Entsprechen ist alles

Vorabdruck aus Martin Walsers Buch «Der Augenblick der Liebe»

«Der Augenblick der Liebe» ist nach «Schwanenhaus» und «Jagd» Martin Walsers drittes Buch, in dem der Immobilienmakler Dr. Gottlieb Zürn im Mittelpunkt steht. Vor zwanzig Jahren hatte Gottlieb Zürn zwei Aufsätze über La Mettrie publiziert. Überraschend wird er jetzt zu einem Kongress über den Philosophen nach Amerika eingeladen und entwirft einen Vortrag unter dem Titel «Entsprechen ist alles». Vermittelt wird diese Einladung durch eine Doktorandin, die Gottlieb Zürn besuchte, da sie sich in ihrer Doktorarbeit mit der Rezeption La Mettries in Deutschland beschäftigt. Die wirklichen Motive der Einlandung sind eher persönlicher denn sachlicher Art. Im Folgenden lesen Sie den Text, den Gottlieb Zürn in Berkeley vortragen wird, dann allerdings auf Englisch unter dem Titel: «Be Adequate». «Der Augenblick der Liebe» wird 2004 erscheinen. (Red.)

Es war einmal ein Verbrechen zu sagen, es gebe keinen Gott. Und die, die das sagten, meinten nur, es gebe den Gott nicht, der verkündet wurde, gelehrt wurde, an den zu glauben Pflicht war, höchste Pflicht. Und wenn es den nicht gab, gab es überhaupt keinen. Das war die furchtbare Folge der Einschränkung des Göttlichen auf diesen kirchlich verschriebenen Mastergott. Und die Philosophie war die Magd der Theologie. Primus motor immobilis. So durfte man ihn schon nennen. Dann kam La Mettrie, der alles, was bisher Gott zugeschrieben worden war, der Natur zuschrieb. Der entscheidende Unterschied zwischen Gott und der Natur: Die Natur war mit den Sinnen erfahrbar, studierbar, prüfbar. Und soweit sie nicht erkennbar war, durfte sie nicht in den Dienst der Erkenntnis genommen werden. Das war die Leistung La Mettries: nicht zu spekulieren. Er sagte, welche Vorstellungen von welchen Erfahrungen kommen. Religion, Moral und Politik müssen nützen, Philosophie muß die Wahrheit sagen. Man hat sich geeinigt. Man hat die Sprachgebräuche jahrhundertelang kultiviert zu dem einen Ziel: wie kann das, was uns als Religion wichtig geworden ist, so formuliert werden, daß die Vernunft damit leben kann. Der studierte Arzt La Mettrie entzieht die Philosophie diesem Dienst. Die Philosophie hat es nur mit der Natur zu tun. Ihr muß sie entsprechen. Dem, was die Sinne erfahren können, muß sie entsprechen. Dann wird sie, hat er zumindest angedeutet, den Segen, den Religion und Moral stiften, nicht nur nicht mindern, sondern ihn vermehren. Er wollte keinen Streit. Es liegt in der Sanftmut meines Charakters (la douceur de mon caractère), jeden Streit zu vermeiden, solange es nicht darum geht, eine Unterhaltung zu verschärfen. Aber als Arzt, der die Natur erforschte und als Philosoph, der sich verbot, über die Erfahrung hinauszugehen, mußte er formulieren, daß es im ganzen Universum nur eine einzige Substanz – in unterschiedlicher Gestalt – gibt. Und diese Substanz, die Materie nämlich, kann empfinden, und das nicht nur im Menschen, sondern auch schon im Tier, ja, die Materie ist sogar gewissensfähig. Das hat ihm nichts als Hohn und Zorn eingebracht. Friedrich II. hat ihn aufgenommen und beschützt, als er zum zweiten Mal – diesmal aus Holland – emigrieren mußte. Salomon des Nordens hat er seinen Potsdamer Philosophenkönig genannt. Er lebe an Friedrichs Hof, hat er bezeugt, in einem Paradies für Philosophen. Er hat, so sanftmütig und lebenslustig er sich fühlte, seine Einsichten immer auch mit fröhlicher Schärfe formuliert. Nicht streit-, sondern wahrheitssüchtig. Daß die Materie empfindungs- und gewissensfähig, beziehungsweise daß auch der empfindungs- und gewissensfähige Mensch rein stofflicher Natur sei, das verzieh ihm weder die Kirche, noch die Universität.

Inzwischen haben die Naturwissenschaften das Sagen, wenn unterschieden werden soll zwischen unbelebter Materie und Lebewesen. Zirka zwei Milliarden Jahre lang seien sich, heißt es jetzt, Nukleinsäuren und Proteine begegnet, ohne daß eine Zelle entstanden wäre, die lebend genannt werden kann, also eine Zelle, die aus ihrer…

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