zunehmenden Knappheit. Über die Jahrhunderte sind die Energiepreise – für Kohle, Erdöl und Elektrizität – gesunken statt gestiegen, und zwar sowohl relativ zu den Arbeitskosten als auch relativ zu den Konsumgüterpreisen (zwischenzeitlich eingetretene Steigerungen waren fast immer das Ergebnis staatlicher Eingriffe und Steuern sowie der Wirkungen der vom Staat und seinem Papiergeldsystem erzeugten Inflation).

Wie fortschreitende Technik auch als regelrechter «Öko-Retter» funktioniert, kann bei der amerikanischen High-Tech-Landwirtschaft beobachtet werden. In ihrem Buch «Das Mephisto-Prinzip» zeigen Maxeiner und Miersch, dass sich dort die landwirtschaftliche Produktivität im 20. Jahrhundert vervierfacht hat – und dass sich zugleich die bewirtschaftete Fläche um 80 Millionen Hektar verringert und die Wälder sich um 40 Millionen Hektar ausgedehnt haben. Wäre der Rest der Welt ebenso produktiv, dann würde weltweit nur die Hälfte des Landes gebraucht werden, das derzeit bearbeitet wird. Stattdessen sind unproduktive Kleinbauern in der Dritten Welt gezwungen, die Tropenwälder abzubrennen. Auch sind die grossen Hungersnöte des 20. Jahrhunderts nie und nirgendwo aufgrund von «Marktversagen» oder «zu hohem Verbrauch» aufgetreten, sondern durch sozialistische Politik.

In den letzten 50 Jahren wurde deutlich: Je höher entwickelt, je freier und reicher marktwirtschaftliche Länder sind, desto besser sind ihre Umweltstandards. Die schlimmsten Umweltverschmutzer waren die sozialistischen Staaten des vormaligen Ostblocks. Auch derzeit zeigen Satellitenaufnahmen überall auf dem Globus Umweltkatastrophen auf staatlichem Land, während Privateigentümer ihr Land grün und sauber halten. Armut und Sozialismus sind nicht nur menschliche Tragödien, sondern auch die schlimmste Umweltverschmutzung. In industriell wenig entwickelten Staaten roden Menschen die Wälder aus schierer Armut und verschmutzen Luft und Wasser in Ermangelung entsprechender Technik. Die Entwicklungsländer müssen Wohlstand schaffen, um aus diesem Teufelskreis herauszukommen. Deshalb müssen wir unsere Grenzen für ihre Waren öffnen und ihre Konkurrenz ertragen. Freie Marktwirtschaft und freier Handel sind die beste Nachhaltigkeit, die wir schaffen können.

Wenn wir eine moralische Verpflichtung gegenüber kommenden Generationen haben, dann ist es die, ihnen eine freie und friedliche und somit auch wohlhabende Welt zu hinterlassen. Was die politischen Eliten und die in deren Windschatten navigierenden Sonderinteressen-Lobbys und Parasiten-Organisationen unter «Nachhaltigkeit» verstehen und unter diesem Schlagwort an Beschränkungen und Kontrollen, Verboten und Steuern, bürokratischen Fesseln und Eigentumsverletzungen vorhaben, steht dem diametral entgegen.

Roland Baader, geboren 1940, ist Nationalökonom und Autor, unter anderem von «Markt oder Befehl» (2007). In seinen vorhergehenden Kolumnen hat er sich mit den Begriffen «Freiheit» und «Sicherheit» befasst.

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