Er will packen mit der Gewalt des Affects

«Eine Untersuchung über Wesen und Entstehung des Barockstils in Italien» lautet der Untertitel der erstmals 1888 erschienenen Studie «Renaissance und Barock», eines kunsthistorischen Klassikers aus der Feder des 1864 in Winterthur geborenen Heinrich Wölfflin. Der 1945 verstorbene Schüler Jacob Burckhardts lässt allerdings kaum einen Renaissancepalast, kaum eine Barockkirche ausserhalb der Hauptstadt als stilgeschichtlich bedeutsam gelten. Italien ist für ihn Rom – und sonst fast gar nichts. Mit seiner frühen Habilitationsschrift wollte der rasch berühmt gewordene Gelehrte, der seit 1893 die wichtigsten Lehrstühle seines Faches bekleidete – Basel, Berlin, München und Zürich –, einen Beitrag zur Stilgeschichte liefern, nicht, wie er mehrfach betont, zur Künstlergeschichte. Und bis heute gilt: Wer in Sachen Architektur ernsthaft von «Renaissance» oder «Barock» spricht, kommt um die Lektüre nicht herum. Wer Rom gut kennt, dem fällt sie leichter.

Wölfflin geht es nicht ums Detail. Am Beispiel der Werke von Bramante, Raffael, Peruzzi, Sangallo, Vignola, Giacomo della Porta, Carlo Maderna und immer wieder Michelangelo zeigt er «Formentwicklungen» auf. Er möchte, in einer Zusammenschau von Kulturgeschichte, Kunstpsychologie und ästhetischer Interpretation, das «bestimmende künstlerische Gesetz» der Epoche in Worte fassen. Wölfflin erläutert den Übergang von der formstrengen Architektur der Renaissancezeit zum «Freien und Malerischen» der Barockbauten, wobei er sich auf die erste, für ihn bis ins Jahr 1630 reichende Periode des römischen Barocks beschränkt.

Für Wölfflin ist die Renaissancekunst eine solche des «schönen ruhigen Seins», während der Barock ganz anders wirke: «Er will packen mit der Gewalt des Affects, unmittelbar, überwältigend.» Nicht Sein also, sondern Geschehen, nicht harte und eckige, sondern weiche und runde Formen, und bei den Kirchenfassaden nicht mehr «das vollkommene Gleichgewicht von Füllung und einschliessender Form», sondern ungegliederte, nach oben drängende, aus jeglichem Rahmen quellende stoffliche Masse. Die einstige «Harmonie der Proportionen» wird abgelöst durch ein «auf das Unendliche gerichtetes Raumgefühl».

Warum aber dieser Wandel? Stil sei immer «Ausdruck seiner Zeit», und die Baukunst versuche auszudrücken, «was der Mensch sein möchte». Niemals schaffe die Technik allein einen Stil – der «Formgeschmack» einer bestimmten Zeit, ein Ideal von Körperlichkeit ginge ihr immer voraus. Im Rom des 16. Jahrhunderts mit seiner neuentfachten Religiosität des Jesuitismus habe man nach dem Unendlichen, Überwältigenden und Berauschenden verlangt. Sozialgeschichte der Kunst ist das noch nicht. Ein Ansatz vielleicht? Dass Wölfflin den Nationalsozialisten als Wegbereiter einer völkischen Kunstgeschichte erschien, kann man heute jedenfalls weit weniger einsehen als manche Kritik von Kollegen wie Arnold Hauser oder Erwin Panofsky, die ihm vorwarfen, die Vielfalt der Stile und die Bedeutung der Künstlerpersönlichkeiten nicht gebührend zu würdigen.

Wölfflins seit je umstrittene Kategorien sind als kunstgeschichtliche Grundbegriffe überholt. Dies mindert jedoch die Faszination der Lektüre seiner kraftvollen, klaren und für einen jungen Mann ganz erstaunlich selbstsicheren Schrift nicht im geringsten. Schön, dass sie als preiswertes Taschenbuch vorliegt. Weniger schön, dass sie gänzlich unkommentiert bleibt. Mehr als 120 Jahre nach ihrem ersten Erscheinen sollte vieles einzelne näher erläutert werden, und vor allem müsste man Wölfflin und seinen frühen Klassiker in die seitherige Entwicklung der Kunstwissenschaft einordnen. Ohne Kommentar muss sich auch der Kenner alleingelassen fühlen. Schade.

Heinrich Wölfflin: «Renaissance und Barock. Eine Untersuchung über Wesen und Entstehung des Barockstils in Italien». Basel: Schwabe, 2009

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