Entschleunigung

Vielen geht vieles zu schnell – was eben noch Lust bereitete, wird jetzt zur Last; die Augen ermüden, der Körper wird träge, die Reaktionsgeschwindigkeit lässt nach, vielgestaltige Reize können nicht mehr gleichzeitig verarbeitet werden. Darum fahren ältere Menschen langsamer Auto, verlieben sich nur noch selten und schauen nicht gerne Videoclips. Gealterten Gesellschaften geht es ähnlich. In ihnen wächst der Drang nach Entschleunigung.

Entschleunigung

Durch die Lande hallt in regelmässigen Abständen der Ruf nach der «guten, alten Zeit» – meist dann, wenn die Dinge nicht mehr laufen wie gewohnt; wenn entscheidende Umbrüche und ein Gang ins Ungewisse anstehen. In Zeiten universeller Moderne wie der unseren finden sich dafür andere Vokabeln. «Gute, alte Zeit» riecht nach engen Verhältnissen, fettem Essen, fadem Sex, autoritären Strukturen. Dahin will keiner zurück. Wohl aber wächst die Sehnsucht, sich wieder so aufgehoben zu fühlen wie einst. Seit die Finanzmärkte kriseln und niemand mehr weiss, wie die Zukunft auch nur mittelfristig aussieht, ist die Gegenwart endgültig in Verruf geraten. «Entschleunigung» ist neben «Nachhaltigkeit» und «sozialer Geborgenheit» eine jener Chiffren, die den sehnsuchtsvollen Blick zurück auf moderne Weise bemänteln und scheinbar vom Ballast der Vergangenheit befreien. Sten Nadolnys Roman «Die Entdeckung der Langsamkeit» hat ausgangs des letzten Jahrhunderts das Unbehagen am schnellen Lebensstil der Gegenwart eher mittelmässig vorformuliert. Langsamkeit wird darin ohne echte Begründung mit Kreativität, Willenskraft und Beharrlichkeit gleichgesetzt, jenseits der angeblich ruinösen Schnelllebigkeit der Moderne: eine Steilvorlage für all jene, die immer schon zu romantischen gesellschaftlichen Bildern neigten.

Das viel breitere, ausgefeilte Konzept der Entschleunigung zielt nun auf alles, das irgendwie verdächtig ist, an der Verdriesslichkeit der Gegenwart schuld zu sein: Verkehr, Mobilität, weltweite Märkte, Internet, Kunststoff, Fast-Food, überhaupt die gesamte Komplexität des globalen Lebens – das erst in der Entzerrung und Beschleunigung etlicher ineffizienter Prozesse zu jenem hohen Wohlstand geführt hat, den das Konzept der Entschleunigung allerdings bewahren will. Denn auf die Standards zurückzufallen, wie sie in langsameren Zeiten galten, inklusive medizinischem Notstand, Hunger und Armut, ist im entschleunigenden Denken nicht vorgesehen. Im Prinzip soll alles so bleiben, wie es ist, nur irgendwie langsamer, gesünder, kreativer, kurz: nachhaltiger werden. Die Idee also, mit gezielter Verlangsamung in Produktion und Vertrieb, im Privaten wie im Beruf, dem Leben verlorene Qualität zurückzugeben und zugleich die Wirtschaft am Laufen zu halten, gemahnt an die Quadratur des Kreises. Kaum von unseriösen Zinskonditionen verschieden, malt sie ein trügerisches Bild ökonomischen Selbstlaufs ohne nennenswerte Anstrengung.

Zudem ist die dahinter stehende, sich der Zukunft verweigernde Haltung alles andere als neu.  Zu Beginn der Industrialisierung erregten die schnellen mechanischen Webstühle grossen Argwohn, noch mehr die Eisenbahn, der man einst vorrechnete, dass Geschwindigkeiten von mehr als 10 km/h ungesund wären und bei über 30 km/h tödlich endeten. Rousseaus Kampfruf «Zurück zur Natur» setzte schon im 18. Jahrhundert den heute noch gültigen Rahmen für solche geistigen Pirouetten. Neu ist im entschleunigenden Denken allerdings die Überzeugung, dass der Mensch die Kontrolle über seine Lebensbedingungen vollständig verloren habe. Denn nicht mehr der Mensch treibe den immer schneller und destruktiver sich entwickelnden Fortschritt voran, sondern die kapitalistischen, industriellen Umstände, in deren Strudel die Menschheit geraten sei.

Neu ist indes auch und im entschleunigenden Kontext kein Zufall, dass die Bevölkerungspyramide sich umzudrehen beginnt. Wo mehr Alte als Junge sich tummeln, lässt der Reiz der Geschwindigkeit nach und diktiert die Mehrheit der Minderheit die Bedingungen. Anders gesagt kommt die alternde Mehrheit mit dem notwendigen Tempo der Entwicklungen einfach nicht mehr mit. Ihre nachlassende Fähigkeit, angemessen auf die Herausforderungen der Zukunft zu reagieren, korrespondiert mit der trügerischen Rückschau auf bessere Zeiten. Und so mutet die entschleunigende Errettung aus dem vermeintlichen industriellen, kapitalistischen Verhängnis wie die Vertuschung gesellschaftlicher Gebrechen an. Worum es geht, ist in Wahrheit die komfortable, gemütliche Einrichtung eines Altersheims. Ohne Rücksicht auf die Frage, wer die unproduktiven, teuren Unterhaltskosten bezahlen soll.

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»