Er redet und redet und redet

Man nimmt sich ein paar Tage frei, schaut sich das Städtchen seiner Kindheit an, lässt Erinnerungen aufleben – was könnte normaler sein? Wer freilich sich dabei als angesehener Photograph ausgibt und dennoch in einer offenen Bootshütte nächtigt, die er notdürftig mit ein wenig Schilf ausgelegt hat, erweckt doch ein wenig Misstrauen. Wer dann in dieser Hütte spricht und spricht und spricht, damit nämlich die Marder nicht kommen, dem glaubt man wenig.

Schnell wird klar, dass der Landstreicher lügt, aus dessen Perspektive Otto F. Walter seinen Roman «Herr Tourel» überwiegend erzählt, der jetzt in einer Neuauflage erschienen ist, knapp ein halbes Jahrhundert nach seiner Erstveröffentlichung. Immer wieder kündigt dieser Tourel an, die Behauptungen seiner Verleumder zu widerlegen. Immer wieder liefert er dabei genau die Informationen, die sie bestätigen. Bald weiss man, welches Unheil Tourel ein Jahr zuvor in dem fiktiven Ort angerichtet hat, der durchaus zurecht den Namen Jammers trägt. Seine Erzählungen von der monatelangen Herumtreiberei, die zwischen den beiden Aufenthalten liegt, machen schnell klar, dass da kein anspruchsvoller Photograph sich einige Städte auf der Suche nach einem geeigneten Atelier anschaut. Vielmehr hält sich ein nicht besonders sympathischer Kleinkrimineller durch eine Reihe von Gemeinheiten über Wasser.

Da redet sich einer, der sich verteidigen will, um Kopf und Kragen, und das Vergnügen ist, ihn dabei zu durchschauen. Geredet wird überhaupt viel. Tourel gibt auch das wieder, was er auf seinen Gängen durch Jammers hört. Dies sind die sprachlich vielleicht stärksten Passagen des Romans: wie Walter ohne plumpen Naturalismus den Gestus des Mündlichen nachgestaltet, wie er allein durch den Rhythmus ihrer Sprachen die Charaktere vermittelt, das ist beispielhaft. Dies ist wohl der Grund, weshalb man diesem Tourel über fast 300 Seiten zu folgen bereit ist. Er ist ein autoritärer Hallodri (eine gar nicht so seltene Kombination), er ist Rassist, Dieb, Brandstifter, gewissenloser Verführer – aber er weiss zu beschreiben, die Menschen, die Situationen und den Ort. So lässt Walter seinen Tourel das Zementwerk schildern, das optisch und sozial die Stadt beherrscht. Die düster-schöne Fabrik gerät dabei so überzeugend wie man auch den Staub, den sie erzeugt und der den ganzen Ort bedeckt, beinahe vor sich sieht. Die sozialen Verhältnisse in der Produktion erscheinen ebensogenau: das Oben und Unten, und wie eine spontane, dezidiert antipolitische Revolte – in der Tourel eine unklare, doch jedenfalls destruktive Rolle spielt – zu einer Verschlechterung der Zustände führt.

In einem instruktiven Nachwort gibt Peter von Matt einen Überblick zu den verschiedenen Zeitebenen des Romans und informiert über die zeitgenössische Rezeption. Nachdem 1959 Walters Erstling «Der Stumme» von Kritik und Lesern beifällig aufgenommen worden war, stiess 1962 «Herr Tourel» auf einen eher reservierten Empfang. Zu hoch waren die Ansprüche, die der Autor an sein Publikum stellte.

Heute gelesen, leuchtet das nur teilweise ein. Die inneren Monologe einer von Tourel verführten Frau sind zwar zuweilen mühsam zu lesen, auch scheint hier die Erzählperspektive nicht immer ganz konsequent. Wirken diese Abschnitte wie eine mittlerweile altbacken gewordene Moderne, so stellen die harten Schnitte in der Wiedergabe des städtischen Geredes heute keine Schwierigkeit mehr dar. Die Neuausgabe bietet die Chance, ein seinerzeit unterschätztes Buch kennenzulernen.

vorgestellt von Kai Köhler, Berlin

Otto F. Walter: «Herr Tourel». München: Nagel & Kimche, 2008

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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