er wird kommen

das telephon läutet dreimal. zweimal. dann einmal. seit 7 tagen sitze ich zwischen 14 und 16 uhr zu hause und warte auf dieses zeichen. ich brauche mich gar nicht zu beeilen. wir haben zeit bis zur abenddämmerung; jetzt im sommer kommt sie recht spät. ich setze mich hin, um einen brief an e. zu schreiben. […]

das telephon läutet dreimal. zweimal. dann einmal. seit 7 tagen sitze ich zwischen 14 und 16 uhr zu hause und warte auf dieses zeichen. ich brauche mich gar nicht zu beeilen. wir haben zeit bis zur abenddämmerung; jetzt im sommer kommt sie recht spät.

ich setze mich hin, um einen brief an e. zu schreiben. um ihr zu danken für ihre liebe – wild und loyal. das wird ein kurzer brief. wir haben uns immer verstanden – ohne große erklärungen. ich werde sie mit einem ihrer kosenamen ansprechen und ihr sagen, daß ich sie vermissen werde.

ich ziehe mich an; genau das, was ich gestern anhatte. nur die unterwäsche muß sauber sein, für alle fälle. das hemd habe ich gestern gewechselt; ich kann es heute noch anziehen. dann die gewohnte weste, auch wenn es heute warm ist; ich will geschützt sein. zuerst aber alle taschen leeren und durchsuchen; es darf nichts falsches dabeisein.

zwei taschentücher in den hosentaschen. das linke taschentuch ist eine art reserve für alle fälle; für gewöhnlich putze ich damit meine brille. das rechte ist ein schneuztuch. in der brusttasche des hemdes trage ich nie etwas; es stört.

die weste: ihre linke tasche unten ist und bleibt für meine taschenuhr reserviert. ich werde sie für heute mit silberputzmittel polieren. ich öffne den deckel und putze sie auch innen. ein blick auf das foto. ich bin vier jahre alt mit einem läuseschnitt. ich klappe den deckel zu, ziehe die uhr auf, streichle mit der innenfläche der rechten hand über die seite mit den zeigern und stecke sie in die linke westentasche.

rechte tasche unten; hier ist der platz für das kleingeld. linke tasche oben; für die geldscheine. ich zähle sie. auf dem konto ist ein wenig geld. ich werde unterwegs geld abheben. ich will heute das gefühl haben, daß ich geld ausgeben kann, wie ich will.

die rechte tasche oben; sie ist für rechnungen und notizen vorgesehen. heute brauche ich keine rechnungen mehr aufzubewahren. und endlich: ein tag ohne notizen.

ich ziehe die jacke an. rechte innentasche: zuständig für kalender und adreßbuch. die adressen brauche ich nicht mehr und auch die eintragungen für die nächsten tage nicht.

linke innentasche: die brieftasche. ich öffne sie und nehme alles heraus. die monatskarte für straßenbahn, bus und u-bahn; ich werde nur zu fuß gehen, ich habe zeit. die kreditkarten? ich zerschneide sie in zwei teile und werfe sie ebenfalls auf den tisch. ich werde niemandem mehr meine visitenkarte in die hand drücken; ich lege sie auf den stapel im regal. auch auf die schecks kann ich verzichten. im postamt, wo ich seit über 30 jahren ein postfach habe, kennt man mich, und ich kann bis 400,- dm abheben, auch ohne ausweis. dann der journalistenausweis, der sozialversicherungsausweis, der ausweis für die städtischen bibliotheken, der mitgliederausweis der industriegewerkschaft medien, der ausweis für die staatsbibliothek; heute besteht kein ausweiszwang für mich. das kinderfoto in meiner taschenuhr reicht – selbst für die polizei.

die kleine tasche oben links: die bahncard brauche ich nicht; ich bleibe ja in der stadt. auch die telephonkarte lege ich ab; heute telephoniere ich nicht. ich hasse das telephon. ich werfe die karten einzeln und achtlos auf den tisch. ich will sehen, wo sie landen und wie sie dann zueinanderliegen; vielleicht entsteht daraus ein bild; eine art tarot.

ich taste meine jacke von außen ab. der kugelschreiber steckt noch in der passenden tasche, links oben. ich ziehe ihn heraus und lege ihn quer auf den notizblock. heute unterschreibe ich nichts persönliches. im postamt hängt ein billiger kugelschreiber, den ich ansonsten verschmähe.

vor der tür stehen meine schuhe; ich ziehe sie an. rechts auf dem heizkörper liegt der schlüssel für mein postfach; ich stecke ihn ein. ich kann ja noch einmal meine post abholen, sie dann in einem café öffnen wie jeden anderen tag; und vielleicht ist auch ein schöner brief dabei.

bevor ich die tür öffne, erst einen blick durch den spion. dann erst drehe ich den schlüssel um; ich sperre die tür immer von innen ab. ich trete hinaus. ich will die tür von außen absperren. aber ich lasse es; heute will ich alles ändern. brauche ich den wohnungsschlüssel noch? in jede hose habe ich eigens für diesen schlüßel eine kleine tasche annähen lassen, innen, von außen unsichtbar. ich gehe einen schritt zurück und schaue auf die geschlossene tür. die blaßblaue farbe blättert ab. ich beschließe auf diese häßliche tür zu wichsen; ich will mich von ihr verabschieden. ich öffne die hose, hole meinen schwanz heraus und schließe die augen. ich nähere mich der tür, die spermatropfen rinnen jetzt langsam hinunter. ich stecke meinen schwanz in die hose, kehre meiner tür endgültig den rücken und gehe den gang entlang. ich beschließe zu fuß runterzugehen. ich wollte heute ja alles anders machen.

alle meine taschen sind leer. bis auf die kleine, eingenähte tasche in der hose, innen. dort steckt jetzt der postfachschlüssel. den schlüssel zur wohnung halte ich in der hand. ich öffne die haustür, ein blick nach rechts und einer nach links. ich wende mich nach rechts und gehe zum nächsten briefkasten. ich küsse den namen auf dem umschlag und werfe ihn ein. ich überquere die straße und entdecke einen mülleimer, für meinen wohnungsschlüssel.

ich gehe an einem meiner cafés vorbei: angela, die kellnerin, mit rotem, kräftigen haar und vollen lippen. von kleinem wuchs und resolutem schritt. ihr arsch wackelt so, als ob sie damit stühle umwerfen wollte. kleine, feste brüste, die immer zittern. ihre augen sind blaßblau, spermatriefend.

ich gehe weiter und denke mir eine liebesszene mit ihr aus. die anfangsszene will mir nicht einfallen. ich wechsle die straßenseite. ich stecke beide hände in die hosentaschen und befühle zwei saubere taschentücher.

im postamt öffne ich das postfach: zeitschriften, zeitungen, rechnungen. ich lasse sie dort liegen. nichts soll auf eine mögliche identität hinweisen. ein einziger brief ist dabei, eine unbekannte absenderin aus leipzig.

ich hebe geld ab, ohne ausweis, ohne probleme. die frau kennt mich, und wir wechseln ein paar wörter miteinander. ich verlasse das postamt mit geld in der tasche; jetzt muß ich nur noch den postfachschlüssel loswerden. ich beschließe, den schlüssel in einen briefkasten zu werfen. doch nicht in den vor dem postamt. denn der wird stündlich geleert. vielleicht kommt jemand auf die idee, daß es mein schlüssel wäre. an der nächsten ecke finde ich einen briefkasten.

ich trage nichts in den taschen außer geld, zwei sauberen, gebügelten taschentüchern, meiner taschenuhr mit meinem kinderfoto und den brief einer unbekannten. ich werde ihn natürlich zerreißen, nachdem ich ihn gelesen habe. denn auch er könnte auf eine mögliche identität hinweisen. und das kinderfoto in meiner taschenuhr? kann mich jemand anhand dieses fotos identifizieren? ich will mich von diesem foto nicht trennen.

jetzt muß ich nur ein café finden, um meinen espresseo zu trinken und meine post zu öffnen. heute werde ich keine zeitung lesen, um noch ein ritual abzulegen. seit jahren pflege ich jeden tag eine andere zu lesen; um nicht die treue zu entwickeln, die viele menschen zu einer zeitung haben. ich denke nach, wo ich heute meinen espresso nehme? ich beschließe in ein café zu gehen, das ich nicht kenne. ich beschließe in ein anderes stadtviertel zu gehen, wo ich nie gewesen bin.

ein café; gutbürgerlich mit freien plätzen an den fenstern. wahrscheinlich ist hier der espresso miserabel. doch die lage und die ruhe im café gefallen mir. vor allem: keine musik, diese aggressive berieselung. ich suche mir einen platz am fenster. eine richtige dame mit herrlichem tschechischen akzent bedient mich. am liebsten hätte ich mit ihr diniert und sie reden lassen, um diesen akzent zu genießen. sie ist mitte vierzig, kann viel erzählen, zärtlich zuhören und hat bestimmt geschmack.

ich trinke den espresso, zerreiße den brief ungelesen und lege die fetzen ordentlich aufeinander.

ich rufe meine dame und bitte um zigaretten und streichhölzer. wir kommen ins gespräch. sie stammt aus marienbad. ich erzähle ihr, daß ich einen tag in marienbad verbracht habe. sie hört zu, aufmerksam. dann entschuldigt sie sich; sie muß an anderen tischen bedienen.

ich zünde mir eine zigarette an und beobachte durch das fenster die passanten. die meisten rasen. weil sie bepackt sind? weil sie ein schlechtes gewissen haben? ich werde es wohl nie erfahren. ich weiß nur, daß sie glücklich sind, weil sie da sind. und daß sie häßlich sind, in der mehrzahl; viele gähnen. und dann ihr gang. die männer haben überhaupt keinen eignen gang. die frauen sind eigenständiger. aber meist wird ihr gang von ihrem arsch bestimmt. dann will der gang nur aufgeilen und wird häßlich dadurch. dennoch sie sind glücklich, ohne zu wissen, warum. ein alter mann taucht in meinem blickfeld auf. er hat einen eisbecher in einer hand, in der anderen trägt er in einer stofftasche seinen einkauf. das eis ist riesig. der mann streckt die zunge weit hinaus und leckt den eisberg, genüßlich und langsam.

ich wende mich meiner dame aus marienbad zu. sie stolziert zwischen den tischen, ohne mit dem arsch zu wackeln. ich beschließe ihr viel trinkgeld zu geben. aber ich verwerfe sofort diesen gedanken; es könnte ja anzüglich wirken.

ein schnösel tritt ein, das haar geölt und gefettet, der gang von hollywood entliehen. er setzt sich,

winkt, bestellt, holt sein handy heraus und redet laut.

exakt in diesem augenblick fängt ein kind zu plärren an. bis jetzt hatte ich das kind gar nicht wahrgenommen. es ist winzig, mit blauen augen. und es plärrt so laut, daß mir die ohren wehtun.

die mutter ist groß und schön. sie hat langes, braunes haar. die kräftigen beine hat sie übereinandergeschlagen. sie blättert in einer illustrierten und nippt an ihrem kaffee. sie läßt sich weder von ihrem plärrenden kind stören, noch versucht sie es zu beruhigen.

der mann mit dem handy redet weiter.

ich lege geld auf den tisch, stehe auf und verlasse das café. im windfang bleibe ich stehen und pisse; dabei schaue ich auf die plakate, die an der wand angeschlagen sind. die pisse läuft warm meine beine hinunter, dringt in die socken und in die schuhe. ich gehe hinaus und biege die straße links hinunter. ich bleibe vor einem fotogeschäft stehen, stecke beide hände in die hosentaschen und und betrachte die fotos. menschen, die sich in posen werfen, die das glück darstellen sollen und die die menschen entstellen.

ich greife in die linke obere westentasche; ich könnte das geld in einen briefkasten werfen. aber heute habe ich die briefkästen genug belastet. verschenken? es würde nach angeberei aussehen. ich muß mit dem geld etwas kaufen; etwas unwichtiges, unnützes.

meine schuhe. ich hasse schuhe, ich habe sie immer gehaßt. ich ziehe die schuhe aus und auch die socken. ich stopfe sie in die schuhe, die ich mit dem schnürsenkel zusammenbinde. ich hänge den senkel über den mittelfinger der linken hand und gehe los. ich schwenke die schuhe hin und her bis der nächste briefkasten auftaucht; ich drücke sie mit gewalt hinein. ich löse meine krawatte und öffne die knöpfe meiner weste. die krawatte hängt an beiden seiten herunter wie eselsohren.

ich könnte etwas zum essen kaufen; ich habe aber keinen hunger. ich werde seide kaufen, in weiß. ich liebe weiße seide. ich muß diesen stoff fühlen und seine wärme. bald finde ich ein geschäft. davor steht eine telephonzelle; ich weise den gedanken von mir. ich gehe ins geschäft und finde weiße seide. ich zeige der verkäuferin mein ganzes geld. sie ist alt und würdig. sie fragt nicht, mißt den stoff ab und verkauft ihn mir. ein paar münzen bleiben übrig. ich wage es nicht, der verkäuferin den rest als trinkgeld zu geben. ich verneige mich vor ihr und sage «adieu», sie lächelt und sagt: «auf wiedersehen!». ich beuge mich vor, lege meinen zeigefinger auf ihren mund und sage gedehnt «adieu». sie nickt, ohne ihre würde zu verlieren. ich verneige mich wieder und verlasse sie. ich behalte die münzen in der hand.

ich lege den stoff um die schulter. er ist lang und reicht mir bis zu den hüften. ich schaue bestimmt aus wie die witwen im süden, aber in weiß. draußen wieder die telephonzelle. ich schaue zum himmel auf, es ist noch viel zeit bis zur dämmerung. ich schlendere die straße hinunter. die krawatte ist gelöst, die weste offen, ich bin barfüßig, mit dem schönen weißen schal um die schultern, und klimpere mit den münzen in der hand.

ich trete in die nächste telephonzelle ein. ich hebe den hörer ab, werfe die münzen ein und wähle die nummer. ich lasse dreimal klingeln, drücke auf stopp. dann drücke ich den knopf wiederholen und lasse zweimal klingeln. wieder stopp. diesmal lasse ich nur einmal klingeln. ich tippe kurz auf die gabel und lege den hörer auf das bord oberhalb des apparats.

ich öffne die zellentür und trete hinaus. eine kühle brise trifft mich; ich fröstele. ich wickle den weißen seidenschal fester um mich.

(dezember 1997)

«MONAT für MONAT
eine sinnvolle Investition.»
Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
über den «Schweizer Monat»